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Tarifkonflikt Kurz vor ganztägigen Streiks

Die Tarifgespräche in der Metallindustrie sind ergebnislos abgebrochen worden.

Kiel
Metallarbeiter demonstrieren in Kiel. Foto: dpa

Der Tarifkonflikt in der Metall- und Elektroindustrie eskaliert. Wenn nicht alles täuscht, wird der IG-Metall-Vorstand am Freitag die nächste Arbeitskampfstufe zünden und erstmals überhaupt zu ganztägigen Streiks in ausgewählten Betrieben aufrufen. Die vierte Verhandlungsrunde im Bezirk Baden Württemberg war in der Nacht zum Donnerstag ohne Annäherung in den zentralen Punkten beendet worden. Bereits nach Jahreswechsel und damit nach dem Ende der Friedenspflicht hatte die Gewerkschaft in fast allen Teilen der Republik zu Warnstreiks aufgerufen, an denen sich insgesamt mehr als 900.000 Beschäftigte beteiligten.

Ungeachtet dessen sind sich die Tarifparteien bisher nicht wirklich näher gekommen. So hat man über die Lohnforderung der IG Metall – ein Plus von sechs Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten – und das Gegenangebot des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall – zwei Prozent mehr – noch gar nicht verhandelt. Bisher geht es ausschließlich um die Forderung der Gewerkschaft nach einer Arbeitszeitverkürzung auf bis zu 28 Wochenstunden mit Teillohnausgleich für Schichtarbeiter sowie für Beschäftigte, die Kinder betreuen oder Angehörige pflegen müssen. Eine solche Möglichkeit entspreche dem weit verbreiteten Wunsch, berufliche und familiäre Anforderungen besser als bisher miteinander zu verknüpfen, argumentiert die IG Metall und verweist auf eine Mitgliederbefragung aus dem vergangenen Jahr. Darin hatten 82 Prozent der Beschäftigten vorübergehend kürzere Arbeitszeiten wegen Pflege und Kindererziehung befürwortet.

Lange Arbeitszeiten sind das Gebot der Stunde

Demgegenüber hatte Gesamtmetall schon im Spätsommer vergangenen Jahres, also Wochen vor Beginn der ersten Verhandlungsrunde, eine Arbeitszeitverkürzung mit Teillohnausgleich entschieden abgelehnt. So dass schon früh ein harter Arbeitskampf einschließlich Urabstimmung und Flächenstreiks denkbar schien. Aus Sicht der Arbeitgeber ginge schon eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich in die falsche Richtung. In vielen Betrieben seien schon heute Fachkräfte knapp. Wenn bald die Babyboomer aus dem Arbeitsleben ausschieden, verschärfe sich der Mangel.

Vor diesem Hintergrund seien nicht kürzere, sondern längere Arbeitszeiten das Gebot der Stunde, zumindest aber ein insgesamt gleichbleibendes Arbeitsvolumen. Der von der IG Metall geforderte Teillohnausgleich von 200 Euro monatlich wirke wie eine „Stilllegungsprämie“, befand Gesamtmetallgeschäftsführer Oliver Zander unlängst. Der Arbeitgeberverband legte zudem ein Gutachten zum Teillohnausgleich vor, in dem dieser als unrechtmäßig, weil diskriminierend bezeichnet wird. Begründung: Arbeitnehmer, die ihre Arbeitszeit nach dem IG-Metall-Modell reduzierten und einen Lohnausgleich erhielten, wären besser gestellt als bisher schon Teilzeitbeschäftigte ohne Lohnausgleich. Klagen gegen eine solche Ungleichbehandlung seien absehbar – und absehbar erfolgreich, fürchtet die Arbeitgeberseite. Letztlich liefe die Gewerkschaftsforderung dann darauf hinaus, dass der Teillohnausgleich allen Beschäftigten zugestanden werden müsste: Aus Sicht der Unternehmen eine vollkommen unakzeptable Perspektive.

Da die IG Metall dies erwartungsgemäß anders sieht und auf ihrer Forderung im Grundsatz beharrt, erscheint das – zugegeben abgegriffene – Bild zweier aufeinander zurasender D-Züge nicht unpassend. Zwar betonen beide Seiten, weiterhin an einer baldigen Verhandlungslösung interessiert zu sein. Anlass, die Notbremse zu betätigen, sehen sie nicht. Für die Gewerkschaft geht es unter anderem auch darum, unmittelbar vor den anstehenden Betriebsratswahlen Flagge zu zeigen. Es gilt, der Kritik von links – und neuerdings auch von rechts außen – zu begegnen, man verfolge gegenüber den Arbeitgebern einen Kuschelkurs und verrate die wahren Interessen der Belegschaften. Mit einer unnachgiebigen Haltung bis hin zum ersten Flächenstreik seit 2003 verlören solche Vorwürfe an Glaubwürdigkeit.

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