Lade Inhalte...

Umfrage Mehrheit gibt Sarrazin Recht

Der wegen seiner Äußerungen über Ausländer in die Kritik geratene Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin hat nach einer Umfrage eine Mehrheit der Deutschen auf seiner Seite.

11.10.2009 12:10

Berlin. Der wegen seiner Äußerungen über Ausländer in die Kritik geratene Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin hat nach einer Umfrage eine Mehrheit der Deutschen auf seiner Seite.

In einer repräsentativem Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid für "Bild am Sonntag" stimmen 51 Prozent der Deutschen der Aussage des ehemaligen Berliner SPD-Finanzsenators zu, dass ein Großteil der arabischen und türkischen Einwanderer weder integrationswillig noch integrationsfähig sei. Nur 39 Prozent der insgesamt 501 Befragten lehnen die in einem Interview geäußerte Meinung Sarrazins ab.

Bei den Grünen-Wählern stößt Sarrazins These mehrheitlich auf Ablehnung, während Anhänger von SPD, CDU/CSU, FDP und der Linken zustimmen. 69 Prozent der Bundesbürger finden sogar, es sei richtig, dass Sarrazin eine Debatte über Integration angestoßen hat. Nur 22 Prozent meinen, er hätte besser seinen Mund gehalten.

Derweil gerät Sarrazin nicht nur bei seinem Arbeitgeber, sondern auch in seiner Partei SPD zunehmend unter Druck. Nach einem Bericht des Magazins "Focus" will ihm Bundesbank- Präsident Axel Weber wesentliche Kompetenzen entziehen. Eine Vorlage für die Vorstandssitzung an diesem Dienstag sehe vor, dass der frühere Berliner Finanzsenator die Zuständigkeit für Bargeld-Umlauf und Risiko-Controlling verlieren soll.

Die Bundesbank wollte sich zum "Focus"-Bericht nicht äußern. "Wir kommentieren das nicht", sagte eine Sprecherin in Frankfurt/Main am Samstag. Dem Bericht zufolge soll Sarrazin in Zukunft nur noch für Informationstechnologie verantwortlich sein. Das vertrauliche Schreiben sei den Bundesbank-Vorständen bereits zugegangen.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ging mit Sarrazin hart ins Gericht. "Für einen Sozialdemokraten, der zumindest das Parteibuch noch bei sich hat, gehört es zum Grundkodex, dass man Menschen - egal wo sie hergekommen sind und die seit Jahren hier leben - nicht sozial diffamiert", sagte Wowereit auf dem SPD-Landesparteitag am Samstag. Auch andere Redner kritisierten Sarrazin heftig. Einige sahen für ihm kein Platz in der SPD.

In einem Interview über Berlins wirtschaftliche Zukunft hatte Sarrazin der Zeitschrift "Lettre International" gesagt: "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert."

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte Sarrazin Nähe zum Nationalsozialismus vorgeworfen. "Ich habe den Eindruck, dass Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist", sagte der Generalsekretär Stephan Kramer.

Dagegen schrieb der Münchner Historiker Michael Wolffsohn, er sehe sich durch Kramers Äußerungen als Jude nicht vertreten. "Wer Sarrazin mit Hitler vergleicht, hat nicht alle Tassen im Schrank", schrieb Wolffsohn in einem Beitrag für den "Tagesspiegel am Sonntag". (dpa)

Lesen Sie auf den nächsten Seiten: Die aktuellen Sprüche von Sarrazin - und was die Berliner dazu sagen.

Thilo Sarrazin: "Berlin ist belastet von zwei Komponenten: der 68er-Tradition und dem West-Berliner Schlampfaktor."

Udo Walz, Promi-Friseur: "Ich bin absoluter West-Berliner. Mich wundert, dass Herr Sarrazin von einem Schlampfaktor redet. Ich sehe bei mir im Haus viele gut angezogene Frauen. Gut, ein bissel schlampig ist Berlin, aber das gibt es in jeder Großstadt. Hier gehen die Leute im Jogginganzug essen. Das zeugt von Toleranz und geht übrigens auch in einer Weltstadt wie New York. Und Berlin ist auf dem Weg, auch eine Weltstadt zu werden. Dazu gehört Toleranz und dass jeder sein kann, wie er will."

Arnulf Rating, Kabarettist: "Sarrazin arbeitet ja im Bankensektor - einem sozialen Milieu, wo eine beispiellose soziale Verwahrlosung herrscht, die die sozialen Gemeinschaften weltweit allein im letzten Jahr mehrere Billionen Euro gekostet hat. Das waren keine Alt-68er. Vielleicht ist durch den Umgang mit Bankern sein soziales Taktgefühl geschädigt worden. Für die Berliner Stadtkasse hat sich der Schlampfaktor im Bankensektor - etwa bei der Bankgesellschaft - bisher als größere Belastung erwiesen als die Geburtenrate der Unterschicht."

Thilo Sarrazin: "Es gibt das Problem, dass 40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden."

Rolf Eden, Geschäftsmann und Ex-Nachtclub-Besitzer: "Eine Unterschicht gibt es in Berlin doch gar nicht. Eigentlich ist hier alles eine Schicht. In meinen Clubs habe ich jedenfalls nie jemanden getroffen, der sich als Unterschicht bezeichnete oder sich so fühlte. Klar gibt es viele Mittelständler in der Stadt und auf der anderen Seite viele Hartz-IV-Empfänger. Sie alle leben nicht schlecht. Wir sind eben hier alle Brüder. Und vor allem Schwestern."

Thilo Sarrazin"Eine große Zahl an Arabern und Türken, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat keineproduktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel."

Safter Çinar, Sprecher Türkischer Bund Berlin-Brandenburg: "Ich frage mich, ob sich Herr Sarrazin von dem NPD-Brief an Berliner Politiker mit ausländischen Wurzeln hat inspirieren lassen. Er betrachtet nur die eine Seite. Es gibt aber auch eine andere, erfolgreiche Seite. Migranten mit höherer Bildung sind Politiker im Abgeordnetenhaus. Es gibt 80 türkischstämmige Ärzte, die in Berlin eine Praxis haben, und 70 türkische Anwälte. Andere betätigen sich eben als Auto- oder Gemüseverkäufer. Das ist eine notwendige Tätigkeit, die man nicht abwerten sollte. Jede Gesellschaft braucht auch Obst- und Gemüseverkäufer."

Thilo Sarrazin"Berlin wird niemals von den Berlinern gerettet werden können. (…) Der Intellekt, den Berlin braucht,muss importiert werden."

Gayle Tufts, Entertainerin: "Ich persönlich habe mich aus New York nach Berlin exportiert, um gerettet zu werden. Und Berlin hat mich gerettet. Seelisch, intellektuell und geografisch. Zum Thema Intellekt kann ich nur sagen, dass die Humboldt-Universität 29 verschiedene Nobelpreisträger hervorgebracht hat. Man sieht, wie viele Menschen in diese Stadt kommen, auch viele Amerikaner. Das spricht für Berlins Weltoffenheit und Vielfalt. Also muss die Stadt nicht gerettet werden. Schon gar nicht von Herrn Sarrazin."

Frank Henkel, CDU-Landes-und Fraktionschef: "Es ist schon interessant, wie jemand über unsere Stadt urteilt, der jahrelang von Berliner Steuergeldern gelebt hat. Ich denke, weder die Berliner noch die vielen Neuberliner müssen sich für ihre Leistungsfähigkeit schämen. Berlin hat genug kreatives Potenzial und ist offen für Impulse von außen. Wir scheuen weder Intellekt zu importieren noch Stumpfsinn zu exportieren, wie es offensichtlich bei Herrn Sarrazin der Fall ist."

Horst Evers, Autor: "Lange Zeit hatte man Mitleid mit Herrn Sarrazin, wie er verzweifelt versucht hat, sich bei den Obermenschen einzuschleimen. Nette Worte für Investmentbanker, nette Pachtverträge für Golfclubs, in der Hoffnung, dadurch würden sie ihn vielleicht mögen. Oder wenigstens irgendwie lustig finden, weil er gleichzeitig so urkomisch auf diese unnützen Unterschichtmenschen einprügeln kann. Aber sie lassen ihn wohl immer noch nicht richtig mitmachen, weshalb er weiterhin für sie den Tanzbären und Possenreißer geben muss. Das ist alles sehr traurig, gewiss. Trotzdem ist das Mitleid für Sarrazin jetzt aufgebraucht."

Thilo Sarrazin: "Wäre Wowereit eine Mischung aus Kurt Biedenkopf, Willy Brandt und Freiherr von und zu Guttenberg, könnte er natürlich mehr für die Stadt bewirken."

Wolfgang Wieland (Grüne), Berliner Bundestagsabgeordneter: "Ich verstehe Herrn Sarrazin gar nicht. Klaus Wowereit ist doch bereits eine Mischung aus Franz Müntefering, Guido Westerwelle und Harald Juhnke. Was will er denn noch mehr?"

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum