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Versicherung Versichert, aber nicht abgesichert

Laut einer Untersuchung können sich die Kunden bei keinem Berufsunfähigkeitstarif darauf verlassen, dass die Assekuranz in jedem Fall auch bezahlt. Zu unklar sind die Vertragsbedingungen.

Abgedecktes Seniorenstift
Dachdecker gehören zu den Berufsgruppen, die das höchste Risiko haben, dass sie aufgrund von Unfällen oder Erkrankungen nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten können. Foto: Alex Kraus

Ein Unfall ist schnell geschehen, eine Krankheit trifft einen unerwartet – und plötzlich kann man von einem Tag auf den anderen nicht mehr arbeiten. Und dann? Dann könnte eine Berufsunfähigkeitsversicherung helfen, die eine monatliche Rente bezahlt und damit Schutz vor Armut und sozialem Abstieg bietet. Mit diesem nicht von der Hand zu weisenden Argument versuchen Heerscharen von Maklern und Versicherungsvermittlern die Bundesbürger vom Abschluss einer entsprechenden Police zu überzeugen.

Doch was, wenn die Verträge in vielen Fällen nichts taugen?

Genau das prangert der Versicherungsexperte Claus-Dieter Gorr an. „Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist für die Versicherten mehr oder weniger ein Würfelspiel“, sagt Gorr. Er ist Inhaber des Frankfurter Beratungshauses Premium Circle, das Tarifanalysen für Makler erstellt und Versicherungen bei der Tarifgestaltung berät. „Ein Großteil der Kunden bezahlt zwar eine Versicherungsprämie, hat aber keine Rechtssicherheit auf eine Leistung.“

Seine Aussagen stützt Gorr auf eine aktuelle Untersuchung von Premium Circle. Dafür wurden die Vertragsbedingungen von 46 Berufsunfähigkeitsversicherungen und 55 Berufsunfähigkeitszusatzversicherungen untersucht. Dabei stießen die Experten auf unbestimmte Rechtsbegriffe, unklare Leistungsgrundlagen und allerlei schwammige Formulierungen, „die es den Versicherungen ermöglichen, sich im Leistungsfall aus der Affäre zu ziehen“, so Gorr. „Ein Großteil der Kunden bezahlt zwar eine Prämie, hat aber keinen rechtssicheren Anspruch auf eine Leistung.“

Für die Untersuchung der Berufsunfähigkeitsversicherungen definierten die Analysten auf Basis der aktuellen Vertragsbedingungen 19 Mindestkriterien für einen Versicherungsvertrag, der den Verbrauchern bei den aktuell besten Tarifen zumindest eine 70 prozentige Chance auf Leistung einräumt. Nur sechs Verträge erfüllten diese Kriterien, einer davon wird gerade abgewickelt (siehe Infobox). Eine miese Bilanz.

„Wenn die Ergebnisse der Studie zutreffen, ist das ein Skandal!“, sagt die Verbraucherschutzexpertin der Grünen im Bundestag, Nicole Maisch. Sie bemängelt einen Mangel an Regulierung im Versicherungsbereich. Fehlende Transparenz, ein provisionsgetriebener Vertrieb und eine nicht schlagkräftige Aufsicht machten es den Verbrauchern schwierig. „Angesichts solcher Studien ist es fatal, dass Verbraucherminister Maas kein Geld für die Einführung des im Koalitionsvertrag versprochenen Finanzmarktwächters im Haushalt eingestellt hat“, so Maisch. Gorr fordert, dass der Gesetzgeber sich der Berufsunfähigkeitsversicherung annehmen muss. Dass die Versicherer von sich aus die Mängel beheben, darauf vertraut er nicht. Zumal es bislang wenig Druck auf die Unternehmen gibt. Im Gegenteil, sie können sich über viele positive Urteile freuen.

Selbst die Stiftung Warentest zeigt sich sehr zufrieden. In einer Untersuchung, die die Zeitschrift „Finanztest“ im vergangenen Juli veröffentlicht hatte, schnitten 58 von 75 untersuchten Tarifen mit der Note „sehr gut“ ab. Schon damals gab es erheblichen Protest gegen die Untersuchung.

Der Versicherungsmakler Matthias Helberg erklärte, der Test sei „unverantwortlich gestrickt“ und verwies unter anderem darauf, dass die Stiftung die Vertragsklauseln nicht ausreichend geprüft habe. Weitere Kritiker meldeten sich. Doch die Stiftung verteidigte ihre Untersuchung als korrekt. Auch andere Institutionen, wie etwa die Ratingagenturen Morgen & Morgen oder Franke & Bornberg vergeben viele gute Noten. Bei ihnen spielen nicht nur die Versicherungsbedingungen eine Rolle, sondern auch Kriterien wie der Preis oder die Servicequalität. Für Gorr sind das die falschen Kriterien, für ihn zählen nur verbindliche und eindeutige Vertragsbedingungen, die sich – falls nötig auch vor Gericht – durchsetzen lassen.

Schwammige Vertragsbedingungen

Unklare Vertragsbedingungen geben den Versicherungen Handlungsspielraum. Das kann auch einmal zugunsten des Versicherten genutzt werden. Aber es kann eben auch bedeuten, dass gegen ihn entschieden wird – womöglich auch aus sachfremden Gründen, etwa weil der Fall teuer ist und die Versicherung auf die Prämienentwicklung achten muss. Das freut zwar die anderen Versicherten, für den von der Berufsunfähigkeit betroffenen Policeninhaber aber bedeutet es, dass er faktisch jahrelang vergeblich Beiträge gezahlt hat.

Die Versicherungen weisen zurück, dass sie solche Entscheidungen treffen. Es gebe keine systematische Verzögerungs- und Ablehnungstaktik, erklärt der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Doch zuletzt wurden immer mehr Fälle von Betroffenen und Aussagen von Insidern bekannt, die daran zweifeln lassen.

Die schwammigen Vertragsbedingungen sind aber längst nicht das einzige Problem in der Berufsunfähigkeitsversicherung, weswegen sich zunehmend der Eindruck aufdrängt, dass das gesamte Produkt reformiert werden muss. „Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist ein wichtiges Thema mit leider sehr vielen Komplikationen und Problemen“, sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten. Viele Menschen würden aufgrund ihrer Gesundheit oder ihres Berufsrisikos entweder keine Versicherung erhalten oder sehr hohe Prämien zahlen müssen. Für einen Maurer werden laut einer Modellrechnung um die 400 Euro pro Monat fällig, will er bei Berufsunfähigkeit eine Rente von 1500 Euro erhalten, für einen in der Regel besser verdienenden Mathematiker dagegen lediglich etwa 70 Euro. Ergo: Wer die Versicherung am wenigsten braucht, hat die besten Chancen sie zu bekommen – und die günstigsten Konditionen.

Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen kritisiert zudem, dass sich viele Menschen die Prämie für die Berufsunfähigkeitsversicherung gar nicht bis zum Alter von 65 oder 67 Jahren leisten könnten, sondern mit 60 oder gar 55 Jahren aus dem Vertrag aussteigen müssten. Genau in der danach folgenden Phase, in der die Berufsunfähigkeit wahrscheinlich werde, seien sie dann nicht mehr versichert.

Nur gut drei Millionen Menschen besitzen derzeit eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Eigentlich müssten es viel mehr sein. Denn laut den Versicherungsmathematikern der Deutschen Aktuarvereinigung werden 43 Prozent der heute 20-jährigen Männer und 38 Prozent der 20-jährigen Frauen bis zum Rentenbeginn einmal berufsunfähig sein. Aber es ist nur zu verständlich, wenn sie sich von den Missständen abschrecken lassen.

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