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Türkei Recep Erdogans wackelige Pläne

In sechs Jahren soll die türkische Wirtschaft laut Präsident Erdogan zu den zehn stärksten Volkswirtschaften der Welt gehören. Ist das realistisch?

Instanbul
Das Gesicht Istanbuls hat sich in den vergangenen zehn Jahren massiv verändert, die Bauwirtschaft sorgt für eine rasante und umstrittene Erneuerung der Stadt. Foto: ap

Der türkische Präsident Recep Erdogan hat viel vor. In den nächsten Jahren soll sein Land eine eigene, nationale Automarke entwickeln. Bis zum Jahr 2023 will die Türkei zu den zehn stärksten Volkswirtschaften der Welt gehören. Eine Mitgliedschaft in der EU, so Erdogan, braucht sein Land dafür nicht. Doch diese Träume dürften nicht in Erfüllung gehen.

Denn angetrieben wird der bisherige Aufschwung von staatlichen Kredithilfen. Und er bleibt abhängig vom permanenten Kapitalzufluss aus dem Ausland. Unter all den Wackelkandidaten der großen Ökonomien ist die Türkei der wackeligste, urteilt die Ratingagentur S&P.

Aktuell scheint die Türkei in guter Form zu sein. Seit dem Putschversuch Mitte 2016 hat sich die Wirtschaft erholt, im zweiten Quartal 2017 gab es ein starkes Wachstum, das im dritten Quartal noch mal zulegen dürfte. Um mehr als fünf Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt dieses Jahr wachsen, was Erdogan als Erfolg seiner Politik verbucht. Bis 2020 plant die Regierung ein Wachstum von 5,5 Prozent jährlich.

Die deutsche Außenhandelsagentur GTAI hegt allerdings „Zweifel, dass die Türkei ihre ambitionierten Ziele erreichen wird“. Denn der Aufschwung ist zerbrechlich. Befeuert wird er derzeit von außergewöhnlichen staatlichen Maßnahmen. So erleichtert Ankara massiv die Aufnahme von Krediten, mit denen die Unternehmen ihr Wachstum und die Banken den Bauboom finanzieren. Doch dieser Impuls hat seine Grenzen. „Das Kreditwachstum zeigt Anzeichen von Schwäche, die staatlichen Garantien sind langsam aufgebraucht“, so Gyorgy Kovacs von der Investmentbank UBS.

Der Boom hat die Inflationsrate auf immer neue Höhen steigen lassen, im Oktober erreichte sie knapp zwölf Prozent. Damit die Türken keine Reallohnverluste erleiden, steigen die Einkommen in ähnlicher Größenordnung, was die Teuerung weiter antreibt.

Ein weiterer Schwachpunkt: Die Türkei importiert wesentlich mehr, als sie exportiert. Ergebnis ist ein massives Außenhandelsdefizit, das in den ersten neun Monaten 2017 um 30 Prozent höher lag als im gleichen Vorjahreszeitraum. 

Um es zu finanzieren, ist das Land auf einen ständigen Zustrom ausländischen Kapitals angewiesen. Dieser Zustrom findet zwar noch statt. Allerdings besteht er inzwischen vor allem aus Finanzinvestments, die schnell abgezogen werden können. Im ersten Halbjahr 2017 flossen 80 Prozent des ausländischen Gelds in türkische Anleihen und Aktien, so die Investmentbank UBS. Die langfristigen Direktinvestitionen schrumpfen dagegen.

Zudem wandeln sich die Zeiten für Kreditnehmer grundsätzlich. Bislang waren die Konditionen für Schuldner auf der Welt so gut wie nie. Die großen Zentralbanken der Industriestaaten hatten die Zinsen tief gedrückt. Das ermöglichte auch Schwellenländern wie der Türkei die billige Kreditaufnahme. Doch nun dreht der Wind, die US-Notenbank hebt die Zinsen an, das nächste Mal wohl im Dezember. Das trifft die Türkei auf verschiedenen Wegen.

Wenn die USA die Zinsen erhöhen, werden Anlagen in US-Dollar für globale Anleger attraktiver. Um sie in die Türkei zu locken, muss die dortige Regierung den Investoren mehr Zinsen bieten, was Schulden verteuert. Durch die steigenden Zinsen in den USA und die hohe Inflation in der Türkei schwächt sich zudem der Kurs der türkischen Lira weiter ab – derzeit liegt sie mit 3,87 Lira je Dollar nahe an ihrem Rekordtief. Das bringt türkische Unternehmen in Bedrängnis, die rund 300 Milliarden Dollar an Krediten in ausländischer Währung aufgenommen haben. Je höher der Dollar steigt, desto teurer wird für sie die Schuldenzahlung.

Ein steigender Dollar macht außerdem für die Türken Importe teurer – die meisten Einfuhren bezahlen sie in der US-Devise. Folge ist ein weiter steigendes Außenhandelsdefizit. Teurere Importwaren befeuern wiederum die Inflationsrate in der Türkei, was die Lira weiter schwächt.

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