Lade Inhalte...

Tarifverhandlungen Streiken für familienfreundlichere Arbeitszeiten

Nicht alle Metaller finden den Streik für eine 28-Stunden-Option gut. Bis Samstag streiken Tausende bundesweit in mehr als 250 Unternehmen, zum ersten Mal 24 Stunden lang.

Warnstreik der IG Metall in Baden-Württemberg
Es wird wieder gestreikt bei der IG Metall. Foto: dpa

Mercedes-Mitarbeiter Thomas Lieske geht bei den Warnstreiks der IG Metall (IGM) für das auf die Straße, was ihm besonders wichtig ist: sein Sohn. Der Elfjährige ist behindert, er hat Trisomie 21. Die intensive Betreuung übernimmt Lieskes Frau. Falls seine Partnerin aber ausfallen würde, wäre der 52-jährige Lieske gefragt – unmöglich bei einer Arbeitszeit von 35 Stunden pro Woche und wöchentlichem Wechsel von Früh- auf Spätschicht, sagt er.

Die IG Metall hat sich in den Tarifverhandlungen nicht nur Geld, sondern auch familienfreundliche Arbeitszeiten auf die Fahne geschrieben – zum ersten Mal seit dem verlorenen Kampf um die 35-Stunden-Arbeitswoche in Ostdeutschland vor 14 Jahren. Die Gewerkschaft will erreichen, dass Angestellte ihr Pensum auf 28 Wochenstunden runterschrauben können, mit Garantie, wieder in die normale Vollzeit wechseln zu können.

Die Forderung gilt für alle. Manche Arbeitnehmer sollen aber wegen des anteilig sinkenden Gehalts einen Lohnzuschuss erhalten, wenn sie die Option ziehen: 2400 Euro pro Jahr sollen Angestellte bekommen, die einen Angehörigen pflegen oder ein Kind unter 14 Jahren betreuen; 750 Euro pro Jahr soll es für Schichtarbeiter geben.

Tausende streiken bis Samstag

Die Forderung war einer der Hauptgründe, warum die Verhandlungen am Wochenende nach 16 Stunden abgebrochen wurden. 6,8 Prozent mehr Geld auf 27 Monate hatten die Arbeitgeber da geboten. „Diskriminierend und rechtswidrig“ sei der IGM-Plan für den Teillohnausgleich, so die Arbeitgeber, weil er die dann in Teilzeit gehenden Mitarbeiter bevorzuge gegenüber denen, die schon jetzt in Teilzeit arbeiten. Vor allem aber fürchten sie für ihre Auftragslage: 60 Prozent der Angestellten könnten nach Berechnungen des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall die Arbeitszeitverkürzung annehmen, damit würden 200 000 Vollzeitstellen verloren gehen. „Nicht nachvollziehbar“ und „spekulativ“ nennt die IGM das. „Es werden nicht alle diese Wahloption in Anspruch nehmen und diejenigen, die sich dafür entscheiden, werden es nicht alle gleichzeitig tun.“ Bis Samstag streiken Tausende bundesweit in mehr als 250 Unternehmen, zum ersten Mal 24 Stunden lang. Die Arbeitgeber haben dagegen Klage eingereicht – weil die Forderung nicht rechtens sei, seien es auch die Streiks nicht.

Im Bremer Mercedes-Werk, in dem Lieske arbeitet, hat die Belegschaft mit großer Mehrheit für Streik gestimmt: „90 Prozent waren dafür“, sagt Lieske. Das seien mehr als üblich. „Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass es um mehr geht als um Geld.“ Der Altersdurchschnitt im Werk sei hoch, viele Angestellte würden das Problem kennen, sich um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmern zu müssen. Auch bei jungen Arbeitern kann die IGM mit ihrer Forderung punkten. Bisher habe er nicht viel von der Gewerkschaft gehalten, sagt Kemal Özdemir. Der 35-Jährige arbeitet seit sieben Jahren Schicht bei einem kleineren Autozulieferer in Baden-Württemberg. In wenigen Tagen wird er zum ersten Mal Vater – und würde jederzeit von der 28-Stunden-Option Gebrauch machen. Der Zuschuss zum Lohn sei ihm nicht wichtig, sagt er. „Ich will nur Zeit für meine Familie haben.“ Zum ersten Mal ist die Gewerkschaft da für ihn relevant: „Wenn die IG Metall das durchbekommt, das wäre ideal.“

Nicht jeder würde profitieren

Doch nicht jeder würde von der Option profitieren, auch unter den Arbeitern ist sie umstritten. Überstunden für verbleibende Kollegen und Förderung der Leiharbeit befürchten die einen, Niedergang der Industrie andere. Viele setzen andere Prioritäten – etwa mehr Lohn für alle. Metaller in Berlin, Brandenburg und Sachsen fühlen sich im Stich gelassen, denn sie warten immer noch auf Angleichung an die Westbetriebe und die Reduzierung ihrer Arbeitszeit auf 35 Stunden für alle.

„Ich verstehe gar nicht, was das soll“, sagt Thomas Hein (Name geändert), Ford-Mitarbeiter in Köln. Es gebe schon die Möglichkeit flexibler Arbeitszeiten, auch bei privaten Notfällen. Hein ist Mitte 30, hat keine Kinder und ist unverheiratet. Die 28-Stunden-Woche komme für ihn nicht in Frage. Ihm sei wichtiger, dass sein Unternehmen „konkurrenzfähig“ bleibe, damit es seinen Job in ein paar Jahren überhaupt noch gebe. Was ihn trotzdem auf die Straße treibt? „Gruppenzwang“, sagt Hein.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen