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Vatikan Krise der Menschlichkeit

Der Vatikan wirft den Unternehmen rücksichtsloses Verhalten vor und fordert eine weltweite Regulierung der Märkte sowie die gerechtere Verteilung des Reichtums.

Swiss Guard
Die Päpstliche Schweizergarde wurde im Jahr 1506 gegründet. Foto: rtr

„Diese Wirtschaft tötet“, lautet einer der berühmtesten Sätze von Papst Franziskus, der für seine deutliche Kapitalismuskritik bekannt ist. Am Donnerstag nun hat der Vatikan ein Dokument veröffentlicht, das unter dem Titel „Oeconomicae et pecuniariae quaestiones“ (Wirtschafts- und Finanzfragen) die verheerenden Folgen internationaler Finanzspekulationen und des puren Profitstrebens anprangert und eine weltweite Regulierung der Märkte sowie die gerechtere Verteilung des Reichtums fordert. Vorgeschlagen werden darin unter anderem eine Steuer auf Offshore-Transaktionen, Sanktionen für Steuerparadiese, eine Transparenzpflicht für die Geschäfts- und Steuerpraktiken internationaler Konzerne und Ethikkommissionen für Banken.

„Hinter der Ausbreitung unehrlicher und räuberischer Finanzpraktiken steht eine Krise der Menschlichkeit“, sagte der Chef der Glaubenskongregation, Erzbischof Luis Ladaria, bei der Vorstellung des 17-seitigen Dokuments, das seine Behörde federführend ausgearbeitet hat. Der Sinn für das Gemeinwohl sei geschwunden, das Recht des Stärkeren dominiere, Ressourcen konzentrierten sich in den Händen einiger weniger. „Es scheint unglaublich, dass zehn Personen fast die Hälfte des weltweiten Reichtums besitzen – aber das ist inzwischen Realität“, beklagte Ladaria. Der Anteil der Armen dagegen steige. Auf dem Spiel stehe der Wohlstand eines Großteils der Weltbevölkerung. 

„Die Finanzkrise von 2007 hätte die Gelegenheit geboten, eine stärker ethisch ausgerichtete Wirtschaft zu entwickeln, Finanzspekulation und virtuellen Reichtum neuen Regeln zu unterwerfen“, sagte Kardinal Peter Turkson, Leiter der ebenfalls beteiligten Vatikanbehörde für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen. Doch es sei zu wenig passiert. 

„Ein Überdenken jener überholten Kriterien, die immer noch die Welt beherrschen, ist ausgeblieben“, heißt es in dem von Papst Franziskus ausdrücklich gebilligtem Schreiben. Virtueller Reichtum durch Transaktionen im Hochfrequenzhandel ziehe nach wie vor extrem hohe Kapitalmengen an und entziehe diese der Realwirtschaft. 

„Der Ertrag aus Kapital stellt eine echte Bedrohung dar und riskiert, den Ertrag aus Arbeit zu überrunden“, wird gewarnt. Das fördere eine „skrupellose amoralische Wegwerfkultur“, die breite Massen einer würdigen Arbeit beraube, sie ausgrenze und zu „Abfall“ degradiere. Die Politik werde immer machtloser. Durch Spekulationen mit Staatsanleihen etwa könne die wirtschaftliche Lage ganzer Länder dramatisch negativ beeinflusst werden.

Kardinal Turkson betonte, die Kirche wolle die führenden Akteure der Finanzwelt ermutigen, aus der Krise zu lernen. „Sie müssen ein für alle Mal anerkennen, dass die Märkte keinen wahren Fortschritt sicherstellen können.“ Der bestehe nämlich nicht nur in Wirtschaftswachstum, sondern in sozialer Einbindung, guten Jobs, Umweltschutz und einer ganzheitlichen Entwicklung des Menschen. Der Vatikan biete dafür ethische Leitlinien an. „Das Geld muss dienen und nicht regieren“, lautet die wohl wichtigste. 

Im Dokument heißt es, in erster Linie seien die Führungskräfte gefragt, eine Trendwende in der Unternehmens- und Finanzkultur einzuleiten. Das betreffe auch die renommierten Business Schools. Banken sollten, um Systemkrisen zu vermeiden, eine klare Abgrenzung zwischen der Verwaltung von Spareinlagen und Krediten und riskanten Finanzgeschäften treffen und ihre Aufsichtsräte mit Ethikkommissionen flankieren. 

Auch die Politik wird zum Handeln aufgefordert. „Die Verantwortlichen der einzelnen Länder müssen sich auf eine stabile, klare und effiziente Regelung der Märkte einigen.“ Und schon eine geringe Besteuerung von Offshore-Transaktionen würde ausreichen, um das Problem des Hungers in der Welt weitgehend zu lösen, heißt es. 

Nicht zuletzt ruft der Vatikan aber jeden Einzelnen auf, sich nicht von der Macht der Finanzmärkte erdrücken zu lassen, sondern zu reagieren – mit einer „kritischen und verantwortungsvollen Steuerung des Konsum- und Sparverhaltens“. Man könne sich für Produkte von Unternehmen entscheiden, die ethische Kriterien erfüllen, anstatt Menschenrechte zu missachten oder nur profitorientiert zu sein. 

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