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Venezuela Wenn Inflation zu Hunger führt

In Venezuela führt die Hyperinflation zu absurden Verwerfungen. Die Mafia karrt tonnenweise Scheine aufs Land, in Caracas leben die Menschen fast bargeldlos.

Venezuela
Dieser Metzger in der Stadt Maracaibo nimmt noch Bargeld an. Foto: rtr

Wenn Rafael Castillo seinen Gästen die Rechnung bringt, dann legt er dezent ein Zettelchen dazu. Darauf stehen sein Name, seine Bankverbindung, seine Ausweis- und seine Handynummer. Es ist ein Hinweis darauf, wohin das Geld zu überweisen sei. „Meistens machen das die Gäste auch“, sagt der Kellner des Restaurants „Fuente de Soda El León“ in Caracas’ feinem Viertel Altamira. 

Mit Bargeld zahlt bei Castillo schon lange niemand mehr, seit die Preise in Venezuela sich von Woche zu Woche in immer größeren Sprüngen erhöhen. Die schwindelerregende Teuerung hat das Bargeld im „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ zu einem raren Gut werden lassen. Seit Anfang des Jahres ist es faktisch verschwunden – jedenfalls in der Hauptstadt Caracas. Nicolás Maduros schöne neue Gesellschaftsordnung hat so wider Willen geschaffen, worüber man in Europa derzeit erhitzt diskutiert – die bargeldlose Gesellschaft. 

Der Internationale Währungsfonds geht von einer Inflation von einer Million Prozent bis Ende des Jahres aus. Auf dem Schwarzmarkt kostet der Dollar etwa 3,5 Millionen Bolívar. Die Konsequenzen sind bizarr. Wer Dollars hat und auf dem Schwarzmarkt tauschen kann, lebt wie ein König. Wer, wie die Mehrheit der Venezolaner, auf den staatlichen Mindestlohn angewiesen ist, der hungert. Laut der jährlichen Erhebung der drei wichtigsten venezolanischen Universitäten zu den Lebensbedingungen, haben vergangenes Jahr 64 Prozent der Bevölkerung Gewicht verloren, teilweise bis zu elf Kilo. 

Kindersterblichkeit steigt, Maduro unbeeindruckt

Mittlerweile sind Krankheiten zurück, die als ausgerottet galten. Es fehlt an Medikamenten, deshalb enden simple Infektionen oft tödlich, auch weil die Menschen so geschwächt sind. Die Kindersterblichkeit ist in dem erdölreichsten Land der Welt stark angestiegen.

In Caracas ist das Bargeld so knapp, dass es zu einer begehrten Ware geworden ist. Wer eine Million „Bolos“ in bar braucht, der muss dafür drei Millionen überweisen: Man bekommt eine Kontonummer mitgeteilt, auf die der Gegenwert von drei Millionen Bolívar zum Schwarzmarktkurs transferiert werden muss – dann überbringt der Geldwechsler die Million in bar. 

Einkäufe und Geschäfte jeder Art laufen in Caracas nur noch über Debitkarten. Einen Großeinkauf im Supermarkt muss man mit bis zu drei Bank- oder Kreditkarten bezahlen, weil die millionenschweren Rechnungssummen die Limits sprengen. Überall zahlen die Menschen mit Karte, selbst an Hotdog-Ständen. Aber Nahverkehrsbusse haben diese nicht. In der Folge gehen viele Menschen in Caracas gar nicht mehr zur Arbeit, weil sie das Bus-Ticket nicht bezahlen können; zudem kollabiert die U-Bahn der venezolanischen Hauptstadt. Immerhin ist die Metro-Fahrt mittlerweile kostenlos. Und da in der Fünf-Millionen-Stadt jeder mit Karte zahlt, brechen regelmäßig die Zahlungssysteme zusammen. 

Aber was in Caracas geht, funktioniert nicht in den abgelegenen Landesteilen. Dort gibt es kaum Internet und folglich auch kaum Kartenlesegeräte. Teil des Problems der Bargeldknappheit in der Hauptstadt sei die Tatsache, dass Mafias das Geld kofferweise in die fernen Regionen schleppen, wo es das einzige Zahlungsmittel ist, betont ein Reiseveranstalter. „Dort sieht man Menschen mit Rucksäcken voller Scheine über die Straßen gehen.“ In den entfernten Provinzen wird Bargeld zudem nicht gezählt, sondern gewogen. „Und wenn das Geld nicht reicht, werden Rechnungen in Gold beglichen“, erzählt der Tourismusexperte. 

Regierung in Venezuela vergibt Lebensmittelpakete

Um die größte Hungersnot zu mildern, vergibt die Regierung seit knapp zwei Jahren staatliche Lebensmittelpakete – theoretisch ein Mal im Monat. Aber nicht jeder kommt in den Genuss der Kartons. Bevorzugt werden jene, die der Regierung nahestehen. 

Schon nach der Wiederwahl kündigte Maduro eine Währungsreform an, die am 20. August umgesetzt werden soll. Dann soll aus dem „starken Bolívar“, wie die Währung jetzt offiziell heißt, der „Bolívar soberano“ werden, der „erhabene Bolívar“, indem ihm fünf Nullen gestrichen werden. Ganz so, als ließe sich das Inflationsproblem so lösen.

Die Wirtschaftskrise habe längst historische Dimensionen erreicht, sagt Michael Langer, Repräsentant der Friedrich-Ebert-Stiftung in Caracas. Dieses Jahr sinkt das Bruttoinlandsprodukt um 18 Prozent. Seitdem Maduro den verstorbenen Staatschef Hugo Chávez im März 2013 an der Macht ablöste, ist die Wirtschaft Venezuelas um 60 Prozent geschrumpft. Geschätzt drei Millionen der 31 Millionen Venezolaner haben das Land inzwischen verlassen und versuchen, ihre Familien aus dem Ausland über Wasser zu halten. Bislang machten die Linksnationalisten immer einen „Wirtschaftskrieg“ für die Misere verantwortlich, den vor allem die USA gegen Venezuela führten. Jüngst aber zeigte sich Maduro erstmals einsichtig und gestand eine Mitschuld ein.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Venezuela

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