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Unternehmen Mini-GmbH Mit einem Euro zum Erfolg

Fünf Jahre nach dem Start der Ein-Euro-GmbH zeigt sich: Sämtliche Kritiker dieser Unternehmensform liegen falsch. Die Ein-Euro-GmbH setzt sich immer mehr durch. Allerdings hat sie nach wie vor ein Imageproblem.

Seit fünf Jahren nutzen Neueinsteiger die Möglichkeit, mit einem Euro Startkapital ein Unternehmen zu gründen - und dies immer erfolgreicher. Foto: dpa

Am Anfang ging es nur um den nächsten Urlaub. Wunschziel von Silke Wiegmann und Alexander Schmitt war Stockholm. Die Idee: Wiegmanns Feriendomizil auf Mallorca sollte gegen eine Bleibe in Schweden getauscht werden. Rund 100 frustrierende, weil erfolglose Anfragen bei gängigen Internet-Pauschportalen und eine Joggingrunde am Strand von Andratx später, kam Wiegmann die Idee zu Global Homing, einem Online-Portal, auf dem Ferienhausbesitzer ihre Urlaubsdomizile tauschen können, ohne einen Tauschpartner suchen zu müssen. Anfang diesen Jahres gossen die zwei Freunde aus Frankfurt die simple Geschäftsidee in eine ebenso simple Geschäftsform: Die sogenannte Ein-Euro-GmbH.

Ein Euro Stammkapital

Die Ein-Euro- oder Mini-GmbH, im Juristensprech: Unternehmergesellschaft (UG) mit dem Zusatz „haftungsbeschränkt“, gibt es jetzt seit genau fünf Jahren. Damals saßen Experten im Rechtsausschuss des Bundestags zusammen und diskutierten das Für und Wider einer solchen Gesellschaftsform, die sich dadurch auszeichnet, dass sie mit nur einem Euro Stammkapital gegründet werden kann. Zum Vergleich: Das Mindeststammkapital, mit dem die Gesellschaft gegenüber ihren Gläubigern haftet, beträgt bei einer vollwertigen GmbH 25.000 Euro. Formuliertes politisches Ziel war es, die Hürde für Existenzgründer, die ein Unternehmen auf die Beine stellen wollen, deutlich zu senken. Zugleich sollte die aus dem angelsächsischen Raum importierte Gesellschaftsform der Limited zurückgedrängt werden, die in den Jahren zuvor einen wahren Boom in Deutschland erlebt hatte, weil sie genau dieses Bedürfnis bedient. Anfang November 2008 trat das Gesetz zur Modernisierung des GmbH-Rechts und zur Bekämpfung von Missbräuchen, kurz MoMiG, in Kraft.

Was dann passierte, nennen die Befürworter der UG eine Erfolgsgeschichte: So zählte das Forschungsprojekt „Unternehmergesellschaft“ von Rechtswissenschaftler Professor Walter Bayer und Diplom-Kaufmann Thomas Hoffman, die an der Friedrich-Schiller Universität Jena forschen, bereits ein Jahr später 19 563 eingetragene Mini-GmbH. Im Jahr darauf hatte sich die Zahl bereits mehr als verdoppelt und zum 1. November 2012 auf 76 377 erhöht. Zum fünfjährigen Bestehen rechnen die Forscher mit einer erneuten Zunahme. „Wir tragen die Zahlen gerade zusammen, aber so um die 100.000 dürften es jetzt sein“, sagt Hoffmann der Frankfurter Rundschau. „Das ist zahlenmäßig auf jeden Fall ein Erfolg.“

Der Ansicht ist man auch beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). „Die haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft ist – das zeigen die stetig wachsenden Zahlen – eine akzeptierte Rechtsformvariante der GmbH“, so Annika Böhm vom Fachbereich Gesellschafts- und Finanzrecht zur FR. Die Gründung einer Ein-Euro-GmbH sei ein guter Schritt für Neueinsteiger oder Unternehmer, die über wenig Startkapital verfügen. Allerdings kämpft die Ein-Euro-GmbH mit einem Imageproblem: Kritiker bemängeln ihre meist magere Kapitalausstattung und das damit verbundene Risiko für ihre Geschäftspartner. Denn wie bei einer vollwertigen GmbH haftet die Billigvariante nur mit dem Kapital der Gesellschaft – im Fall der Mini-GmbH kann sich das zwischen einem und 24 999 Euro bewegen. Das Privatvermögen des Geschäftsführers bleibt in jedem Fall unangetastet. So warnt etwa Peter Ries, Richter am Amtsgericht in Berlin-Charlottenburg und Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, vor Existenzgründern, „die einfach mal ihr Glück probieren und sich dann, wenn das Geschäft nicht läuft, aus der Haftung stehlen.“ Und auch Hoffmann von der Uni Jena räumt ein, dass die UG ein für Missbrauch durchaus „anfälliges Modell“ ist.

Zweifel an höchster Stelle

Ries, der 2008 als Sachverständiger vom Rechtsausschuss des Bundestags gehört wurde, der über das MoMiG beriet, bezweifelte bereits damals, ob die Einführung der Mini-GmbH ohne Mindestkapital wirtschaftlich und aus Gesichtspunkten des Gläubigerschutzes sinnvoll ist. In einem Aufsatz für das Anwaltsblatt weist er daraufhin, dass „unterkapitalisierte UG ohne persönliche Garantien der Gesellschafter oder Geschäftsführer von Banken keine Kredite und von Lieferanten keine Ware erhalten“. Zweifel an der Seriosität der Ein-Euro-GmbH hegte man anfangs offensichtlich auch an höchster Stelle. So hielt das Bundesjustizministerium nach Verabschiedung des MoMiG auf seiner Internetseite als Hinweis für Gründer fest: „Die Unternehmensgründung mit einem Euro Stammkapital ist theoretisch möglich, sinnvoll ist sie nicht.“ Dieser Satz, der der Frankfurter Rundschau als Screenshot vorliegt, wurde allerdings alsbald gelöscht. Die Vorurteile gegenüber der Mini-GmbH kennen auch die Frankfurter Gründer Wiegmann und Schmitt. Allerdings weniger aus der Konfrontation mit Geschäftspartnern, denn durch eigene Vorurteile. „Wir hatten anfangs echte emotionale Probleme mit der UG“, räumt Schmitt ein. „Wir wollten eine elegante Marke sein. Da passt das Ein-Euro-Image so gar nicht dazu.“

Nach intensiven Beratungen mit Steuerberater und Anwalt sei aber schnell klar gewesen, dass die haftungsbeschränkte UG die sinnvollste Unternehmensform für sie war. Schließlich habe man beim Notar mit Unterschrift und Lacksiegel auf der Urkunde die Gründung von Global Homing mit je einem Euro erklärt. Probleme mit Geschäftspartnern habe es bislang keine gegeben, „denn Einkäufe, die man online erledigt, werden häufig erst nach Zahlungseingang geliefert, egal welche Rechtsform das Unternehmen hat“, sagt Schmitt. Ähnlich praxisorientiert argumentiert man beim DIHK. Die Probleme mit Lieferanten und anderen Gläubigern seien die gleichen wie bei anderen Unternehmensformen. Dafür habe der Gesetz-geber Möglichkeiten der Absicherung geschaffen wie etwa die Lieferung unter Eigentumsvorbehalt. Dass Erfolgsaussichten und Seriösität der Ein-Euro-GmbH so schlecht nicht sein können, legt auch die Zahl der Insolvenzen nahe. Das Jenaer Forschungsprojekt hat aus der Masse der insolvenzrechtlichen Bekanntmachungen über haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaften zwischen November 2008 bis einschließlich 30. Juni 2012 die herausgefiltert, die die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens oder dessen Ablehnung mangels Masse zum Inhalt hatten, und stieß auf insgesamt 2399 Fälle.

Diese Zahl sei, so schreiben Bayer und Hoffmann, absolut gesehen hoch, müsse aber der Gesamtzahl der Gründungen, die bis Ende Juni 2012 bei über 70 000 gelegen haben dürfte, gegenübergestellt werden. So ergebe sich eine Quote von 3,5 Prozent. „Das erscheint nicht allzu hoch und liegt damit noch unter unseren Erwartungen, angesichts der sehr geringen Kapitalisierung von Unternehmergesellschaften und des im Wirtschaftsgeschehen ganz natürlichen Prozesses einer wettbewerblichen Auslese.“ Selbst Skeptiker Ries räumt ein: „Die Insolvenzanfälligkeit ist nicht so erschreckend, wie ursprünglich gedacht.“ Die Experten erwarten allerdings eine merkliche Zunahme der Insolvenzen – letztlich auch deshalb, weil die Zahl der Unternehmergesellschaften massiv zugenommen hat. Dazu passen die Angaben des Statistischen Bundesamtes, das erst seit dem ersten Quartal 2013 die Zahl der Insolvenzen bei den Mini-GmbH zählt: Danach gab es von Januar bis März insgesamt 400 Insolvenzverfahren.

Ideal für Dienstleistungssektor

Am Ende hängt der Erfolg der Mini-GmbH nach Ansicht aller Experten ganz entscheidend davon ab, welche Art von Unternehmung betrieben wird. Zwar hat sich nach Angaben des DIHK eine „ganz breite Spanne von Unternehmensaktivitäten“ unter dem Dach der Mini-GmbH gesammelt – vom Kiosk-Besitzer über international tätige Consulting-Firmen bis hin zu universitären Forschungsprojekten und gemeinnützigen Einrichtungen. Allerdings scheint die Gesellschafts-Variante vor allem für den Dienstleistungssektor ein geeignetes Vehikel zu sein. „Dort ist in der Regel der Kapitalbedarf nicht so hoch“, erklärt Hoffmann. Und auch Ries konstatiert: „Für kapitalintensive Geschäftsfelder wie im Handel oder im Baugewerbe ist die UG kein Erfolg.“ Das Risiko, dass das Unternehmen ausfällt, sei zu hoch. Letztlich wird das Projekt Ein-Euro-GmbH daran zu messen sein, wie viele der Unternehmungen durch Zurücklegen von Gewinnen den Sprung in eine vollwertige GmbH schaffen. Vom Gesetzgeber ist vorgesehen, dass die Gesellschaften jedes Jahr ein Viertel ihres Gewinnes zurücklegen müssen, bis sie das nötige Stammkapital von 25 000 Euro erreicht haben. Bislang ist das nur wenigen Gesellschaften gelungen: Bis zum 1. November 2012 haben es laut Daten aus Jena von den rund 76 000 bestehenden Ein-Euro-GmbH gerade mal 4328 zur Voll-GmbH gebracht. Hoffmann schätzt, dass die Zahl aktuell bei etwa 10 000 liegt, die Quote also etwa zehn Prozent beträgt.

Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass einerseits die Gesellschaftsform noch relativ jung ist, noch nicht ausreichend Gewinne erwirtschaftet werden konnten, und andererseits viele Unternehmungen, wie etwa gemeinnützige Einrichtungen, gar nicht darauf ausgerichtet sind, Gewinn zu machen. Schmitt und Wiegmann von Global Homing streben jedenfalls den Aufstieg an. „Das liegt aber noch in weiter Ferne“, sagt Schmitt. Jetzt gelte es erst einmal, das selbst gesteckte Ziel zu erreichen, bis 2015 rund 1000 Mitglieder zu akquirieren.

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