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Vermögen Extrem ungleich verteilt

Von den guten Gewinnen der Dax-Unternehmen profitieren nur wenige.

Bochum
Früher war alles besser? Wenn man sich die Gewinne der Konzerne anschaut, sicher nicht. Opel, Bochum, circa 1965. Foto: imago

Es läuft gut für die deutschen Unternehmen. Trotz des Handelsstreits mit den USA, höheren Lohnkosten und Ölpreisen. Die Gewinne der 30 Konzerne aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) gingen im zweiten Quartal zwar etwas zurück, liegen historisch gesehen aber noch immer sehr hoch. Im Gesamtjahr dürften sie um zwei Prozent steigen und damit erneut über dem sehr guten Vorjahr liegen. Zwar schütten die Aktiengesellschaften einen Teil der Gewinne als Dividenden aus – davon haben allerdings nur wenige in Deutschland etwas. Denn nur eine Minderheit besitzt Aktien oder Betriebsvermögen. Damit bleiben die Vermögen in Deutschland so konzentriert wie in kaum einem anderen Industrieland. Dabei gäbe es Mittel und Wege, das zu ändern.

Deutschlands Großkonzerne haben seit Jahren einen guten Lauf. 2017 belief sich der Überschuss der Dax-30-Firmen auf rekordhohe 133 Milliarden Euro – vor Steuern und Zinsen. Das entsprach einem Plus von 17 Prozent gegenüber dem ebenfalls profitablen Vorjahr. Die steigenden Gewinne lassen die Aktienkurse mitziehen, der Dax legte im vergangenen Jahr zwölf Prozent zu. Das macht die Aktionäre reicher.

Laut DZ Bank betrug das Aktienvermögen der privaten Haushalte in Deutschland im Jahr 2015 gut 355 Milliarden Euro, bis vergangenes Jahr stieg es auf 440 Milliarden und wird 2019 knapp 500 Milliarden betragen.

Die Aktionäre verdienen aber nicht nur an der Verteuerung ihrer Aktie, sie werden zudem jedes Jahr am Gewinn der Aktiengesellschaft beteiligt: 2017 erhielten allein die Aktionäre der 30 Dax-Konzerne 36 Milliarden Euro an Dividenden – neun Milliarden mehr als vor fünf Jahren und 15 Milliarden mehr als vor zehn Jahren. Nach Schätzungen der DZ Bank können die Anteilseigner auch dieses und nächstes Jahr einen Geldsegen erwarten: Die Dax-Dividenden werden bis 2019 auf 42 Milliarden Euro steigen. Die größten 110 deutschen Aktiengesellschaften schütten übernächstes Jahr 56 Milliarden aus, so die Prognose.

Kaum Aktionäre im Ostdeutschland

Das Problem: Der Geldregen geht nur auf wenige nieder. Von allen Bundesbürgern verfügen laut Bundesbank überhaupt nur etwa drei Prozent über Betriebsvermögen. Aktien halten nur 14 Prozent der Bevölkerung – direkt oder indirekt über Fondsanteile. Gerade in Ostdeutschland existieren kaum Aktionäre, sie konzentrieren sich in den wohlhabenden Gegenden der Bundesrepublik. Denn es gilt: Aktien sind im Wesentlichen etwas für reiche Leute. So besitzen die ärmsten 40 Prozent der deutschen Haushalte laut Bundesbank im Mittel ein Aktienvermögen von 800 bis 900 Euro. Bei den reichsten zehn Prozent kommt man auf fast 19 000 Euro.

Die Verteilung des Aktienvermögens spiegelt also die krasse Ungleichverteilung des gesamten Vermögens in Deutschland wider. Doch Ungleichheit ist kein Schicksal, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen. Es gäbe eine Reihe von Möglichkeiten, wie sich eine breitere Streuung der Unternehmensgewinne erreichen ließe.

Zum einen könnten die wohlhabenden Haushalte noch stärker belastet werden, was Raum für die Entlastung der ärmeren schaffen würde. Da Kapitaleinkommen sich aus den Unternehmensgewinnen speisen, wäre eine effektivere Besteuerung der Unternehmensgewinne eine Form der Umverteilung – zum Beispiel über einen EU-weiten Mindeststeuersatz, der den jahrzehntelangen Trend zur Entlastung der Unternehmen stoppen könnte. 1981 lag der mittlere Steuersatz auf Unternehmensgewinne im OECD-Gebiet noch bei 50 Prozent, heute sind es etwas über 20 Prozent.

Spitzensteuersatz und Erbschaftssteuer

Eine weitere Variante wäre eine Finanztransaktionssteuer, die vor allem Finanzmarktakteure treffen würde. Da diese „in der Regel zu den hohen Einkommenssegmenten gehören, könnte auf diese Weise ein nennenswerter Beitrag geleistet werden, die Ungleichheit zu vermindern“, so das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK).

Das Gleiche gilt für die Bekämpfung der privaten Steuerflucht, die ebenfalls ein Privileg der Wohlhabenden ist. Weitere Möglichkeiten der Umverteilung sind eine höherer Spitzensteuersatz oder die Streichung der Privilegien bei der Erbschafts- und Schenkungssteuer – schließlich befinden sich schätzungsweise etwa 80 Prozent des in Deutschland vererbbaren Vermögens im Besitz der reichsten zehn Prozent.

Der Brite Tony Atkinson plädiert sogar für ein Mindesterbe, das allen Staatsbürgern zum 18. Geburtstag ausgezahlt werden soll, womit diese dann ihre Ausbildung finanzieren könnten. Eine Reaktivierung der Vermögensteuer wiederum könnte nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bei einem Steuersatz von einem Prozent selbst bei einem hohen Freibetrag von zwei Millionen Euro dem Gemeinwesen Milliarden einbringen.

Entweder man nimmt den reicheren Haushalten mehr von ihrem Einkommen – oder man sorgt dafür, dass die Kapitalgewinne mehr Menschen zufließen. Hier steht man allerdings vor dem Problem, dass gerade den Ärmeren das Geld fehlt, um sich Unternehmensanteile und damit Anrechte auf Gewinnanteile zu kaufen. „Eine geeignete Möglichkeit zum Aufbau eines breiter gestreuten Kapitalstocks bestünde in der Gründung eines Staatsfonds, wie es ihn in vielen Ländern bereits gibt“, schlägt das IMK vor. Dieser Fonds würde in Wertpapiere investieren. Die erzielte Rendite könnte zum Beispiel jedes Jahr an die Bevölkerung verteilt werden, mit gleichen Beträgen pro Kopf ohne Bedingungen – ein bedingungsloses Kapitaleinkommen.

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