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Steuern und Abgaben Die Mitte zahlt

Die Finanzierung des deutschen Sozialstaats ist nicht gerecht verteilt. Zwei Studien zeigen, wer die größte Abgabenlast schultern muss.

Mit oder ohne Mehrwertsteuer? Unabhängig von der Methodik tragen Arbeitnehmer einen Großteil der Steuerlast in Deutschland Foto: rtr

Hohe Einzahlungen in die Sozialkassen treiben für Arbeitnehmer in Deutschland die Steuer- und Abgabenzahlungen nach oben. Am stärksten beansprucht werden Singles und Familien aus der Mittelschicht – stärker noch als Spitzenverdiener. Darauf weisen die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und das Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in zwei getrennten Studien hin.

Im Vergleich der 35 Mitgliedsländer gehört Deutschland laut OECD zu den Spitzenreitern bei den Steuern und Abgaben: Einzig in Belgien müsse ein Durchschnittsverdiener noch mehr abführen. Im Schnitt der Industrienationen liegen die Steuer- und Abgabenzahlungen für einen alleinstehenden Arbeitnehmer mit mittleren Einkommen bei 36 Prozent, in der Bundesrepublik bei 49,4 Prozent.

Für ihre Berechnungen bezieht die Organisation die Sozialabgaben mit ein, die Arbeitgeber für ihre Beschäftigten entrichten. So will sie ermitteln, wie teuer Arbeit für die Wirtschaft wird. Sie spricht vom „Keil“, den Steuern und Abgaben zwischen die Zahlungen der Firmen und die Nettoeinkommen trieben. Nicht nur bei Singles, auch bei Familien kommen die Experten in ihren internationalen Vergleichen auf hohe Belastungen in Deutschland. Allerdings zeigt die Untersuchung auch, dass der Keil hierzulande schon größer war. Im Jahr 2003 betrug er für den alleinstehenden Durchschnittsverdiener noch 53,2 Prozent.

Einen etwas anderen Ansatz wählte das RWI in einem Gutachten für die liberale Friedrich-Naumann-Stiftung. Die Forscher schauten sich an, was Arbeitnehmer insgesamt an Steuern, Abgaben und Gebühren schultern müssen. So bezogen sie Verbrauchssteuern wie die Mehrwertsteuer ein, die Konsumenten beim Einkauf im Supermarkt abführen, ohne dass sie dies merken. Auch die EEG-Umlage für Stromkunden oder Verwaltungsgebühren für die Ausstellung eines Personalausweises flossen ein.

Die genauen Daten beider Studien sind also nicht direkt vergleichbar. Die Botschaften aber ähneln sich. Auch die RWI-Volkswirte kommen zu dem Ergebnis, dass kleine und mittlere Einkommen am stärksten betroffen sind. Besonders wenig bleibt für Arbeitnehmerhaushalte mit Einkommen zwischen 40 000 bis 80 000 Euro im Jahr vom Bruttolohn übrig. Schon bei Durchschnittsgehältern erreiche die Gesamtbelastung knapp 45 Prozent. Darunter falle sie deutlich geringer aus. Selbst bei Einkommen von unter 10 000 Euro im Jahr gingen fast 35 Prozent für Sozialabgaben und die Mehrwertsteuer und andere verbrauchsabhängige Steuern drauf. Relativ gesehen am meisten – nämlich 44,5 Prozent – müssten Haushalte mit Einkommen zwischen 70 000 und 80 000 Euro den öffentlichen Kassen überlassen. Bei ihnen schlagen sowohl Renten- und Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung voll zu wie auch das Finanzamt mit der Einkommenssteuer. Bei noch höheren Gehältern lockert der Staat dagegen seinen Zugriff wieder. Damit ist das Steuer- und Abgabensystem nicht progressiv, wie oft gedacht. Im Gegenteil.

Dafür führt das RWI zwei Erklärungen an. Zum einen legen Spitzenverdiener relativ viel von ihrem Gehalt beiseite. Auf Ersparnisse erhebt der Staat aber keine Verbrauchssteuern wie Mehrwertsteuer oder Mineralölsteuer. Die „kleinen Leute“ dagegen geben meist ihre kompletten Bezüge aus. Zum anderen verlangt der Staat nur bis zur sogenannten Beitragsbemessungsgrenze Sozialabgaben. Wer darüber kommt, führt für diese Mehrverdienste nichts mehr in die Renten- oder Arbeitslosenkasse ab. Bis zu einem Einkommen von 50 000 Euro stiegen die Sozialabgaben kontinuierlich und lösten allmählich die Verbrauchssteuern als wichtigsten Kostenpunkt ab, schreibt das RWI. Erst danach übernehme allmählich die Einkommenssteuer diese Rolle, während Sozialabgaben und Verbrauchssteuern immer weniger zu Buche schlügen.

Die Arbeitgeber nahmen am Dienstag vor allem die OECD-Studie zur Steuer- und Abgabenquote zum Anlass für Warnungen. „Ein weiterer Anstieg würde Beschäftigung und Wachstum stark gefährden“, sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Ingo Kramer. Der Mittelstandsverband BVMW verwies zudem darauf, dass die Arbeitskosten des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland mit 38,70 Euro pro Stunde 47 Prozent über dem EU-Schnitt lägen. Dadurch sei die Wettbewerbsfähigkeit gefährdet.

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