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Volkswagen Neue Machtfülle erinnert an Winterkorns Zeiten

Autoexperten sehen die Machtfülle des neuen VW-Chefs Herbert Diess kritisch. Der Umbau mache den Konzern nicht schneller, sondern im Gegenteil behäbiger.

Volkswagen
Stark gefragt: der neue VW-Chef Herbert Diess. Foto: dpa

Vielleicht hat Hans Dieter Pötsch auf der Volkswagen-Pressekonferenz am Freitag den entscheidenden Satz gesagt. Die Synergien, die sich aus dem geplanten Umbau des Konzerns ergeben, seien „noch nicht durchbewertet“, so der frühere Finanzchef und heutige Aufsichtsratsvorsitzende des Wolfsburger Unternehmens. Doch immerhin herrscht beim Führungspersonal nach einer Woche mit viel Aufregung nun Klarheit.

An der Spitze steht Herbert Diess, der bislang für die Marke VW zuständig war. Aber es bleibt ein Rätsel, warum sein Vorgänger Matthias Müller überhaupt gehen musste. Diess und Pötsch betonten während der Pressekonferenz mehrfach, dass die Transformation des Konzerns nun beschleunigt werden müsse. Ohne es direkt auszusprechen, wollten die beiden damit wohl zum Ausdruck bringen, dass es bislang unter Müller zu langsam gegangen war. Dabei hat der Manager ein gigantisches Investitionsprogramm auf den Weg gebracht, das Volkswagen bis 2025 bei Elektromobilität, autonomem Fahren und neuen Mobilitätsdiensten ganz nach vorne bringen soll. Pötsch betonte denn auch, dass an diesem Programm festgehalten werde.

Umso mehr stellt sich die Frage nach den wahren Gründen für den Machtwechsel. Branchenkenner vermuten, dass es zwischen Müller und Vertretern von wichtigen Anteilseignern vor einigen Tagen heftig gekracht haben muss. Da könnte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) in Frage kommen – das Land hält 20 Prozent der stimmberechtigten Stammaktien. Oder der Familienclan Porsche-Piëch. Ursache für ein Zerwürfnis könnten Äußerungen von Müller in diversen Interviews gewesen sein. So hat er unter anderem die Steuerbegünstigung für Diesel in Frage gestellt, was unter den deutschen Top-Automanagern bislang ein Tabu war. Ferner hat er unter anderem gefordert, dass die Führungsgremien des Konzerns weiblicher und internationaler werden müssten. Tatsächlich kommen zwei Männer neu in den Vorstand: Porsche-Chef Oliver Blume und Gunnar Kilian als Personalchef.

Diess wird derweil mit einer Machtfülle ausgestattet, die an seinen Vorvorgänger Martin Winterkorn erinnert. Denn er ist nicht nur für Entwicklung, Strategie und Digitalisierung zuständig, sondern bleibt auch Boss der Marke VW. Die gehört künftig mit Skoda und Seat zur „Volumengruppe“. Die Pkw-Marken sind außerdem in die Segmente Premium und Superpremium eingeteilt. Wobei die Lamborghini-Boliden neben Audi erst einmal zum Premium gehören. Diess deutete aber an, dass sich das noch ändern werde. Lamborghini soll Superpremium werden, wo Porsche, Bugatti und Bentley schon zu Hause sind. Generell wurde deutlich, dass bei dem Umbau-Konzept noch einiges unausgegoren und „nicht durchbewertet“ ist.

Der Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB erinnert indes daran, dass es eine Gruppenbildung für die Marken schon vor mehr als zehn Jahren gab. „Wahrnehmbar gelebt wurde das aber nie“, so Schwope, der auch Diess’ neue Machtfülle unter dem Slogan „Zurück in die Zukunft“ fasst. Auch Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer spricht von einem „Zurück zu altem Zentralismus“, der den Konzern nicht schneller, wie von Pötsch und Diess deklariert, sondern langsamer und behäbiger machen werde.

Spannend wird, wie die bislang nur grob skizzierte Zusammenführung der Komponentenwerke mit dem Einkauf funktionieren soll. Volkswagen stellt viele Bauteile selbst her, das ist wegen hoher Löhne teurer, als sie bei Zulieferern einzukaufen. Hier ist ein wichtiger Posten vakant. Denn der umstrittene Einkaufschef Francisco Garcia Sanz geht und kommt damit wohl einem Rauswurf zuvor. Kommissarisch übernimmt Ralf Brandstätter den Posten, der bislang für die Marke VW einkaufte. Bei den Diskussionen über „Komponente“ wird der neue Personalchef Kilian eine wichtige Rolle spielen. Vermutet wird, dass der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh seine Zustimmung zum Umbau von der Berufung Kilians – bislang Generalsekretär des Betriebsrats – abhängig gemacht hat, er ist seit Jahren ein enger Vertrauter von Osterloh.

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