Lade Inhalte...

Streckenneubau Der Thüringen-Express

Am Bahn-Verkehrsprojekt der Deutschen Einheit wird weiter gearbeitet. Doch Gutachter halten einen Stopp für ökonomisch sinnvoller.

Die zukünftig längste Brücke Thüringens, die 1681 Meter lange Ilmtalbrücke bei Langewiesen. Foto: dpa

Frank Kniestädt steht auf der Ilmtalbrücke inmitten von Baugerüsten und muss an Franz Müntefering denken. Der Ex-SPD-Chef hätte Kniestädt beinahe um seinen Job gebracht. 1999 hatte Müntefering als damaliger Bundesverkehrsminister den Baustopp für das größte und teuerste aller Verkehrsprojekte Deutsche Einheit, die Eisenbahnlinie von Berlin nach Nürnberg, verkündet.

Vor allem der Streckenneubau von Erfurt nach Ebensfeld quer durch den Thüringer Wald, bei Umweltschützern ohnehin umstritten, treibt die Kosten des Projektes gewaltig in die Höhe. „Wir brauchen hier 22 Tunnel und 29 Talbrücken, um den Thüringer Wald an seiner schmalsten Stelle zu durchqueren“, erklärt Kniestädt von der Bahntochter DB Projektbau. Die Kosten für das Projekt liegen bei zehn Milliarden Euro. Zu teuer, befand Müntefering damals.

Gestoppt wurde das Projekt dann doch nicht, sondern nur auf Eis gelegt. Seit 2003 drehen sich die Brückenkräne und Tunnelbohrmaschinen wieder. „Wir konzentrieren uns derzeit auf den Neubau zwischen Halle/Leipzig, Erfurt und Ebensfeld“, sagt Kniestädt. Das sind rund 300 Kilometer und damit die derzeit längste Baustelle Deutschlands.

Mehrmals in der Woche begleitet der 54-Jährige Interessenten aus dem In- und Ausland zu den Baustellen. Der Weg dorthin führt entlang der Autobahn A 71, die seit langem fertig ist. Allerdings regt sich gegen das Schienenprojekt plötzlich erneut Widerstand.

In der vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebenen Studie bezeichnen Gutachter der Berliner Beratungsgesellschaft KCW das Projekt als verkehrspolitisch unsinnig. Die Strecke sei für den Güterverkehr nutzlos. Zudem sei es fraglich, ob der Fahrgast die künftig kürzere Fahrzeit honoriere, da es auch ein gutes Autobahnnetz gebe und das Flugzeug immer noch schneller sei. Am ökonomisch sinnvollsten wäre deshalb ein Abbruch, schlussfolgern die Gutachter.

Von Berlin nach München in knapp vier Stunden

Selbst das Umweltbundesamt distanziert sich von dieser Forderung. Ingulf Leuschel nennt sie geradezu grotesk: „Ein Abbruch der Bauarbeiten wäre absolut unrealistisch“, sagt der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn für das Land Berlin empört. „Sollen wir etwa alle Tunnel und Brücken wieder abreißen? Das wäre viel zu teuer und purer Unsinn.“ Schon der Baustopp von 1999 sei aus diesem Grunde wieder aufgehoben worden.

Rund die Hälfte der Gesamtinvestitionen von zehn Milliarden Euro wurden bereits verbaut. Der Ausbau der Verbindung von Leipzig/Halle nach Berlin ist seit 2006 fertig. Ebenfalls seit vier Jahren fahren ICE-Züge auf eine neuen Trasse von Nürnberg nach München. Nun fehlt noch der Abschnitt dazwischen.

Leuschel hält einen Abbruch des Projekts für abwegig: „Wird die Eisenbahnstrecke nicht gebaut, wird es bei den bisherigen Fahrzeiten von rund fünf Stunden bis Nürnberg und etwa sechs Stunden bis München bleiben“, sagt er. „Dann holen wir keinen einzigen Fahrgast zusätzlich vom Auto oder Flugzeug in den Zug.“

Mit der Fertigstellung der Bahnlinie wird sich dagegen die Fahrzeit zwischen Berlin und München auf knapp vier Stunden verringern, „mit einem Sprinterzug werden wir nur noch rund dreieinhalb Stunden unterwegs sein“, sagt Leuschel. „Damit machen wir dem Auto und dem Flugzeug ernsthaft Konkurrenz.“

Auch der Fahrgastverband Pro Bahn plädiert dafür, an dem Projekt festzuhalten. Seit der Wende seien alle geplanten Ost-West-Autobahnen fertiggestellt worden, „da brauchen wir die Eisenbahnstrecke, sonst gerät die Bahn ins Hintertreffen“, sagt Pro-Bahn-Chef Karl-Peter Naumann.

Allerdings bezweifelt er, dass die Linie sich wirtschaftlich betreiben lassen wird. „Das Fahrgastaufkommen ist gering, ein bis zwei ICE pro Stunde sind zu wenig“, so Naumann. Leuschel ist dagegen vom Erfolg überzeugt: „Wir werden ab Berlin jede Stunde einen ICE Richtung München schicken“, sagt er.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen