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Studie Geld für nur wenige Wochen

Ein knappes Drittel der deutschen Haushalte kann ohne Einkünfte nur kurze Zeit überbrücken.

Bargeld
Die 30 Prozent mit dem geringsten Vermögenswerten könnten gerade ein paar Wochen ohne Einkünfte überbrücken. Foto: dpa

Was haben die Leute nur? Die Wirtschaft wächst wie lange nicht; nie seit der Wiedervereinigung war das Risiko, den Job zu verlieren, so gering wie heute; Löhne und Renten steigen spürbar; und die Aussichten für das kommende Jahr sind gut, um nicht zu sagen: rosig. Trotzdem plagt zig Millionen Menschen in Deutschland das Gefühl tiefer Unsicherheit. Das belegte im Frühjahr  eine Studie der Soziologen Richard Hilmer und Bettina Kohlrausch. Demnach sorgt sich etwa die Hälfte der 5000 Befragten um die eigene Zukunft und die Altersversorgung.

Also nochmal: Was haben die Leute bloß?

Sie haben Recht. Das zumindest legt eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung nahe, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Um dem Wirklichkeitsgehalt der verbreiteten Sorgen auf den Grund zu gehen, stellte die Autorin Anita Tiefensee ein Gedankenexperiment an: Wie lange würden die Rücklagen und Vermögenswerte der Haushalte in Deutschland ausreichen, um nach Wegfall aller monatlichen Einkünfte (einschließlich Sozialtransfers) den bisherigen Lebensstandard aufrechterhalten zu können?

Das Ergebnis, das die Wissenschaftlerin auf Basis des Sozioökonomischen Panels (SOEP) aus dem Jahr 2012 errechnete, lautet: Im Mittel wäre das Vermögen in Form von Spareinlagen, Wertpapieren und Immobilien nach einem Jahr und elf Monaten aufgebraucht.

Allerdings sind die Unterschiede enorm. Während die 30 Prozent der Bevölkerung mit den geringsten Vermögenswerten allenfalls einige Wochen von ihren Besitztümern zehren könnten, wären die reichsten zehn Prozent mindestens 13 Jahre lang dazu imstande. Den obersten fünf Prozent gelänge dies sogar über mehr als 21 Jahre hinweg.

Einen weiteren gewichtigen Unterschied ermittelte die Studienautorin zwischen Ost- und Westdeutschland: Während im Osten das Haushaltsvermögen im Mittel gerade zehn Monate lang reichen würde, um wie bisher über die Runden zu kommen, sind es im Westen zwei Jahre und fünf Monate. Betroffen ist auch die Mittelschicht. Das Zehntel der Haushalte mit den vierthöchsten Vermögenswerten käme im Osten nur ein Jahr und acht Monate zurecht, im Westen sind es dagegen vier Jahre und zwei Monate.

„Aus den Daten wird deutlich, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung über ein Vermögen verfügt, das zur Sicherung des Lebensstandards nur für kurze Zeit ausreichte“, kommentiert die wissenschaftliche Direktorin des WSI, Anke Hassel.

Vor diesem Hintergrund regen die WSI-Wissenschaftler an, Angehörigen der unteren Mittelschicht die Bildung eigenen Vermögens zu ermöglichen. Neben einer Stärkung der Tarifbindung, die höhere Arbeitseinkommen gewährleistet, und dem weiteren Ausbau der Kinderbetreuung, um Frauen und vor allem Alleinerziehenden die Aufnahme einer Berufstätigkeit zu erleichtern, schlägt Tiefensee höhere Schonvermögen vor, die Langzeitarbeitslose beim Empfang von Hartz IV behalten dürfen.

Nachholbedarf bei der Vermögensbildung sieht Hassel vor allem im Immobilienbereich: In anderen EU-Ländern verfügten auch viele Haushalte mit geringen Einkommen über selbstgenutztes Wohneigentum, in Deutschland dagegen nur sehr wenige. Denkbar sei eine gezielte staatliche Wohneigentums-Förderung für Mittelschichthaushalte.

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