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Unep-Jahrestagung in Nairobi Dramatischer Appell an die Weltwirtschaft

Umweltforscher wollen die Berechnung von Wohlstand und Wachstum neu definieren. Der schleichende Niedergang von Ökosystemen soll mit in die Berechnung des Wohlstandes einfließen und die bisherige Mess-Methode, das Bruttosozialprodukt, ergänzen.

Der brasilianische Regenwald im Bundesstaat Sao Paulo. Foto: dpa

Umweltforscher wollen die Berechnung von Wohlstand und Wachstum neu definieren. Der schleichende Niedergang von Ökosystemen soll mit in die Berechnung des Wohlstandes einfließen und die bisherige Mess-Methode, das Bruttosozialprodukt, ergänzen.

Die globale Umweltkrise spitzt sich nach Analysen des UN-Umweltprogramms (Unep) weiter zu. Doch der schleichende Niedergang von Ökosystemen wie der tropischen Regenwälder, der Böden oder der Ozeane schlägt sich nicht in der üblichen Berechnung des Wohlstandes der Nationen nieder. Führende Umweltforscher und Ökonomen fordern daher, die bisherige Methode zur Wohlstandsmessung, das Bruttosozialprodukt, abzulösen und zu ergänzen.

Auf der Unep-Jahrestagung, die am Montag in Nairobi begann, richtete die Gruppe einen dramatischen Appell an die anwesenden Umweltminister aus allen Erdteilen. Das bisherige Wirtschaftssystem sei „kaputt“, sagte der Umweltberater der britischen Regierung, Professor Bob Watson aus Norwich. „Es bringt der Menschheit eine Zukunft, die drei bis fünf Grad wärmer ist, als sie es bisher erlebt hat“, sagte der frühere Chef des Weltklimarats IPCC. Damit werde die ökologische Basis für die Gesundheit und Wohlstand für die sieben Milliarden Menschen gefährdet.

Verluste aus der Vernichtung von Wald sind höher als die aus der Finanzkrise

Wie verzerrt der „Wohlstand“ üblicherweise dargestellt wird, zeigt das Beispiel „Waldnutzung“ aus dem von Unep jetzt vorgelegten neuen Welt-Umweltbericht „Geo 5“ ? der Bibel der globalen Öko-Bilanzierung. Darin heißt es: „Die Verluste durch Vernichtung und Übernutzung von Wäldern sind höher als diejenigen, die die Weltwirtschaft durch die Finanzkrise 2008 erlitten hat.“ In den Berechnungen zum Bruttoinlandsprodukt tauchen erstere aber gar nicht oder nur indirekt auf. Das Fazit: Das Wirtschaftswachstum steige „auf Kosten der natürlichen Ressourcen und der Ökosysteme“, heißt es in dem Report, der von mehreren hundert Wissenschaftlern erstellt wurde.

Ein anderes Beispiel sind laut UN-Umweltprogramm die zunehmend intensiv und nicht nachhaltig genutzten Agrar-Böden. Fast ein Fünftel der weltweiten Landfläche sei binnen der letzten 25 Jahre beeinträchtigt worden. Teilweise liege die Bodenerosion extrem hoch. Es gebe Fälle, in denen „mehrere hundertmal mehr Boden verloren geht als sich natürlicherweise neu bildet“.

Bisher wird die sinkende Fruchtbarkeit in vielen Fällen durch höhere Kunstdüngergaben ausgeglichen, sodass die weltweite Agrarproduktion – und damit die Wirtschaftsleistung des Agrarsektors – weiter wächst. Die Experten warnen jedoch davor, dass diese Strategie angesichts der vermutlich bis 2050 auf über neun Milliarden Menschen ansteigenden Weltbevölkerung und der Klimaveränderungen an Grenzen stoßen könnte. In die Überlegung, ob eine weitere Intensivierung der Agrarproduktion sinnvoll sei, müssten jeweils auch die dadurch wachsenden Umweltschäden und -kosten einbezogen werden. Unep warnt davor, dass der Druck auf die Landfläche besonders in den Entwicklungsländer dramatisch zunimmt: Rund 20 Prozent der natürlichen Lebensräume ? Wälder, Moorgebiete, Wiesen ? drohen dort bereits bis 2030 in Ackerland umgewandelt zu werden. Damit steige zwar die Agrarproduktion, es gingen auf der anderen Seite aber wichtige Dienstleistungen der Ökosysteme verloren, die mit erhöhten Kosten wieder ersetzt werden müssten, etwa die Bereitstellung von Frischwasser.

Die Experten um den Regierungsberater Watson glauben natürlich nicht, dass ein „grünes Sozialprodukt“ alleine für eine Kehrtwende ausreichen würde. Es werde ein Umsteuern jedoch sehr erleichtern, argumentieren sie. Sie schlagen ein neues Maß für den Wohlstand vor, in dem neben der Wirtschaftsleistung auch die Entwicklung des „Naturkapitals“ und des „sozialen Kapitals“ einbezogen wird.

Neben dem Wert der produzierten Waren und Dienstleistungen flösse also auch das restliche „Vermögen“ eines Landes in die Berechnung ein ? darunter der Wert der natürlichen Ressourcen und der Dienstleistungen der Ökosysteme. Eine große Studie, die 2009 auf der UN-Artenschutzkonferenz in Nagoya veröffentlicht wurde, zeigte, dass dabei um gigantische Summen geht.

Subventionsabbau ist eine Chance für den globalen Klimaschutz

Der Teeb-Report – Teeb steht für Ökonomie der Ökosysteme und Biodiversität (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) – zeigte zum Beispiel, dass allein die Insekten jährlich 153 Milliarden US-Dollar (110 Milliarden Euro) an „Bestäubungsleistungen“ für die Landwirtschaft erbringen. Die Korallenriffe „erwirtschaften“ pro Jahr 172 Milliarden Dollar an Einkommen, Nahrung und weiteren Gewinnen. Die Studien-Autoren forderten schon damals die Staaten auf, den Wert der Ökosystem in die volkswirtschaftlichen Rechnungen einzubeziehen.

Watson und Co. forderten in ihrer Studie zudem die Abschaffung umweltschädlicher Subventionen in den Sektoren Energie, Verkehrswesen und Landwirtschaft. Diese verursachten große ökologische und soziale Kosten, die sozialisiert würden, schreiben sie.

Nach Berechnungen der Unep betragen die Subventionen alleine im Energiesektor weltweit mehr als 500 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Unep-Chef Achim Steiner sieht im Abbau der Subventionen eine große Chance für den globalen Klimaschutz. Er argumentiert: Bereits 40 Prozent der weltweit notwendigen Reduktion des CO2-Ausstoßes ließen sich so erreichen. Außerdem komme dann die effiziente Nutzung von Energie und die Markteinführung von regenerativen Energietechnologien weitaus schneller schnell als bisher voran.

Die Gruppe um Watson umfasst 20 Mitglieder ? neben Wissenschaftlern auch Ex-Politiker wie die frühere norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland und der Ex-Umweltminister Indonesiens, Emil Salim.

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