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Versandhandel Onlinehändler belasten die Umwelt

Mit unnötig großen Verpackungen belasten Onlinehändler Zusteller, Verbraucher und Umwelt. Das „Paket der Zukunft“ könnte viele Ressourcen sparen.

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Versandhändler greifen immer wieder zu überdimensionierten Verpackungen. Foto: dpa

Kleines Geschenk, riesiger Karton, ganz viel zerknülltes Zeitungspapier zum Ausstopfen: Solche Schummelpakete machen zumindest Kindern großen Spaß. Weniger lustig ist es, wenn Erwachsene etwas im Internet bestellen und dann ein völlig überdimensioniertes Paket erhalten. Zum Beispiel vom bayerischen Familienunternehmen Thomann („Europas größtes Musikhaus“).

Wer dort für ein elektronisches Schlagzeug ein Becken ordert, muss sich auf einigen Verpackungsmüll gefasst machen. Das Instrument selbst steckt in einem handlichen flachen Karton. Der aber wird vor dem Versand in einem sperrigen Paket verstaut, in dem mindestens vier Becken Platz hätten. Anders als beim Schummelspaßgeschenk wird der verbleibende Freiraum nicht mit Papier, sondern mit Luftpolsterkissen aus Kunststoff vollgestopft. Auseinandergebreitet bilden sie eine Plastikschlange von mehr als neun Metern Länge.

Sogar Schlagzeug-Stöcke werden von dem angesehenen Musikalienhändler in so großen Kartons verschickt, dass darin ein ganzes Stock-Arsenal Platz hätte.

Auch andere Versandhändler greifen immer wieder zu überdimensionierten Verpackungen. Wer als erstes darunter leidet, sind die ohnehin überlasteten Paketdienste. Wenn alle Versender platzsparend packen würden, wären die Paketberge kleiner, und die Zahl der Transporte ließe sich etwas verringern – zum Wohl der Umwelt. Die Empfänger wiederum müssten sich nicht mehr mit unnötig großen Mengen von Karton- und Plastikmüll herumschlagen. Und falls sie ihre Sendung bei einer Paketdienstfiliale abholen müssen, könnten sie das mit dem Fahrrad erledigen, während sie für Großpakete doch eher das Auto anwerfen.

Welche Ausmaße dieses bisher kaum diskutierte Problem hat, kann niemand einschätzen – weder das Umweltbundesamt noch die Branchenverbände, wie eine Umfrage der Frankfurter Rundschau ergeben hat.

„Die Paketdienstleister wissen ja nicht, was in den Paketen drin ist“, sagt eine Sprecherin des „Bundesverbands Paket & Express Logistik“. Deshalb habe sich die Organisation noch nicht groß mit diesem Thema befasst. Aber klar sei: Wenn die Verpackungen optimiert würden, „wäre das natürlich absolut in unserem Sinne“.

Das „Paket der Zukunft“

Beim „Bundesverband E-Commerce und Versandhandel“ (BEVH) macht man sich schon mehr Gedanken über die äußere Hülle der Produkte. Im Oktober veranstaltete er erstmals einen „Verpackungstag“ mit Experten der beteiligten Branchen. Das Ergebnis laut BEVH-Hauptgeschäftsführer Christoph Wenk-Fischer: Das „Paket der Zukunft“ sei einfach zu handhaben und schütze perfekt die Ware, bei „kleinstmöglichen Außenmaßen und Gewicht“. „Gleichzeitig vermeidet es Müll sowie Emissionen und schont Ressourcen.“

Der BEVH hat auch schon Kunden befragt. Mit den bisherigen Verpackungen sind demnach drei Viertel der 500 Umfrageteilnehmer zufrieden oder sehr zufrieden. Fast alle wünschen sich, dass die Ware besonders gut geschützt wird. Immerhin 82 Prozent legen aber auch Wert darauf, dass sich die Verpackung einfach entsorgen lässt. Und 73 Prozent sagen: Bitte möglichst platzsparend packen!

So hätte es sich auch der Bremer Empfänger des Schlagzeugbeckens gewünscht. Dabei scheint sich das Musikhaus Thomann durchaus für die Umwelt zu engagieren. Die Zentrale in Oberfranken wird laut Homepage komplett mit Ökostrom versorgt und setzt sogar Erdwärme ein.

Auf Nachfrage der FR ruft der Firmenchef persönlich zurück. Die Sache mit den überdimensionierten Paketen sei ihm „total peinlich“, sagt Hans Thomann. „Da haben Sie eine Lücke bei uns erwischt, wo wir noch besser werden müssen.“ Bei den bisher verwendeten 17 Kartongrößen sei nicht immer das passende Format dabei. Das solle sich aber ändern. Thomann investiere gerade 60 Millionen Euro in neue Lagerhallen mit vollautomatischer Vermessung und Verpackung.

Mit dieser neuen Technik und mit weiteren Kartongrößen „bekommen wir das in den Griff“, glaubt der Chef. Er überlegt sogar, zur Polsterung der Waren wieder gepresstes Papier einzusetzen und auf die Plastikpolster zu verzichten, obwohl sie immerhin aus recyceltem Kunststoff bestehen und angeblich abbaubar sind.

Was den 55-Jährigen aber „am allermeisten ärgert“: Fast kein Versandhändler gebe sich die Mühe, bei mehreren Artikeln pro Bestellung alles gemeinsam in nur einem Paket zu versenden, und zwar auch dann, wenn die Waren aus verschiedenen Lagern stammten. „Da sind wir wirklich gut.“ Anderswo würden die Artikel oft getrennt verschickt – „weil die Frachten so billig sind“. Und dann noch die ganzen kostenlosen Retouren von Kunden, denen die Ware nicht gefällt. „Drei Milliarden Pakete im Jahr schwirren durch Deutschland herum“, sagt der Musikversandchef. „Das ist einfach der Wahnsinn und kurz vorm ökologischen Kippen.“

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