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Wall Street Kleines Mädchen gegen großen Bullen

Feministin, Kapitalismuskritikerin oder Trump-Gegnerin? Die Statue „Fearless Girl“ an der Wall Street bietet dem Bullen jedenfalls die Stirn.

„Fearless Girl“ in New York
Die Bronzestatue des „Fearless Girl“ wurde an der New Yorker Börse aufgestellt, um für eine stärkere Repräsentation von Frauen in Führungspositionen zu demonstrieren. Foto: dpa

Die Demonstranten der Occupy-Bewegung waren vom ersten Augenblick an in der Unterzahl, als sie am 17. September 2011 ins New Yorker Bankenviertel strömten, um dort einen Dauerprotest gegen soziale Ungerechtigkeit und die Auswüchse des Finanzkapitalismus zu installieren. Praktisch gleichzeitig mit den Besetzern trafen an der Wall Street Hundertschaften von New Yorker Polizisten ein, um das Treiben eng zu überwachen und jedwede Störung des Geschäftslebens im Börsenumkreis zu verhindern.

Eine der ersten Institutionen des New Yorker Finanzbetriebs, die durch die blau uniformierten Ordnungshüter geschützt wurde, war der kupferne Bulle am Ursprung des Broadway – ein ikonisches Symbol für die aggressive Kraft der Finanzmärkte. Die Verkehrsinsel, auf welcher der Bulle seit 30 Jahren schnaubend und in Angriffsstellung den Eingang zum Viertel markiert, wurde verbarrikadiert und mit einer bewaffneten Einheit umstellt.

So überstand der Bulle – den der sizilianisch-stämmige Künstler Arturo di Modica 1987 hier installierte, um den Börsianern nach dem damaligen Crash Mut zu machen – die Occupy-Bewegung unbeschadet. Zumindest äußerlich jedenfalls, denn das Denkmal ist in der öffentlichen Wahrnehmung spätestens seit Occupy eher in Ungnade gefallen. Statt wie Ende der 80er Jahre die Widerstandskraft der amerikanischen Wirtschaft darzustellen, wird es immer mehr als Zeichen der Arroganz und Gier der Wall Street gesehen.

Als dem Bullen zum Weltfrauentag in diesem Jahr die Plastik eines jungen Mädchen gegenübergestellt wurde, das dem hormonschweren Bullendrang zur bedingungslosen Profitmaximierung ein anschauliches Gegengewicht bot, applaudierte das linksliberale New York deshalb auch einhellig. Bürgermeister de Blasio, der die Wahl mit dem Versprechen des sozialen Ausgleichs gewonnen hatte, ließ sich mit dem „Fearless Girl“ ablichten. Die demokratische Senatorin Elizabeth Warren, eine der unerbittlichsten Kämpferinnen gegen die Macht des One Percent, postete ein Selfie mit dem Mädchen und schrieb dazu: „Fight Like a Girl.“

Die vermeintliche Guerilla-Kunstaktion passte scheinbar perfekt in den politischen Moment des Landes. Zur Inauguration von Donald Trump waren es Frauen gewesen, die den globalen Widerstand gegen die neue Regierung und alles, wofür sie steht, mobilisiert hatten. Feminismus als Kampf nicht nur für Frauenrechte, sondern als Kampf für weibliche Prinzipien und Werte schien das Gebot der Zeit zu sein. Das Amerika Donald Trumps braucht mutige Mädchen, die sich einem reaktionären Machismo in Politik und Wirtschaft entgegenstellen.

Die Tatsache, dass der Schöpfer des Bullen, Arturo Di Modica, gegen das Mädchen protestierte, wurde angesichts dieser eindeutig positiven Botschaft anfänglich als Miesepeterei eines Ewiggestrigen angesehen. Doch je länger das Fearless Girl auf dem Broadway stand, desto mehr wandelte sich die Einstellung zu dem Mädchen.

Der Meinungsumschwung war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass immer mehr die Urheberschaft der Aktion in das öffentliche Bewusstsein sickerte. Anders als damals der Bulle von Modica handelte es sich bei dem Fearless Girl nämlich mitnichten um eine Sponti-Aktion. Die Plastik ist kein Beispiel von Guerilla- Kunst, sondern eher von Guerilla-Marketing.

Hinter dem Werk steckt die Firma State Street, eine global operierende Investment-Firma mit geschätzten zweieinhalb Billionen Dollar an Vermögenswerten. Zu den Großinvestitionen von State Street gehören Konzerne in der Öl- und in der Rüstungsindustrie. 18 Milliarden an State Street Kapital liegt bei Exxon Mobile, zwölf Milliarden bei Lockheed Martin. Die Tomahawk-Raketen, die Trump auf Syrien abgeschossen hat, wurden ebenso mit State-Street-Geld gebaut wie eine Mikrowellenpistole, die weltweit von Polizeikräften gegen Demonstranten eingesetzt wird.

So wollte State Street auch mit dem Fearless Girl mitnichten ein Zeichen gegen den Kapitalismus setzen. Vielmehr wollte man zum Weltfrauentag demonstrieren, dass man eine stärkere Repräsentation von Frauen in Führungspositionen befürwortet. „Das Mädchen erhebt ihre Faust nicht gegen den Bullen“, sagte eine Sprecherin der Firma. „Sie ist vielmehr da, um ihre Rolle in der Expansion des wirtschaftlichen Wohlstandes in der Welt einzufordern.“

Das Fearless Girl sollte sich nicht tapfer dem aggressiven Tendenzen eines rücksichtslosen Turbokapitalismus entgegenstellen. Es sollte lediglich, wenn man den Verlautbarungen von State Street glauben schenken darf, dem wilden Bullen ein freundlicheres Gesicht an die Seite stellen. Wirtschaftlicher Expansionsdrang, so die Message, kann nicht nur von ungezügelten Bullen ausgehen, sondern auch von mutigen Mädchen.

Doch die Ambivalenz der Symbolik kann wenigstens den Fachleuten von McCann Ericsson, der von State Street beauftragten Werbeagentur, nicht gänzlich unbewusst gewesen sein. Das Mädchen, das auf dem Bullen tanzt, war schließlich eines der wirkmächtigsten Bilder, die der Occupy-Protest produziert hatte. Das Bild zierte bereits die Titelseite des Magazins „AdBusters“ – jener kanadischen Zeitschrift, die im Juni 2011 dazu aufgerufen hatte, die Wall Street zu besetzen. Drei Monate später folgte die Jugend der Welt ihrem Ruf.

„AdBusters“-Gründer Kalle Lasn gilt als Erfinder der Technik des „Culture Jamming“ – der Aneignung von Mainstream – Medien und Formaten, um subversive Botschaften zu transportieren. So produzieren Lasn und sein Partner Bill Schmaltz Druck-Anzeigen und Werbefilme mit einer deutlich antikapitalistischen Botschaft. So wie eben auch das Mädchen, das auf dem Bullen tanzt.

In Werbekreisen ist „AdBusters“ weit verbreitet und wohl bekannt. Daran, dass die Kreativdirektoren von McCann ihre Inspiration für das Fearless Girl aus dem Heft von Lasn bezogen haben, kann kaum ein Zweifel bestehen.

Der Zynismus hinter dieser Strategie von McCann ist allerdings beachtlich. Die subversive Taktik der „AdBusters“ wird dazu benutzt, die Subversion gegen sich selbst zu wenden. Die anti-kapitalistische Botschaft wird zum Branding- und Marketing-Instrument eines hyperkapitalistischen Unternehmens.

Der Versuch von State Street, sich in Zeiten von Trump als systemkritisch zu gerieren, steht unterdessen nicht alleine. Schon seit der Wahl Donald Trumps positionieren sich immer mehr Unternehmen in Opposition gegen die Regierung. Die gebildete urbane Elite Amerikas ist als Werbezielgruppe deutlich attraktiver als die Trump-Wähler aus dem Hinterland. In einem polarisierten Land, in dem man es nicht vermeiden kann, Stellung zu beziehen, entscheidet sich die Wirtschaft immer eindeutiger gegen die testosteronreiche Regierung.

So bezogen schon während des Super-Bowls und den Oscars zahlreiche Werbespots deutlich Stellung gegen Trump. Da war etwa der einwanderungsfreundliche Clip der Budweiser Brauerei oder die Spots von Air BnB und Expedia, die religiöse und ethnische Vielfalt zelebrierten. Da war die Werbebotschaft des Hörbuchanbieters Audible, in welcher der Schauspieler Zachary Quinto den dystopischen Klassiker „1984“ vorliest. Und schließlich blamierte sich erst vor wenigen Wochen der Brausekonzern Pepsi damit, dass er sich all zu plump an die Widerstandsbewegung gegen Trump anbiederte.

Einen Silberstreifen gibt es unterdessen am Horizont dieser Geschichte. Denn den meisten der vielen Passanten und Touristen, die sich in New York täglich mit dem Bullen und seinen überdeutlich ausgeprägten, glänzenden Hoden gegenseitig fotografieren, wird die Entstehungsgeschichte des Fearless Girl nicht zwangsläufig bewusst sein. Für sie bleibt das freche Mädchen einfach ein freundliches Gegenwicht zum destruktiven Spekulantentum im Zentrum der amerikanischen Finanzwirtschaft. Und bei den Eingeweihten kommt State Street in der Mehrheit wohl mit seinem Zynismus auch nicht so gut weg, wie man sich das in den Brainstormings der Werbeleute vielleicht erhofft hatte.

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