Lade Inhalte...

Volkswagen VW hinkt hinterher

Das Geld sprudelt, der Absatz bricht Rekorde - aber beim Kulturwandel hapert es: Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei Volkswagen auseinander.

Volkswagen - Hauptversammlung
Der neue Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Herbert Diess, soricht auf der Hauptversammlung 2018. Foto: dpa

Hehre Worte gab es auf der Volkswagen-Hauptversammlung vom neuen Vorstandschef Herbert Diess zu hören. Doch das genügte den Aktionären nicht. Zweieinhalb Jahre nach der Aufdeckung des Abgasskandals stellten sie die Frage, wie Anspruch und Wirklichkeit im Unternehmen zusammenpassen. Außerdem musste der Top-Manager einräumen, dass der weltgrößte Autobauer auf massive Probleme angesichts schärferer Abgas- und Verbrauchsnormen zufährt.

Diess sagte auf dem Aktionärstreffen in Berlin, der Konzern müsse „aus Fehlern lernen, Schaden wieder gut machen“ und sich „auf neue Herausforderungen vorbereiten“. Bei Letzterem ist in der Vergangenheit offenbar nicht alles rund gelaufen. Der vor wenigen Wochen ernannte Konzernlenker sprach von der Herausforderung durch den neuen WLTP-Prüfzyklus. Die vier Buchstaben stehen für „Worldwide harmonized Light vehicles Test Procedure“. Das ist ein Verfahren, um den Verbrauch und damit auch den CO2-Ausstoß der Fahrzeuge auf dem Prüfstand zu ermitteln.

Der Test soll den realen Bedingungen auf der Straße näher kommen als die bislang geltenden Vorschriften aus den frühen 90er Jahren. Die neuen, vielfach deutlich höheren Werte, müssen von September an für alle Neufahrzeuge in der EU ermittelt werden. Der Termin ist seit Jahren bekannt. Diess musste gleichwohl zugeben, dass sich unter ungünstigen Umständen „temporär Engpässe in unserem Angebotsprogramm“ ergeben könnten, weil Tests nicht rechtzeitig durchgeführt werden können, was auch mit der Verfügbarkeit der Technischen Dienste und den Kapazitäten der Genehmigungsbehörden zusammen hänge.

Probleme in der Motortechnik

Branchenkenner vermuten indes, dass diese missliche Lage auch mit Problemen bei der Motortechnik zu tun haben. Denn Volkswagen hinkt bei einem weiteren Punkt in Sachen Abgase weit der Konkurrenz hinterher: Bei der strengen Abgasnorm Euro 6D-temp, die ab 2019 für alle Neuzulassungen gilt. Dabei geht es unter anderem um die Werte für die giftigen Stickoxide (NOX), die beim WLTP-Test ermittelt werden. Zu hohe NOX-Werte sind der Grund für drohende Fahrverbote in vielen Städten. Der ADAC empfiehlt deshalb allen Autofahrern, die sich einen neuen Diesel zulegen wollen, nur Autos zu kaufen, die die Euro-6D-temp-Ansprüche erfüllen, da diese von möglichen Verkehrsbeschränkungen mit ganz großer Sicherheit ausgenommen werden. Volkswagen bietet laut aktueller ADAC-Liste aber gerade einmal drei Modelle an, die die strengen Vorgaben erfüllen – zwei Audis (A6, A7) und einen Up-Kleinwagen. Bei anderen Herstellern sind es erheblich mehr. Etwa bei Mercedes 21 und bei BMW/Mini 18 Modelle. All dies passt nicht zu Diess‘ Ansage auf der Hauptversammlung, Volkswagen müsse „vorangehen, wenn es um die Zukunft des Dieselantriebs“ gehe.

Heftige Vorwürfe gab es deshalb von Jens Hilgenberg, der in Berlin für die Umweltorganisation BUND und den Dachverband der kritischen Aktionäre sprach: „Hören sie auf die Neuwagenkunden weiter für dumm zu verkaufen“, sagte er mit Blick auf den Vorstand. Obwohl der Großteil der Diesel des Konzerns nicht Euro 6D entspreche, werde nach wie vor medienwirksam behauptet, die Fahrzeuge würden die neueste Abgasnorm erfüllen.

Diess räumte auf der Hauptversammlung aber selbstkritisch ein, dass der vielfach beschworene Kulturwandel im Unternehmen entschlossener angegangen werden müsse – die im September 2015 aufgedeckten systematischen Betrügereien bei Abgaswerten wurden auch auf autoritäre Strukturen im Konzern zurückgeführt. Diess forderte: Volkswagen müsse „ehrlicher, offener, wahrhaftiger, in einem Wort: anständiger werden.“ Hintergrund dieses Appells dürfte auch sein, dass Larry Thompson kürzlich massive Kritik an der Aufarbeitung des Skandals geübt hat. Es fehle an Ernsthaftigkeit beim „Willen zum Wandel“, sagte der US-Jurist, der die Umsetzung von Prinzipien der guten Unternehmensführung überwacht.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen