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Wadan-Werft Volle Kraft voraus in den Untergang

Der Bankrott der ostdeutschen Wadan-Werft war mutmaßlich von Anfang an geplant. Russische Mafiosi und ehemalige Politiker stehen unter Verdacht.

05.12.2016 16:15
Anastasia Kirilenko
Blick am Freitag 20 03 2015 auf die Nordic Werft in Warnemünde zur Dämmerstunde Die Werft wurde n
Bildlich gesprochen befand sich das Geschäft um die Werften stets hinter einer dichten Nebelwand. Foto: imago/BildFunkMV

Am Anfang flossen viele Millionen, später floss Blut und jetzt ist es still geworden rund um die ostdeutschen Werften in Wismar und Warnemünde. Dabei hätten deutsche Ermittler immer noch genügend Anlass, sich mit den Machenschaften der ehemaligen russischen Besitzer der Werften auseinanderzusetzen.

Es geht um die Firma Wadan Yards, die von der russischen staatseigenen Gruppe Financial Leasing Company (FLC West) im Jahr 2008 für 249 Millionen Euro gekauft wurde. Andrej Burlakow war der offizielle Vertreter von FLC. Der ehemalige sowjetische Militär hatte den ostdeutschen Schiffsbauern Milliardenaufträge aus seiner Heimat versprochen. Er sagte ihnen eine goldene Zukunft voraus, sprach von dringend benötigten Flüssiggastransportern für den Konzern Gazprom und davon, dass „wir zu wenig Mitarbeiter haben“.

Nur ein Jahr später meldet das Unternehmen Insolvenz an. Rund die Hälfte der 2500 Mitarbeiter sollte entlassen werden. In Wismar blockierten die Arbeiter den Zugang zur Werft, die ganze Geschichte stank so sehr, dass sogar Kanzlerin Angela Merkel persönlich beim damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew vorstellig wurde und nach den Hintergründen des Geschäfts fragte. Laut „Spiegel“ soll eine Verbindung zwischen Burlakow und dem Kreml bestanden haben.

Kurz darauf erhielten die Wadan Yards einen neuen Investor, Witali Jussufow. Der erst 29-Jährige ist der Sohn eines ehemaligen russischen Energieministers, er spricht gut Deutsch und machte wieder große Versprechungen. In Russland nahmen Ermittler derweil die Firma FLC West unter die Lupe, im Raum stand der Verdacht, dass das Werften-Geschäft der Unterschlagung von Geld dienen sollte. Burlakow wurde verhaftet, kam wieder frei und wurde im September 2011 in Moskau erschossen, seine Ehefrau wurde bei dem Anschlag schwer verletzt. Heute lebt sie im Ausland und belastet Vater und Sohn Jussufow. Ihr Mann habe quasi in deren Auftrag gehandelt.

Der Bankrott der Wadan Yards in Wismar und Warnemünde war mutmaßlich von Anfang an geplant, um Geld von der staatlichen FLC abzuzapfen. Diesen Verdacht erwecken nach Recherchen der Frankfurter Rundschau Gespräche zwischen russischen Verdächtigen, die spanische Ermittler abgehört haben. Zehn Jahre lang haben spanische Staatsanwälte wegen Verdachts auf Geldwäsche gegen russische Staatsbürger ermittelt und dabei eine Verbindung zwischen den Fällen in Spanien, FLC und den Wadan Yards offengelegt. Der Staatsanwalt Jose Grinda Gonzales sagte nun der Frankfurter Rundschau, dass Spuren aus Spanien zu den Wadan Yards führen. Wie Grinda berichtete, habe er bereits im Januar 2011 der Schweriner Staatsanwaltschaft Informationen bezüglich der Werften übergeben und seine deutschen Kollegen aufgefordert, in diesem Fall zu ermitteln. Doch die Staatsanwälte in Mecklenburg-Vorpommern kamen nicht weit.

„Mangels hinreichendem Tatverdachts wurde das Verfahren eingestellt“, teilte jetzt eine Staatsanwältin der ermittelnden Behörde in Schwerin auf Anfrage der FR mit. Die Vorermittlungen seien im Oktober 2012 beendet worden. „Mehr sagen wir zu dem Verfahren nicht.“

Schlüsselrollen in der Verbindung zwischen dem Fall der russischen Mafiosi in Spanien und den ostdeutschen Werften spielen nach Ansicht von Grinda der aus Russland stammende Mafioso Gennadios Petrow und der formelle Generaldirektor der Wadan Werften im Jahr 2008 Nail Maljutin. Nach Recherchen der Spanier soll Petrow in Besitz von FLC-Aktien gewesen sein und gemeinsam mit Maljutin die Insolvenz der Werften verabredet haben: „Es gab Absprachen zwischen Maljutin und Petrow, die Werften in Konkurs zu führen“, erläuterte Grinda.

Das staatliche FLC-Geld wurde vor dem Bankrott der Werften auf ein Luxemburger Konto abgezweigt, das offiziell der Firma FLC gehörte und im Besitz des später erschossenen Burlakow war. Maljutin aber behauptet im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau, dass Witali Jusuffow über eine weitere Firma auf den britischen Jungferninseln 74 Prozent an FLC hielt.

Bildlich gesprochen befand sich das Geschäft um die Werften stets hinter einer dichten Nebelwand. Die Personen, die öffentlich im Zusammenhang mit den Werften auftraten, beschuldigen sich nun gegenseitig.

Maljutin sitzt aktuell in einem Abschiebegefängnis in Österreich. Er wird von russischen Ermittlern beschuldigt, mit dem staatlichen FLC-Geld illegale Immobiliengeschäfte in Spanien getätigt zu haben und in zwei Mordanschläge verwickelt zu sein. Er wehrt sich gegen die Vorwürfe und versucht, seiner Überstellung zu entgehen. Auf Fragen der Frankfurter Rundschau, die ihm seine Ehefrau im Gefängnis überreichte, sagte er, dass die Nutznießer des dubiosen Werften-Geschäftes der Vater von Witali Jussufow war – der ehemalige Energieminister und Gazprom-Mann Igor Jussufow –, sowie ein hochrangiger Vertreter in der russischen Regierung.

Das hieße, dass über eine in Deutschland ansässige Firma russische Mafiosi und russische politische Figuren Geld aus dem russischen Staatsbudget abgezweigt hätten, indem sie Wadan Yards in den Bankrott führten. Das zumindest behauptet der spanische Ermittler Grinda – seine Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern sehen das nicht.

Für die Arbeiter der Werften eröffnet sich derweil ein neues Kapitel. Seit März 2016 gehören sie dem malaysisch-chinesischen Schifffahrtunternehmen Genting Hong Kong, Kaufpreis 230 Millionen Euro. Der Warnemünder Betriebsratschef Harald Ruschel spricht von einer „neuen Chance“. Statt Flüssiggastanker für die Russen werden nun Kreuzfahrtschiffe für asiatische Touristen gebaut.

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