Lade Inhalte...

Teure Pillen Das Ende des Preisdiktats

Bisher bestimmen Pharmakonzerne den Preis für ihre Produkte - und die Krankenkassen zahlen. Ab heute müssen beide den Preis für neue Medikamente miteinander verhandeln. Eine Zeitenwende.

Neue Medikamente bringen Patienten Hoffnung - sind aber oft sehr teuer. Foto: dpa/Vejchayachai/FR-Montage

Es geht nur um eine kleine, beigefarbene Pille, doch es ist ein großer Fortschritt für das Gesundheitswesen. An diesem Montag muss zum ersten Mal ein Pharmakonzern mit den Krankenkassen über den Preis eines patentgeschützten Arzneimittels verhandeln, das er hierzulande vermarkten will. Ähnliche Gespräche über etwa 20?weitere Medikamente werden in diesem Jahr folgen. Nutzen die Krankenkassen die Chance, gehören die von Kritikern angeprangerten „Mondpreise“ für Medikamente in Deutschland der Vergangenheit an.

Eine kleine, aber feine Delegation wird an diesem Vormittag an der Berliner Mittelstraße 51 eintreffen. Mit Medizinern und Arzneimittelexperten im Schlepptau wird Claus Runge am Hauptsitz des Spitzenverbandes der Krankenkassen erwartet. Der 36-jährige Apotheker hat eine Blitzkarriere hingelegt in der Pharmaindustrie. Bevor er in die Geschäftsführung von Astra Zeneca Deutschland einzog, hat er für die namhaften Pharmakonzerne Glaxo Smith Kline und Wyeth gearbeitet. Als erster Manager verhandelt er nun über den Preis eines patentgeschützten Medikaments mit der gesetzlichen Krankenversicherung.

Monatelange Verhandlungen

Brilique heißt das Mittel, um das sich alles dreht. Es ist seit einem Jahr in Deutschland auf dem Markt und wird Patienten gegeben, die eine Durchblutungsstörung des Herzens oder einen Herzinfarkt erlitten haben. Für die ersten zwölf Monate durfte Astra Zeneca den Preis für Brilique noch frei festlegen. Auf 1?092 Euro belaufen sich die Jahrestherapiekosten statt 139 Euro bei der bisherigen Standardmedikation. Früher hätten das die Krankenkassen hinnehmen müssen, nun wird verhandelt.

Komplexe Bedingungen

Was dabei herauskommen wird, ist allen Beteiligten noch unklar. „Die Verhandlungen haben Blackbox-Charakter“, sagt ein Branchenvertreter. „Wir wissen alle nicht, was dabei herauskommen wird.“ Vergleichbar mit dem Einkauf auf dem Markt sind die Verhandlungen nicht. Zwar wird auch hier um den Preis gefeilscht, doch die Bedingungen sind ungleich komplexer. Dossiers müssen gewälzt, Arzneimittelstudien konsultiert, Richtlinien eingehalten werden. Die Frage ist: Was darf ein Medikament kosten, durch das Patienten länger leben können? Was ist dieser Zusatznutzen wert?

Monatelang haben die Verbände der Arzneimittelhersteller mit dem Spitzenverband der Krankenkassen die Rahmenbedingungen der Verhandlungen festgelegt. Es wurde darüber gestritten, ob das Ergebnis der Preisverhandlungen veröffentlicht werden darf, welche Daten die Konzerne preisgeben müssen und was Teil des Betriebsgeheimnisses ist. Selbst der Verhandlungsort war Verhandlungssache. Nervös belauerten sich beide Seiten und achteten penibel darauf, dem Gegner nicht durch eine Ungeschicklichkeit von Vornherein das Terrain zu überlassen.

In der Öffentlichkeit aber hält man sich zurück. Die Parteien sind bemüht, die erste Preisverhandlung geräuschlos über die Bühne zu bringen. Mitten in der Legislaturperiode, wo die nächsten Wahlen noch fern sind, will es sich keine der beiden Seiten durch Chaos, gar mit gescheiterten Verhandlungen, mit der Bundesregierung verscherzen. Schließlich hat die jetzige Regierung, mit dem damaligen FDP-Gesundheitsminister und derzeitigem Vizekanzler Philipp Rösler, das Verfahren in dieser Form festgezurrt. „Wir müssen das jetzt gangbar machen“, sagt deshalb ein Vertreter der Pharmafirmen.

Und das, obwohl die Hersteller unglücklich sind, dass sie ihre Preise nicht mehr selber machen können. Ab jetzt gilt die Regel: Nützt ein neues Medikament den Patienten mehr als die bisherigen Präparate, wird verhandelt, was dieser Mehrnutzen wert ist. Hat es keinen Zusatznutzen, wird der Preis ohne Verhandlungen auf dem Preisniveau vergleichbarer Präparate festgesetzt. Damit wird der Praxis ein Ende gesetzt, Mittel ohne Mehrwert, aber zu hohen Preisen in den Markt einzuführen, aggressiv zu vermarkten und die Krankenkassen den Preis dafür zahlen zu lassen.

Jetzt sind die Preise noch für zwölf Monate frei. In dieser Zeit durchlaufen neue Arzneien eine Nutzenprüfung. Dabei wird analysiert, ob Patienten mit dem neuen Medikament länger und besser leben als mit der bisherigen Standardtherapie. Der Hersteller Astra Zeneca behauptete zum Beispiel, sein Medikament Brilique biete einen Nutzen für alle Formen des akuten Koronarsyndroms, das von Durchblutungsstörungen des Herzens bis zum schweren Herzinfarkt reicht.

Das sahen unabhängige Wissenschaftler etwas anders. Sie erkannten für eine Gruppe von Herzinfarktpatienten – mit sogenanntem Nicht-Strecken-Hebungsinfarkt – und Patienten mit Durchblutungsstörungen des Herzens eine „beträchtliche“ Verbesserung an. Das heißt, dass von 67 Patienten durch Brilique einer keinen zweiten Infarkt bekommt. Für die anderen Patienten ist der Zusatznutzen nicht quantifizierbar oder nicht vorhanden. Insgesamt verbessert die Arznei für 80 Prozent der Patienten mit akutem Koronarsyndrom die Behandlung.

686 Prozent höhere Kosten

Doch rechtfertigt das im Vergleich zur alten Therapie um 686 Prozent höhere Arzneimittelausgaben für Patienten mit Durchblutungsstörungen des Herzens oder einem Nicht-Strecken-Hebungsinfarkt? Die Krankenkassen belastet das mit immerhin 170 bis 210 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr. Runge und sein Team werden das nun mit den Kassen aushandeln müssen.

Dazu stellen sich verschiedene Fragen: Sparen die Kassen dank Brilique Geld, weil die Patienten seltener behandelt werden müssen? Welchen Preis verlangt Astra Zeneca im Ausland? Welcher Preis ist angesichts der Tatsache gerechtfertigt, dass Brilique nur für 80 Prozent der Patienten mit akutem Koronarsyndrom einen Zusatznutzen hat, bei den restlichen 20?Prozent die Behandlung aber nur verteuert, nicht verbessert? Und schließlich die ethisch schwierigste Frage: Was ist ein längeres Leben wert?

Diese Fragen zeigen, wie schwierig die Verhandlungen noch werden können. Es wird erwartet, dass die erste Begegnung zwischen Astra Zeneca und den Krankenkassen zunächst ein Abtasten, ein Herantasten wird. Ein Ergebnis in der ersten Runde ist nahezu ausgeschlossen.

Innerhalb von sechs Monaten müssen sich die Parteien einigen, sonst wird ein Schiedsgericht entscheiden. Fest steht aber schon jetzt: Egal wie lange die Verhandlungen dauern werden, für jede Packung Brilique, die seit dem 1. Januar 2012 verkauft worden ist, wird der neue Preis gelten, nicht nur für die Krankenkassen, sondern auch für Privatversicherte.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum