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Unruhe an der Basis Austrittswelle beim Bauernverband

Kritiker von Präsident Sonnleitner sehen vor allem die Interessen der Milchindustrie vertreten. Von Stephan Börnecke

Der Kampf für höhere Erzeugerpreise führt spätestens seit Ende des Lieferboykotts Anfang Juni auch in der zweiten Reihe zu Konsequenzen: Denn die Unzufriedenheit vieler Milchbauern mit ihrer Standesorganisation, dem Deutschen Bauernverband, wächst. Es hagelt Austritte, weil der Verband die Interessen der Milchindustrie, nicht die der Bauern betreibe.

Die Lage hatte sich verschärft, nach dem Bauernpräsident Gerd Sonnleitner beim Bauerntag in Berlin vor wenigen Wochen den streikenden Landwirten "ungehöriges und illegales Verhalten" vorgeworfen hatte. Etwa 96 Prozent der knapp 350 000 deutschen Landwirte gehören der Standesorganisation an. Zwar betont die Berliner Verbandszentrale, dass sich die Zahl der Austritte noch nicht in Prozenten ausdrücken lasse.

Dennoch steigen ganze Gruppen von empörten Landwirten aus der Organisation aus. Es geht quer durch die Republik: Im westfälischen Borken kündigten 80 Bauern in Austritt an, in Erkheim im Unterallgäu ebenso viele. Dort waren Mitglieder des Bunds Deutscher Milchviehhalter (BDM) mit vorformulierten Kündigungsschreiben von Hof zu Hof gelaufen. Der örtliche Bauernverbands-Geschäftsführer, Helmut Mader, reagierte "geschockt" auf die Austrittswelle. Im Kreis Wesel traten 100 Bauern aus, und vor wenigen Tagen kündigte eine Gruppe von 25 Nordhessen dasselbe an.

"Jeder Austritt macht uns betroffen", sagt der Sprecher des Bauernverbands, Michael Lohse. Er fordert die Landwirte auf, statt medienwirksam in der Lokalpresse Austrittswellen zu verkünden, "sich in den demokratischen Gremien des Bauernverbands zu engagieren" und dort für ihre Interessen zu streiten. "Von außerhalb", so Bauernpräsident Gerd Sonnleitner in einem dreiseitigen Brief an einen norddeutschen Bauern, "können Sie keinen Einfluss auf die Meinungsbildung im Berufsstand nehmen."

Rückfall auf alte Positionen

Doch genau davon sind die Verbandskritiker überzeugt: Nur über Austritte glaubt etwa Rhönbauer Oswald Henkel, der als einer der ersten den Verband verließ, sei ein "Umdenken der Verbandsspitzen" zu erreichen. Die Organisation müsse eine Politik betreiben, die dann "die Mehrheit an der Basis und auch er als Mitglied mittragen" könne.

In Hessen und anderen Ländern hatte ein Positionspapier des Verbands das Fass zum Überlaufen gebracht. Dieses Papier, so auch der frühere hessische Parlamentarier der Grünen, Martin Häusling, habe deutlich gemacht, dass der Bauernverband nach Ende des Lieferboykotts auf alte Positionen zurückgefallen sei. Vor allem Vorschläge des BDM zu einer am Bedarf orientierten Milchmenge, die in Streikzeiten noch Beachtung gefunden hätten, seien zu den Akten gelegt worden.

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