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The Ocean Cleanup Initiative will Plastik-Kontinent abtragen

Das Projekt „The Ocean Cleanup“ soll die riesigen Plastikstrudel in den Weltmeeren abtragen. Es startet im Mai.

Strand
Plastik überall: Nicht nur die Meere, auch die Strände sind zugemüllt. Foto: The Ocean Cleanup

Es ist 20 Jahre her, dass der „achte Kontinent“ entdeckt wurde. Die ersten Bilder vom größten der Plastikmüll-Strudel auf den Weltmeeren waren ein Schock. Sie zeigten einen gigantischen fließenden Teppich, gewebt aus Plastiktüten -und Flaschen, Kanistern, Strohhalmen und Netzen aus Kunststoff sowie anderen Müllteilen, sogar Zahnbürsten und Einwegrasierer fanden sich darin. Die Strömungswirbel in der Nähe des Äquators treiben die Plastikteile wie gigantische Whirlpools zusammen und lassen sie nicht mehr aus den Strudeln heraus. Der größte der insgesamt fünf Strudel, genannt „Great Pacific Garbage Patch“, liegt zwischen Hawaii, dem US-Festland und Asien. Er ist inzwischen viermal so groß wie Deutschland. Sein Entdecker, der Ozeanograph Charles Moore, schrieb jüngst in der „New York Times“, der Strudel bestehe inzwischen, bedingt durch die fortwährende Verdichtung, sogar zum Teil aus „festen Bereichen, auf denen man laufen könnte“.

Könnte man diesen gespenstischen Plastik-Kontinent wieder beseitigen? Ein junger Mann, der Niederländer Boyan Slat, glaubt das. Der inzwischen berühmte 23-jährige Ideengeber und sein „The Ocean Cleanup“-Team stehen kurz davor, die „größte Aufräumaktion der Geschichte“ zu starten, wie er sein Projekt nennt. Bereits im Mai soll das Projekt im Nordpazifik beginnen. Binnen nur fünf Jahren will die Initiative rund die Hälfte des Kunststoffmülls aus diesem Müllstrudel eingesammelt und abtransportiert haben. Das Altplastik soll recycelt und wiederverwertet werden. Slat ist zuversichtlich, dass sein Konzept funktioniert, und gibt selbstbewusst ein noch höheres Ziel aus. „Unsere Mission ist es, die Ozeane der Welt von Plastik zu befreien.“

Als Slat, damals erst 17 Jahre alt, seine Idee 2012 in einem TED-Talk im Internet präsentierte, glaubte kaum jemand, dass sie auch nur in die Nähe der Realisierung kommen könnte. Inzwischen sieht es ganz anders aus. „The Ocean Cleanup“ schaffte es, über 30 Millionen Dollar an Spenden und Fördermittel für das Projekt einzuwerben, zum Teil per Crowdfunding, aber auch von der niederländischen Regierung und einer Reihe Großsponsoren. Vor allem Firmen aus dem US-amerikanischen Silicon Valley beteiligten sich, einer der prominenten privaten Geldgeber ist Paypal-Erfinder Peter Thiel. Slats Projekt beschäftigt inzwischen 65 Mitarbeiter, darunter Ingenieure und Wissenschaftler.

Der Plastikmüll wird gemäß dem „The Ocean Cleanup“-Konzept zuerst durch eine Flotte von bis zu 50 schwimmenden Barrieren an einer Stelle konzentriert und dann von dort mit Schiffen abtransportiert. Die insgesamt rund 500 Meter langen Röhren sind U-förmig angeordnet, wodurch die Plastikteile ins Zentrum hineingetrieben werden.

Ursprünglich wollte Slat nur eine Riesen-Barriere bauen und sie mit klassischen Ankern am Meeresboden in mehreren Kilometern Tiefe befestigen, doch das erwies sich als zu riskant, aufwendig und teuer. Jetzt ist die Konstruktion modular aufgebaut und arbeitet mit „schwimmenden Ankern“, die sich in 500 bis 600 Metern Tiefe befinden. Die Ozeanströmungen betragen dort nur ein Viertel gegenüber der Oberfläche, wodurch der Einsammeleffekt ebenfalls gewährleistet wird – die Strömung drückt das Plastik in die langsamer wandernden Fangarme hinein.

Slat verbreitet Zuversicht, dass die Konstruktion den rauen Verhältnissen auf den Ozeanen dauerhaft standhalten kann. Erfolgreiche Testläufe fanden 2016 und 2017 auf der Nordsee statt. Die Anlage habe sogar einen starken Sturm mit fast zehn Meter hohen Wellen überstanden, berichtet der Niederländer. Ein Schwachpunkt, der sich bei den Test zeigte, wurde behoben. Die Luftkammern, auf denen die Sammelbarrieren schwimmen, waren mit der Zeit löchrig geworden. Slats Team ersetzte sie durch feste Röhren, die Wellengang, Salzwasser und Sonne trotzen.

Die in den Barrieren konzentrierte Plastikfracht soll nach den Plänen von „The Ocean Cleanup“ etwa einmal pro Monat von einem Transportschiff aufgeladen und dann zum Recycling an Land gebracht werden. Der Niederländer rechnet damit, dass pro Jahr Hunderttausende Kilogramm Altkunststoffe anfallen werden, wenn das System funktioniert. Sie sollen dann aufbereitet werden. Slat räumt zwischen den Zeilen ein, dass hier ein Knackpunkt liegt. Es müsse darum gehen, „bestmögliche Qualität“ aus dem wilden Plastikgemisch zu produzieren, sagt er, damit Kunden in der Auto-, Möbel- oder Elektronikindustrie das Material für ihre Produkte verwenden können.

Unter anderem als Rohstoff für Drei-D-Drucker soll es sich eignen. Bisher wird beim Recycling von Mischkunststoffen meist nur minderwertige Plastik-Qualität produziert, die allenfalls noch für Parkbänke und Blumentöpfe taugt. Wahrscheinlich deswegen hat Slat viele Mitarbeiter seines Teams auf die Lösung des Recyclingproblems angesetzt.

Der Niederländer geht optimistisch davon aus, dass der Verkauf des Sekundär-Kunststoffs genügend Geld einbringt, um die operativen Kosten der Ozeansäuberung zu tragen. Schon über 100 Firmen hätten Interesse an dem Recycling-Plastik gezeigt, berichtet er. Warum sie das wohl tun? „Für die Firmen, die unser Plastik verwenden, ergibt sich daraus ein Imagegewinn“, so Slat jüngst in einem Interview.

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