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Tourismus „Für Fehler sollten nicht die Urlauber zahlen“

Marija Linnhoff, Verbandsvorsitzende der unabhängigen Reisebüros, spricht im FR-Interview über Kundenrechte, die Wandlung der Branche und ignorante Politiker.

Del Mar, Kalifornien, USA
Auf die Tourismusbranche kommen erhebliche Veränderungen zu, erwartet Maria Linnhoff. Foto: rtr

Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und legt sich regelmäßig auch mit den Mächtigen der Tourismusbranche an. Marija Linnhoff hat sich schon vor geraumer Zeit das Image der zähen Kämpferin für die Belange der Reisebüros erarbeitet. Sie setzt sich für mehr Verbraucherschutz ein, fordert unter anderem die Rechte der Kunden bei Airline-Pleiten zu stärken. Politikern wirft sie Ignoranz bei wichtigen Fragen der Touristik vor. 

Frau Linnhoff, selten war die Reisebranche so euphorisch wie momentan. Alle rechnen mit einem extrem guten Jahr. Auf der Reisemesse ITB Anfang März wird mutmaßlich heftig gefeiert. Knallen auch bei Ihnen die Korken?
Ich bin von den positiven Prognosen nicht überzeugt. Es gibt viele Unwägbarkeiten. Man macht sich selbst Mut. 

Und will damit die Kunden ermuntern, tolle Reisen zu buchen?
Den Kunden treffen die Probleme der Branche zunächst nur mittelbar. Nehmen sie die Gewerbesteuer-Hinzurechnung, die viele Reiseveranstalter belastet.

Das hört sich kompliziert an.
Reiseveranstalter kaufen sich zum Beispiel Bettenkontingente in Hotels auf Option. Sie können reservierte Zimmer wieder zurückgeben. Ein Finanzbeamter hat aber festgelegt, dass potenzielle Einnahmen aus dem Geschäft mit Hotelzimmern bei der Gewerbesteuer berücksichtigt werden müssen, auch wenn sie gar nicht verkauft wurden. Schon 2014 hat unser damaliger Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel angekündigt, diese Fehlkonstruktion zu beheben. Nichts ist passiert. 
 
Die Zeche zahlt der Kunde?
Natürlich. Fehler, die Politiker und auch Vertreter der Branche in den vergangenen Jahren gemacht haben, sollen jetzt die Urlauber in Form höherer Preise zahlen. Das geht überhaupt nicht. Die Verfahren vor den zuständigen Gerichten laufen. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Politik Gesetze macht, die dann mit Hilfe von Gerichten in die richtige Form gebracht werden müssen. Ähnliche rechtliche Defizite gibt es bei der Absicherung von Flugtickets, wenn Airlines pleitegehen. Bei der Air-Berlin-Insolvenz sind Tausende Tickets wertlos geworden. Genau diesen Missstand versuchen wir, der VUSR, und der Verbraucherzentrale Bundesverband zu beheben. Wir haben leider erfolglos gefordert, dass eine Absicherung der Tickets in die Koalitionsvereinbarung kommt.


 
Was ist der Grund dafür, dass in der Tourismusbranche so vieles nicht geregelt ist und Rechte der Verbraucher häufig nicht ausreichend geschützt sind?
Die Tourismusbranche ist sehr komplex und sehr kleinteilig. In der Regierung gibt es traditionell eine große Abneigung sich mit diesen komplexen Themen intensiv zu befassen. Kein Wunder, dass die AfD jetzt den Vorsitz im Tourismusausschuss hat. Eine fremdenfeindliche Partei und der Tourismus: Da wird der Bock zum Gärtner gemacht. 

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