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Unternehmen China adé - Firmen kehren nach Deutschland zurück

In China sind die Löhne billiger, na und? Für viele Firmen entscheiden inzwischen andere Kriterien, in welche Länder sie investieren. Viele kehren deshalb nach Deutschland zurück, und das ist nicht der einzige überraschende Trend.

Foto: dpa

Kochlöffel, Abflusssieb und Wäscheständer: Gerade bei einfachen Produkten gingen deutsche Unternehmen lange davon aus, dass die hiesige Produktion den Billiglohnländern hoffnungslos unterlegen ist. Viele Jahre gab es die Angst, Deutschland könne aufgrund der Konkurrenz aus Fernost weite Teile seiner Industrie einbüßen.

China schien bis Mitte des vergangenen Jahrzehnts als verlängerte Werkbank des Westens hochattraktiv. Die Löhne betrugen nur ein Bruchteil des Westniveaus, Ausbildung und Infrastruktur waren einigermaßen konkurrenzfähig. „Offshoring“, der englische Begriff für Arbeitsplatzverlagerungen, war in deutschen Managerkreisen ein beliebtes Schlagwort, zu dem viele Seminare angeboten wurden. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Jobs aus Europa gingen an Asien.

Diese Zeiten sind vorbei. Die Jobflucht ist zum Stillstand gekommen – und zum Teil hat sie sich sogar umgekehrt. In der Industrie macht statt Offshoring nun der Begriff „Rückverlagerung“ die Runde. Die Kostenvorteile in China haben sich massiv reduziert, beobachtet der Haushaltswarenhersteller Fackelmann aus dem fränkischen Hersbruck.

China: 20 Prozent höhere Löhne pro Jahr

Etwa 20 Prozent höhere Löhne müssten pro Jahr bezahlt werden. Fackelmann bringt die Produktion deshalb wieder nach Deutschland zurück, vor allem die von einfach herstellbaren Gegenständen, als Beispiel nennt er seine Kochlöffel.

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) beobachtete schon zwischen 2007 und 2009, dass die Produktionsverlagerungen ins Ausland „auf den niedrigsten Stand seit 15 Jahren“ gesunken sind.

Die Nachfolgestudie ist zwar noch nicht fertig, doch es zeichnet sich schon ab: Der Trend hat sich wohl noch verstärkt, berichtet ISI-Experte Steffen Kinkel. „Unseren Experteninterviews zufolge, die einen erheblichen Teil der Jobs deutscher Firmen in China abdecken, sind die Zeiten vorbei, in denen Unternehmen nach China gehen, weil dort die Kosten so niedrig sind.“

Qualifizierte Facharbeit ist laut ISI-Experte Kinkel nun nicht mehr um den Faktor Zehn billiger, sondern koste schon jetzt etwa ein Viertel von deutscher Arbeit. Der Trend, deutsche Jobs in asiatische Billiglohnländer zu verlagern, gehe zunehmend zurück. „In China kann man die Gesamtkosten noch etwa um drei bis acht Prozent drücken aufgrund der Löhne. Das ist natürlich kein unerheblicher Wert, er sinkt aber in naher Zukunft weiter, das ist für die Firmen jetzt schon absehbar.“

Logistik ist wichtiger als Billiglöhne

Dafür sind aber nicht nur die steigenden Lohnkosten verantwortlich. „Logistik- und Qualitätsfragen spielen für sie meist eine sehr viel wichtigere Rolle“, sagt Kinkel. Ein Beispiel: Der Seeweg von Ostasien nimmt etwa sechs Wochen in Anspruch – in dieser Zeit ist Kapital gebunden und die Flexibilität sinkt.

„Ein weiteres Phänomen ist, dass die enge Verzahnung zwischen Firmenleitung, Entwicklung und Produktion aufgebrochen wird. Das kann sich negativ auswirken.“

War der Aufbruch nach China also nichts weiter als ein 10 000 Kilometer langer Irrweg? Für einige wohl schon. Kinkel sagt: „Viele Unternehmen haben sich Job-Verlagerungen nach Asien lange Zeit schön gerechnet und zum Teil schlechte Erfahrungen gesammelt. Deutsche Arbeitsplätze nach China zu verlagern, um dort für den Export nach Europa zu fertigen - das hat sich in vielen Fällen nicht gelohnt.“

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Etwa anderes ist nach Ansicht des Forschers allerdings die Expansion nach Asien, um die dortigen Märkte zu erschließen. „Das betreiben zahlreiche deutsche Firmen sehr erfolgreich.“. Denn in vielen Fällen ist die deutsche und europäische Technologie weiter führend, aber in China wird für den dortigen Markt gefertigt.

Dafür sind die deutschen Automobilbauer ein gutes Beispiel. In einigen Technologiebereichen, zum Beispiel der Computerindustrie und der Unterhaltungselektronik, sind dort sogar die großen, technisch führenden Forschungs- und Produktionszentren entstanden. Das iPhone zum Beispiel ließe sich wohl weder in den USA noch in Europa produzieren, auch nicht zu höheren Kosten.

Viele Unternehmen sprechen nicht gerne über Rückverlagerungen. Der abgebrochene Ausflug nach Asien gilt bei einigen offenbar als unternehmerische Niederlage, die man nur ungern eingesteht. Andere sind offener.

Wolfgang Reichelt, Eigentümer des erfolgreichen niedersächsischen Mittelständlers Block Transformatoren-Elektronik, steht einem Unternehmen vor, das eine typische Entwicklung hinter sich hat. Vor über zehn Jahren hatte Reichelt große Teile der Fertigung nach China verlagert. Inzwischen hat er alle Fertigungskapazitäten aus China zurückgeholt, 700 Mitarbeiter arbeiten für Block.

Die Exportquote des Unternehmens liegt bei über 50 Prozent. Ausschlaggebend war, das kleinere Stückzahlen sich hier flexibler produzieren lassen. Auch die Zulieferindustrie funktioniere besser.

Leifheit geht nach Tschechien

Manchmal kommen die Jobs zwar nicht wieder nach Deutschland zurück, aber immerhin nach Europa. Der Haushaltsgerätehersteller Leifheit aus Nassau an der Lahn in Rheinland-Pfalz zum Beispiel baut derzeit eine Fabrik in Tschechien auf.

Dort sollen Bügeltische gebaut werden. Eine Sprecherin erläutert die Vorteile: Die Transportzeiten und -kosten sinken, die Produktion ist deutlich flexibler, die Lohnkostenunterschiede zwischen Tschechien und China nur noch gering.

Qualitätsprobleme könnten schneller behoben werden. Besonders in Frage für die Rückverlagerung kommen große Produkte, weil der Transport teuer ist. Am Wachstum in China will man weiter festhalten. „Aber wir prüfen verstärkt, wo wir für den europäischen Markt produzieren“, sagt die Sprecherin.

Der Bügeltisch von Leifheit ist ein eher simples Produkt, die Elektronik von Block dagegen High-Tech. Kaum nach Europa zurückverlagert werden jedoch mäßig komplexe Produkte, die in geringen Stückzahlen hergestellt werden – und andere Warenproduktionen, die viel Handarbeit erfordern.

Das Fazit von ISI-Experte Kinkel, der seit vielen Jahren zu dem Thema forscht, lautet: „Die Angst vor einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen in der Produktion war überzogen.“ Sogar im Gegenteil: Die Deutschen hätten insgesamt viel stärker von den Chancen der neuen Märkte profitiert als durch die Konkurrenz gelitten.

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