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Unternehmen Ein ganz großes Rad drehen

Der Leipziger Ralf Kalupner wollte eigentlich Schriftsteller werden. Nun besitzt er einen der größten Fahrradverleiher der Welt.

06.01.2017 15:07
Steffen Höhne
„Das Geschäft ist kleinteilig, es fühlt sich nicht so groß an, wie die Zahlen es sagen“, sagt Nextbike-Gründer Ralf Kalupner. Foto: Jens Schlueter

Es gibt viele Unternehmer, denen sieht man ihren Erfolg auf den ersten Blick an. Sie haben sich ein einnehmendes Wesen zugelegt und ihren Werdegang können sie so sprudelnd erzählen, als seien sie ein Wasserfall. Um es gleich vorweg zu sagen: Ralf Kalupner gehört nicht zu ihnen.

Der 42-Jährige sitzt in einem kleinen Konferenzraum und rührt mit dem Teelöffel in der Kaffeetasse. Er trägt Hemd und Jeans, wirkt lässig. Mit ihm lässt sich wahrscheinlich wunderbar über den neuesten Roman von Michel Houellebecq debattieren oder über die schönsten Badeseen Leipzigs streiten. Doch dass er inzwischen eine der größten Fahrradverleihfirmen der Welt leitet, darüber ist Kalupner offenbar selbst erstaunt und kann es gar nicht so recht erklären.

Also schön der Reihe nach: Aufgewachsen ist der Unternehmer im bayerischen Erlangen. Nach einem Wirtschaftsingenieursstudium in Dresden ging er nach Heidelberg. „Am liebsten wäre ich Schriftsteller geworden“, sagt er. Er wollte Zeit haben. „Dafür hätte ich auch auf Geld verzichtet.“

Um wirtschaftlich unabhängig zu sein, gründete Kalupner 2004 zusammen mit Partnern in Leipzig den Fahrradverleih Nextbike. Zu Beginn hatten sie 20 Räder und 12 500 Euro Startkapital von seiner Mutter. „Anfangs bin ich jeden Tag mit einem verbeulten Kleinbus durch Leipzig gefahren, um die Räder einzusammeln und neu zu verteilen“, sagt er. Das Geschäftskonzept sah allerdings schon damals eine Expansion vor.

Anders als klassische Fahrradverleiher, etwa in den Urlaubsorten an Nord- und Ostsee, setzte Kalupner darauf, keine feste Ausleihstation zu haben, sondern die Räder dort in der Stadt abzustellen, wo sie auch gebraucht werden. Viele hielten das anfangs für eine Schnapsidee. Denn die Bikes lassen sich so nur schlecht vor Diebstahl und Vandalismus schützen. Kalupners Konzept sah daher vor, Form und Farbe der Räder zu ändern. Am Schreibtisch konstruierte der Ingenieur selbst die gebogenen Radrahmen, die Diebe abschrecken sollen, die Zweiräder zu klauen. Denn bei jedem Weiterverkauf ist sofort zu erkennen, woher die Design-Fahrräder kommen. Die Idee funktionierte, die Räder wurden zu regelrechten Hinguckern und die Popularität stieg. Das war der Beginn.

Nextbike sitzt in einem unscheinbaren Gründerzeithaus nahe der Leipziger Kneipenmeile Gottschedstraße. Durch Schaufenster sieht man junge Leute an Computern sitzen. Am Klingelschild steht Nextbike und Kalupner. Der Chef wohnt mit seiner Familie im Hinterhaus. In den ersten Jahren wurden in den kleinen Gewerberäumen im Hinterhof noch Fahrräder repariert, nun ist alles in Büroräume umfunktioniert. Das rasante Wachstum verdankt Nextbike am Ende auch einer veränderten Kommunalpolitik. Seit einigen Jahren sehen Städte wie Nürnberg, Köln oder Heidelberg Fahrräder als Teil des Nahverkehrs.

Wie bei Bussen und Bahnen werden Ausschreibungen für Radverleihsysteme getätigt und gefördert. Als einer der ersten Anbieter gewann Nextbike zahlreiche Aufträge. „Wir hatten auch Glück. Innerhalb weniger Jahre exportierten wir unser Modell in 45 deutsche Städte“, sagt der Firmenchef. Er sieht das Leihrad nicht als Ersatz zum eigenen Rad: „Das Fahrrad ist in der Innenstadt das schnellste Verkehrsmittel. Wer als Einwohner oder Tourist vier Kilometer zurücklegen will, für den ist Nextbike ideal.“ Kunden können unkompliziert über eine Handy-App leihen.

Dahinter steckt jedoch ein selbst entwickeltes Softwaresystem, das den gesamten Betrieb steuert. Es ist das Herz der Firma mit inzwischen 200 Mitarbeitern. Verleihstationen, oft von Partnern betrieben, gibt es inzwischen in 23 Ländern, darunter in Metropolen wie Budapest, Warschau und Dubai. Die Zahl der Räder ist auf rund 35 000 angewachsen.

Doch Nextbike verleiht nicht nur, sondern montiert auch die Mehrzahl der Räder. Im Leipziger Studentenstadtteil Plagwitz hat Kalupner inzwischen zwei Werkhallen angemietet. Zwischen den meterhoch gestapelten Kisten mit Fahrradteilen fühlt der Unternehmer sich sichtlich wohl. Er lächelt, flachst mit den Monteuren. „Die Rahmen und Teile kaufen wir zwar ein, montieren tun wir aber selbst.“ Ein Fahrrad bestehe aus rund hundert Teilen. Doch warum macht das Unternehmen das selbst? „Wir können so unmittelbar auf Aufträge reagieren“, sagt er. In Reihe sind die Montageschritte angeordnet. Die knapp 50 Mitarbeiter fertigen im Schnitt 50 Räder pro Tag. Nun soll die Fertigung auf 100 am Tag hochgefahren werden.

Denn Nextbike hat im vergangenen Jahr den größten Auftrag der Firmengeschichte an Land gezogen. Im Frühjahr 2017 übernehmen die Leipziger das Verleihsystem in Berlin. Zunächst werden in der Hauptstadt an 200 Standorten 2000 Leihräder stehen. In den darauffolgenden zwei Jahren soll die Zahl auf 5000 steigen. Der Berliner Senat fördert das Vorhaben mit 7,5 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren. Nextbike setzte sich in einer Ausschreibung gegen die Bahn-Tochter DB Rent durch.

Der bisherige Anbieter zieht sich aber nicht enttäuscht zurück, sondern kündigte an, auch ein neues System aufzubauen. Zusammen mit dem Discounter Lidl als Sponsor sollen 3500 quietschgrüne „Lidl-Bikes“ ebenfalls ab Frühjahr 2017 bereitstehen.

Kalupner bringt das in Rage: „Es ist ungeheuerlich, dass die hochsubventionierte Bahn nun mit Steuergeld eine mittelständische Firma plattmachen will.“ Berliner Medien sprechen bereits vom „Biker-Krieg“. DB Rent beteuert, als selbstständige Tochter ohne Quersubventionen zu arbeiten. Doch einen Geschäftsbericht von DB Rent gibt es im Bundesanzeiger nicht. Die Firma ist mit anderen Firmen im Bahn-Konzern verschachtelt. Bei Verlusten würde die Mutter die zukunftsträchtige Tochter sicher nicht pleitegehen lassen.

Ähnlich wie beim Teilen von Autos oder Wohnungen wird der sogenannten Sharing Economy auch bei Fahrrädern von Branchenexperten eine rosige Zukunft vorausgesagt. Kalupner ist der Hype um die Sharing Economy aber zu viel: „Wir teilen in Bibliotheken auch schon ewig Bücher, ohne ein großes Gewese darum zu machen.“ Nach seiner Ansicht werden die Menschen künftig mit Hilfe von Apps mehr Konsumgüter teilen. Das sei günstiger, als alles selbst anzuschaffen. Aber für ihn ist noch nicht ausgemacht, in welchem Ausmaß das wirklich passiert.

Kalupner konzentriert sich darauf, Nextbike Schritt für Schritt in weitere Städte zu bringen. Zuletzt war er in Moskau unterwegs, um Gespräche zu führen. Täglich erreichen ihn aber auch Meldungen, wenn wieder an einem Standort etwas nicht so funktioniert wie geplant. „Das Geschäft ist kleinteilig, es fühlt sich nicht so groß an, wie die Zahlen es sagen“, sagt er. Nextbike beschert ihm sicher ein ordentliches Einkommen, Zeit für sich hat er aber nicht mehr.

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