Lade Inhalte...

Tihange und Doel Pfusch am AKW-Bau

Die belgischen Atommeiler von Tihange und Doel hatten wahrscheinlich schon gravierende Mängel, noch bevor sie in Betrieb genommen wurden. Dokumente über ihren Zustand sind spurlos verschwunden.

Tihange
Viele Risse: das belgische AKW Tihange. Foto: rtr

In den belgischen Atomkraftwerken Tihange 2 und Doel 3 sind die technischen Mängel größer als bislang bekannt. Das geht aus der Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervor. Haarrisse in den Schmiederingen der stählernen Reaktordruckbehälter „stellten eine Abweichung von der Anforderung dar, Materialien mit höchster Qualität einzusetzen“, teilt das Haus von Barbara Hendricks (SPD) mit. Dies schwäche das Sicherheitskonzept des Reaktors. „Aus Sicht der Bundesregierung sind Schmiederinge, bei denen solche Anzeichen bei der Fertigung festgestellt werden, bereits bei der Fertigung zu verwerfen“, heißt es in dem Papier.

„Jetzt ist es amtlich: In Deutschland hätten diese Schrottreaktoren nie ans Netz gedurft“, sagt Sylvia Kotting-Uhl, Sprecherin für Atompolitik in der Grünen-Bundestagsfraktion, zu den Auskünften des Ministeriums.

Der Reaktordruckbehälter (RDB) ist das Herzstück eines Atomreaktors. Dort findet die kontrollierte Kettenreaktion statt. Dabei entwickelt sich enorme Hitze. Zudem steht der Behälter unter extrem hohem Druck. Der RDB besteht aus mehreren zunächst geschmiedeten und dann zusammengeschweißten großen Stahlringen. Beim Gießen der Rohlinge können im Stahl Risse entstehen, die im Laufe der Zeit immer größer werden – denn die Ummantelung wird durch die Radioaktivität zunehmend spröder.

3000 Risse im Stahlmantel

Im AKW-Tihange 2 – 50 Kilometer entfernt von Aachen – wurden schon vor Jahren rund 3000 Risse im Stahlmantel des Reaktors festgestellt. Bei Doel 3, rund 110 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, sind es sogar etwa 19.000. Mehrfach wurden die Kraftwerke in der Vergangenheit abgeschaltet, um die Risse mit Ultraschallgeräten zu untersuchen. Das Bundesumweltministerium jedenfalls hält die Sicherheit der beiden Meiler längst nicht mehr für gewährleistet und hat deshalb hat von der belgischen Regierung die Stilllegung der Meiler gefordert.

Doch die belgische Atomaussichtsbehörde Fanc hat bislang immer wieder das Hochfahren der Reaktoren genehmigt – trotz erwiesener Risiken. Zwar sollen die Risse im Normalbetrieb angeblich keine Gefahr darstellen. Allerdings könnte es bei einem Störfall, etwa wenn Kühlrohre platzen, kritisch werden: Um ein Überhitzen des Reaktors zu verhindern, müsste dann kaltes Wasser in den Druckbehälter gepumpt werden. Das könnte aber eine Art Kälteschock auslösen und den Druckbehälter wegen der Risse zum Bersten bringen. Ein Super-GAU wie in Fukushima wäre die mögliche Folge. Im Fall von Tihange 2 würde dies wegen des vorherrschenden Westwindes vor allem das nahegelegene Rheinland treffen.

Die Atomaufsicht im Nachbarland glaubt indes, einen Unfall trotz des maroden Stahls verhindern zu können. Sie hat dem Betreiber aber zur Auflage gemacht, bei einem Störfall nur vorgewärmtes Kühlwasser in den Druckbehälter pumpen, um den Kälteschock zu mildern.

Wissenschaftler fordert Einstellung des Betriebs

Seit geraumer Zeit steht nun der Verdacht im Raum, dass Risse im erheblichen Ausmaß schon von Anfang an vorhanden waren. In der Antwort auf die Grünen-Anfrage teilt das Ministerium mit, der Bundesregierung lägen keine Erkenntnisse darüber vor, inwiefern Mängel bei den Druckbehältern schon zum Zeitpunkt der Betriebsgenehmigung der beiden Reaktoren, die 1982 ans Netz gingen, von den belgischen Behörden berücksichtigt wurden.

Das verwundert nicht. Denn an der Geschichte der AKW ist brisant, dass die Dokumente über den Zustand der Druckbehälter bei ihrer Herstellung verschwunden sind – das hat die Fanc auch bestätigt. „Dies begründet den Verdacht, dass die Dokumentationen über diese Risse vom Betreiber/Hersteller unterdrückt worden sind. Alleine diese Tatsache müsste zur vorläufigen Einstellung des Betriebs der Anlage führen“, schreibt der renommierte Atomwissenschaftler Wolfgang Renneberg in einem Gutachten.

Die Dokumentationen über die Herstellung seien „für die aktuelle Sicherheitsbeurteilung zwingend notwendig“. Zudem stehe die Zuverlässigkeit von Hersteller und Betreiber seit der Genehmigung der Anlage damit in Frage. „Eine entsprechende Reaktion der belgischen Aufsichtsbehörde ist jedoch nicht erkennbar“, so Renneberg, der als einer der wichtigsten Experten für AKW hierzulande gilt. Für Kotting-Uhl drängt sich indes der Verdacht auf, dass die beiden Reaktoren „auch in Belgien die Genehmigungsvoraussetzungen nicht erfüllt haben. Wir werden dem dringend nachgehen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum