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Unsicherheit am Markt Zinsen im freien Fall

An den Märkten geht die Angst vor sinkenden Preisen und einem Abtauchen der Konjunktur um. Die Renditen für Staatsanleihen sinken auf ein Rekordtief. Doch es gibt auch Gewinner.

Unsicherheit über die konjunkturelle Entwicklung schwebt über internationalen Finanzzentren wie Frankfurt. Foto: ddp

Ethan Harris hat nachgerechnet. Der Volkswirt der Bank of America hat gezählt, wie oft das Wort „Unsicherheit“ im Konjunkturbericht vorkommt, den die US-Notenbank achtmal im Jahr vorlegt. Ergebnis: Seit dem Platzen der New-Economy-Blase vor zehn Jahren haben Amerikas Währungshüter nicht mehr so viel von Unsicherheit gesprochen wie derzeit. Aber nicht nur sie, auch die Finanzmärkte und Volkswirte irren aktuell durch den Konjunkturnebel. Setzt sich der Aufschwung fort oder kommt eine neue Rezession? Oder keines von beiden? Droht Hyperinflation oder Deflation? Während die meisten Ökonomen eher positiv gestimmt sind, scheinen die Anleger von einer neuen Krise auszugehen: Trotz wirtschaftlicher Erholung sind die Zinsen auf nie gesehene Tiefs gefallen und inzwischen fallen die Aktienmärkte hinterher.

Auch Erfolgsmeldungen können die Investoren derzeit nicht davon überzeugen, dass die Krise Vergangenheit ist. Gestern teilte das Ifo-Institut mit, dass sich das Geschäftsklima im August überraschend ein weiteres Mal verbessert hat. Die deutsche Wirtschaft, so viel steht fest, wird dieses Jahr so stark wachsen wie seit der Vereinigung nicht mehr. Dennoch sank die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf das Rekordtief von noch 2,1 Prozent. Abwärts geht es mit den Zinsen auch in den USA, Kanada, Japan und anderen Ländern Europas.

Angesichts starker Konjunktur und hoher Staatsschulden müssten die Zinsen eigentlich steigen. Und angesichts der hohen Unternehmensgewinne müsste es an den Aktienmärkten eigentlich aufwärtsgehen. Doch an den Finanzmärkten geht das „DDD-Gespenst“ um: Deflation und Double-Dip, also sinkende Preise und ein neuerliches Abtauchen der Konjunktur.

Sorgenkind ist derzeit die weltgrößte Volkswirtschaft, die USA. Am Freitag wird sich voraussichtlich zeigen, dass die US-Wirtschaft im zweiten Quartal nicht wie zunächst mitgeteilt um 0,6 Prozent gewachsen ist, sondern nur halb so stark. Die Banken fahren die Kreditvergabe zurück, den Konsumenten fehlt Geld zum Ausgeben, die Firmen klagen über hohe Überkapazitäten. Obwohl die Notenbank Milliarden in die Wirtschaft pumpt, fällt die Inflation. „Das Risiko einer Deflation kann im aktuellen Umfeld nicht gänzlich von der Hand gewiesen werden“, mahnt die DZ Bank.

Während in den USA die hohe Arbeitslosigkeit und die weiter schwachen Banken den Anlegern Sorgenfalten auf die Stirne treiben, sind es in Europa die Sparprogramme der Regierungen. Um ihre Schulden zu senken, erhöhen Länder Steuern und kürzen Ausgaben und Löhne. Auch dies „könnte den Weg in eine Deflation ebnen“, so die DZ Bank.

Misstrauen hegen die Finanzmärkte besonders gegenüber Krisenstaaten Südeuropas. Ihre Anleihen werden abgestoßen und Bundespapiere gekauft, was die Preise für deutsche Titel weiter in die Höhe treibt und die Zinsen drückt. „Aus den schwachen Ländern fließen Milliardenbeträge nach Deutschland“, sagt Alexander Koch, Ökonom von Unicredit. Während die Renditen von Bundesanleihen auf Rekordtief gefallen sind, liegen die Zinsen für griechische Anleihen schon wieder bei elf Prozent.

Noch halten die meisten Ökonomen eine neue Rezession für unwahrscheinlich. „Die Deflationsangst der Märkte ist übertrieben“, meint die DZ Bank. Statt vor Deflation warnen einige Experten davor, dass die niedrigen Notenbankzinsen langfristig eher zu hohen Inflationsraten führen. Warner gibt es viele, sicher ist sich niemand. „Wir haben in den vergangenen Monaten gesehen, wie schnell sich die Trends drehen können“, erklärt Unicredit-Volkswirt Koch. „Wir wissen schlicht nicht, wie die jüngste Krise die Struktur der globalen Wirtschaft verändert hat und wie viel Wachstum wir also von welchen Ländern erwarten können.“ Allein diese Unsicherheit könnte der Erholung Fesseln anlegen. Denn „Unsicherheit“, so Ökonom Harris „ist der Feind des Wachstums.“

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