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Tabakwerbung Der Marlboro-Mann reitet voraus

Zigarettenwerbung in der Öffentlichkeit gehört verboten. Doch der Bundestag zögert. Selbst der Tabakkonzern Philip Morris ist schon weiter. Unsere Analyse.

Unternehmen Philip Morris International Marlboro Man Leuchtreklame in Berlin
Der Malboro-Mann. Foto: Imago

Der Fortschritt wird oft erst beim Blick in die Vergangenheit so richtig sichtbar. Das gilt auch für die Zigarettenbranche. Die hat vor einigen Jahrzehnten noch ungeniert für ihre Waren geworben. „Genehmige deinem Rachen eine Erholung, rauche eine frische Zigarette“, hieß es da zum Beispiel. Oder: „Der Verdauung zu liebe, rauche Camels.“ Auch bei Asthma wurden Zigaretten empfohlen, aber selbstverständlich erst für Menschen ab sechs Jahren.

So übel ist die Zigarettenwerbung heute nicht mehr. Doch noch immer lächeln einem von den Plakatwänden glückliche, gesunde, erfolgreiche Menschen zu. Menschen, deren Leben verführend und nachahmenswert erscheint, was natürlich in starkem Widerspruch steht zu den Vielen, die hierzulande an den Folgen des Zigarettenkonsums – Krebs, Impotenz, Diabetes, Erblindung, Schlaganfälle, Magen-Darm-Geschwüre, Lungenerkrankungen – leiden und sterben. Die Zahl der tabakbedingten Todesfälle liegt bei jährlich mehr als 100 000.

Halb amüsiert, halb schockiert 

Gleichwohl wird es wohl noch eine ganze Weile dauern, bis man auf die heutige Zigarettenwerbung zurückschauen und sich halb amüsiert, halb schockiert fragen wird, wie so etwas einmal möglich war. Denn im Bundestag sind die Bemühungen, die Außenwerbung zu verbieten, vorerst so gut wie zum Stillstand gekommen. Die vorhergehende Bundesregierung aus Konservativen und Sozialdemokraten hatte zwar noch einen entsprechenden Gesetzentwurf verabschiedet, doch im Parlament wurde er blockiert. Die Grünen haben den Gesetzentwurf kürzlich wieder aufgegriffen und ihn Anfang Juni im Bundestag eingebracht. Doch Union und SPD wollen damit derzeit nichts mehr zu tun haben, denn das Vorhaben steht nicht im Koalitionsvertrag.

Dabei liefert ihnen Marlboro-Hersteller Philip Morris Steilvorlage um Steilvorlage. Zum Jahreswechsel kündigte der Tabakkonzern in einer Werbekampagne in britischen Tageszeitungen an: „Wir versuchen die Zigarette aufzugeben.“ Vertreter des Unternehmens lassen sich damit zitieren, dass sie ihren Kindern von Zigaretten abraten würden und dass Tabakrauch „hochgiftig“ sei. Am Montag sprach sich der Konzern auch für ein Außenwerbeverbot für herkömmliche Zigaretten aus. Philip Morris tut das zwar alles im Rahmen einer Strategie, die die (vermeintlich gesündere) E-Zigarette als das Produkt der Zukunft etablieren soll (das man selbstverständlich auch weiterhin bewerben will), dennoch sollte das für den Gesetzgeber eigentlich Motivation genug sein, bei der Plakatwerbung endlich durchzugreifen.

Es handelt sich bei dieser Form der Werbung europäisch gesehen um ein Auslaufmodell. Deutschland ist das einzige Land in der EU, das den Konzernen noch erlaubt, Zigaretten in der Öffentlichkeit anzupreisen. Das nutzen die Konzerne weidlich und pflastern Plakatwände und Litfasssäulen mit ihren Botschaften von einem
hippen, angesagten Leben zu.

Der Deutsche Zigarettenverband argumentiert, dass man ein legales Produkt auch bewerben dürfen müsse und dass ein Verbot verfassungswidrig sei. Wenn dem so wäre, müsste man allerdings auch für verschreibungspflichtige Arzneimittel auf der Straße werben dürfen. Darf man aber nicht. Und diese Produkte machen Menschen im Idealfall immerhin gesund – und nicht krank.

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