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Was ist was? Pharmalobby wirbt mit Büchermarke

Kinder fragen gerne. Die Buchreihe "Was ist was?" greift das erfolgreich auf. Die Idee des Tessloff-Verlags gefällt auch der Pharmalobby - sie nutzt das bekannte Label für ihr Marketing.

Im Stil der Was-ist-Was-Reihe: Pharma-Werbung Foto: www.vfa.de

50 Jahre. In den vergangenen 50 Jahren  sind in Deutschland 46 Millionen Kinder zur Welt gekommen. Sie wachsen auf, lernen die Welt kennen und stellen Fragen. Warum können Flugzeuge fliegen? Welche Spinnen jagen mit Lassos? Warum ist die Erde rund? Fragen, auf die die  Was-ist-Was Buchreihe  ganzen Generationen verlässliche Antworten lieferte. Im Herbst wird es 50 Jahre her sein, seit die ersten vier Bände erschienen sind. Die Buchreihe machte den Nürnberger Tessloff-Verlag bekannt.

Doch der Verlag scheint mit der berühmten Kinderbuchmarke nicht mehr so sorgsam umzugehen, wie sie es verdient hätte. Zwar sagt eine Sprecherin: „Was-ist-Was ist eine Marke, die für gut recherchierte, sachkundige Informationen steht.“ Doch wenn es ums Geld geht, wird offenbar auch mal ein Auge zugedrückt. Zum Beispiel, als  die forschenden Pharmahersteller mit einer Idee anklopften. Entstanden ist nun die Ausgabe: „Was-ist-Was - Wie entsteht ein Medikament?“

Die Ausgabe  handelt von ungewöhnlichen bis abenteuerlichen Heilmitteln im alten Ägypten,  wie Honig, Bier und toten Mäusen, erklärt, wie Arzneimittel früher und heute entdeckt werden und  wie sie im Körper wirken. Auch die Anliegen der Pharmaindustrie kommen nicht zu kurz. Viele der in dem Heft behandelten Themen stehen auch im Zentrum der politischen Arbeit des Verbandes. Es geht um die bedeutende Rolle der Arzneimittelhersteller bei der Bekämpfung noch unheilbarer Krankheiten, um die hohen Forschungsausgaben oder die ausführliche Prüfung und Sicherheit neuer Arzneien. Was geschrieben wird ist richtig.

Doch der Ausgabe fehlt die Was-ist-Was-Büchern typische, kritische Distanz.  So wird zum Beispiel der Punkt Kinderarzneien angesprochen, aber kein Wort darüber verloren, dass es davon noch immer viel zu wenige gibt. Das Heft erklärt auch, dass für die Zulassung eines Präparats den Behörden „die Zahlen, Daten und Fakten aus allen Studien“ vorgelegt werden müssen. Aber es geht nicht darauf ein, dass immer wieder Unternehmen auffliegen, die nachteilige Studiendaten zurückgehalten haben. Kein Wort auch dazu, dass der Nutzen vieler Medikamente zweifelhaft ist.  Die Autorin des Hefts, die Wissenschaftsjournalistin Claudia Eberhard-Metzger,  erklärt zudem nicht, dass die Konzerne nur Mittel entwickeln, die wirtschaftlichen Erfolg versprechen – und dass es für viele Krankheiten deshalb keine Gegenmittel gibt.

Das alles widerspricht der Beteuerung der Tessloff-Sprecherin, dass  darauf geachtet worden sei, dass „keine falschen oder tendenziellen Informationen“ verwendet werden. Zwar ist gut erkennbar, dass die Pharmahersteller Herausgeber des Heftes sind. Dass die  berühmte Reihe  als Steigbügelhalter für die Marketingaktivitäten der Industrie dient, dessen ist man sich aber auch in Nürnberg bewusst.

„Die Pharmaindustrie ist sehr stark daran interessiert, eine wissensneutrale Marke wie Was-ist-Was zu nutzen“, sagt die Sprecherin.  Natürlich habe dieses, so die Sprecherin, einen „Marketing-Hintergrund“. Es sei nicht das erste Mal, dass der Verlag eine solche Sonderausgabe mache, auch mit dem Roten Kreuz und der Bauindustrie habe es schon Projekte gegeben. Doch da seien „die Bauchschmerzen nicht so groß gewesen“. Was der VFA für die Lizenzrechte bezahlt hat, wollen weder der Verlag noch der Verband sagen.

Im Handel wird die Ausgabe nicht zu erhalten sein. Der Pharmaverband vertreibt die Hefte kostenlos, zum Beispiel über seine Webseite. Dort können Einzelexemplare und ganze Klassensätze bestellt werden. Pharmaunternehmen wollen die Hefte zudem auf Veranstaltungen verteilen. 30.000 Exemplare wurden nach Angaben des VFA produziert. Beworben wird das Heft als Beitrag zum Wissenschaftsjahr  2011 des Bundesforschungsministeriums. Und natürlich ist es im Prinzip eine ehrenwerte Aufgabe, das Interesse junger Menschen für Wissenschaft und Medizin zu  wecken. Doch zu  den Grundvoraussetzungen für wissenschaftliches Arbeiten gehört auch die kritische Distanz.

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