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Ungleichheit Vergebene Chancen

Arme und Geringqualifizierte bilden sich am seltensten fort. Regional sind die Unterschiede groß. Es muss also auch an den Strukturen liegen.

Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung nehmen weitaus seltener an Qualifizierungsmaßnahmen teil als Beschäftigte mit Abschluss. Dem aktuellen Weiterbildungsatlas der Bertelsmann-Stiftung zufolge absolvierten 2015 rund 12,2 Prozent der deutschen Wohnbevölkerung ab 25 Jahren eine Weiterbildung. Der Anteil der Geringqualifizierten lag mit 5,6 Prozent nicht einmal halb so hoch. Mit einer Weiterbildungsquote von 7,7 Prozent ebenfalls weit unter dem Durchschnitt rangieren armutsgefährdete Personen, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. Dabei wäre für diese Personengruppen „der Erwerb zusätzlicher Qualifikationen enorm wichtig“, schreiben die Autoren der Untersuchung.

Dies gilt naturgemäß besonders für jene 13,2 Prozent der über 24-Jährigen, die weder eine Lehre noch ein Studium erfolgreich abgeschlossen haben. Sie üben oftmals schlecht bezahlte Tätigkeiten aus, ihre Aufstiegschancen tendieren gegen null. Die Arbeitslosenquote unter Geringqualifizierten ist mit 20,3 Prozent fünfmal höher als in der Bevölkerung mit Berufsabschluss. Ihr Risiko zu verarmen liegt doppelt so hoch wie im Durchschnitt. Schlecht ausgebildete Menschen sind also oft zugleich arm.

Der Umkehrschluss ist nur bedingt zulässig. Armutsgefährdete Menschen verfügen nicht selten über gute Qualifikationen, können sie aber nicht oder nur unzureichend nutzen. Betroffen sind vor allem alleinstehende Frauen mit Kindern. Obwohl ihr Ausbildungsniveau über dem Durchschnitt liegt, ist ihr Armutsrisiko fünfmal höher als das von Paarhaushalten mit Kindern. „Dass Arme eher an Weiterbildung teilnehmen als Geringqualifizierte, hängt also auch damit zusammen, dass der Anteil bildungsferner Menschen unter den Armen geringer ist“, so die Studie. Unter dem Strich bleibt die betrübliche Erkenntnis, dass ausgerechnet jene, die Qualifizierung am nötigsten hätten, sie am wenigsten erhalten.

Dies allerdings ist kein unabänderliches Schicksal. Bundesländer, Städte und Kreise haben durchaus Einfluss auf die Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen, wie die Auswertung von Daten aus Ländern und Kreisen zeigt. Während 2015 in Baden-Württemberg 15,3 Prozent der über 24-Jährigen eine weitergehende berufliche Qualifizierung durchliefen, waren es im Saarland nur 7,8 Prozent. Zu den Weiterbildungsmuffeln mit Quoten unter elf Prozent zählen auch Berlin, Bremen, NRW und Sachsen-Anhalt. In Hessen, Rheinland-Pfalz und Sachsen liegt die Weiterbildungsquote dagegen zwischen 13 und 14 Prozent.

Noch krasser fallen die Unterschiede in den 402 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten aus. Während sich 2015 im niedersächsischen Kreis Grafschaft Bentheim weniger als drei Prozent der Wohnbevölkerung ab 25 Jahren an einer Weiterbildung beteiligten, waren es in Landsberg am Lech fast 23 Prozent. Zu den Kreisen mit „dauerhaft niedriger Weiterbildungsbeteiligung“ zählen Prignitz, Schwabach, Lindau am Bodensee, Euskirchen und Aachen. Dem steht eine Spitzengruppe mit Weiterbildungsquoten von über 18 Prozent gegenüber, in der sich unter anderem Darmstadt, Erfurt, Mainz, Münster und Würzburg finden.

Gleichfalls beträchtliche Unterschiede ergeben sich mit Blick auf die Weiterbildungsaktivitäten gering qualifizierter und armutsgefährdeter Personen. In Sachsen-Anhalt liegt der Anteil von Personen ohne formalen Abschluss, die 2015 eine Weiterbildung absolvierten, mit knapp neun Prozent höher als in jedem anderen Bundesland. In Brandenburg, Hamburg, Niedersachsen, NRW und dem Saarland lagen die Quoten dagegen unter sechs Prozent. Ein ähnlich uneinheitliches Bild ergibt die Beteiligung armutsgefährdeter Personen. Den höchsten Weiterbildungsanteil in dieser Gruppe erreicht Bremen mit 10,1 Prozent. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen liegen die Quoten immerhin zwischen acht und neun Prozent, im Saarland unter sechs.

Dass sich Weiterbildung in den meisten Fällen auszahlt, zeigt eine Umfrage der IHK Berlin, die ebenfalls am Dienstag vorgestellt wurde. Danach gaben 70 Prozent der Absolventen an, sie seien durch die zusätzlich erworbene Qualifikation beruflich vorangekommen. In 63 Prozent der Fälle stiegen auch die Arbeitseinkommen infolge der Weiterbildung. Sogar neun von zehn Befragten zeigten sich überzeugt, die Weiterbildung habe ihrer persönlichen Entwicklung genutzt.

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