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Statistik Verdreht, geschönt, bearbeitet

Arbeitslose, Flüchtlinge, Reiche: Mit Zahlentricksereien wird Politik gemacht, wie Statistik-Professor Bosbach zeigt.

Abakus
Mit Zahlen kann man wunderbar manipulieren: Wer eine Berechnung in Auftrag gibt, verfolgt meist ein bestimmtes Interesse. Foto: imago

Es ist ein Wunder, dass sich seit Jahren vor unseren Augen vollzieht: das deutsche Jobwunder. Die Vollbeschäftigung sei fast erreicht, heißt es. Die Zahl der Erwerbstätigen erklimmt laufend neue Rekorde. Das Problem: Ein großer Teil dieses Wunders ist bloß herbeigerechnet: Trotz Rekordbeschäftigung wird heute weniger gearbeitet als vor 25 Jahren. Und etwa eine Million Arbeitslose tauchen in der Statistik gar nicht erst auf. „Wie man Arbeitslose wegdefiniert, ist eine fast unendliche Geschichte“, sagt der Statistiker Gerd Bosbach.

Zahlen wirken neutral. Sie sind Fakten pur, eindeutig. Damit sind Statistiken Material, Waffen im Kampf um Geld und Macht. Politiker, Unternehmen, Verbände benutzen sie, um ihre Interessen zu befördern – und zu diesem Zweck werden die Statistiken bearbeitet, verdreht, geschönt.

Die Öffentlichkeit wird zunehmend misstrauisch: „Postfaktisch“ war das Wort des vergangenen Jahres. „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ ist ein allseits bekannter Spruch. Das Problem: „Wer keiner Statistik mehr traut, der wird erst recht an der Nase herumgeführt“, sagt Bosbach.

Der Statistiker hat jüngst ein Buch veröffentlicht, in dem er die Methoden der „Zahlentrickser“ auflistet. Eine Methode ist die geeignete Definition. Zum Beispiel von Arbeitslosen. Offiziell beträgt ihre Zahl derzeit 2,47 Millionen – was laut Ökonomen schon fast Vollbeschäftigung bedeutet. Nicht mitgezählt wird allerdings, wer krank ist, von einem externen Arbeitsvermittler betreut wird oder sich weiterbildet. Auch die Kurzarbeiter und die meisten über 58-Jährigen fallen aus der Statistik. Zwischen 1986 und 2009 gab es laut Bosbach 16 Änderungen bei der Messung von Arbeitslosigkeit. 14 davon reduzierten die offizielle Arbeitslosenzahl.

Nicht nur bei den Erwerbslosen schönt die Statistik das Bild. Auch bei den Erwerbstätigen. Denn als erwerbstätig gilt jeder, der pro Woche mindestens eine Stunde bezahlt arbeitet. Viele Erwerbstätige – das klingt nach viel Arbeit. Zu Unrecht. „Die Zahl sagt nicht, ob es sich um halbwegs normale Jobs handelt“, kritisiert der Sozialwissenschaftler Stefan Sell. Tatsächlich arbeiten in Deutschland immer mehr Menschen in Teilzeit. Ergebnis: Trotz Rekordbeschäftigung werden heute weniger Arbeitsstunden geleistet als nach der Wende.

Mitleidig wird hierzulande gen Frankreich geschaut. Dort beträgt die Arbeitslosenrate zehn Prozent. Was dabei übersehen wird: Jenseits des Rheins wird pro Tag wesentlich länger gearbeitet. Würde der Durchschnittsfranzose pro Tag so wenig arbeiten wie in Deutschland, läge ihre Arbeitslosenquote genauso niedrig wie hierzulande, errechnet der Ökonom Fabian Fritzsche.
Gerne wird die Entwicklung des Arbeitsmarktes auch aufgehübscht durch die Wahl eines geeigneten Vergleichsjahres. So hat die Zahl der „Normalarbeitsverhältnisse“ in Deutschland seit 2010 zugenommen – ein Erfolg. Seit 1991 hat sie jedoch abgenommen. „Eine alte Statistikerweisheit lautet: Auf das Basisjahr kommt es an“, so Sell.

Mit derartigen Statistiken wird Politik gemacht, sie dienen zur Beschaffung von Mehrheiten. „Die meisten Leute haben einen Heidenrespekt vor Zahlen und vor denjenigen, die sie ermitteln“, so Bosbach. „Wer die Zahlen auf seiner Seite hat, setzt sich häufig durch.“

Wie man das schafft, führte Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner vor. Auf die Frage, wie viele Flüchtlinge ihr Land 2016 aufnehmen könne, antwortete sie nicht 30.000 oder 40.000, sondern exakt 37.500 – mehr sei nicht drin. „Das war der beliebte Trick mit der genauen Zahl“, erklärt Bosbach. Mit ihr sei der Eindruck erweckt worden, die Regierung hätte ihre Ressourcen genau geprüft, als sei die Zahl Ergebnis einer detaillierten Berechnung – die allerdings niemals stattgefunden hatte. „Die Zahl hatte die Innenministerin praktisch aus der Luft gegriffen.“

Auch die Berechnung des Statistischen Bundesamtes, im Jahr 2060 würden 67,567 Millionen Einwohner in Deutschland leben, nährte vor einigen Jahren den Irrtum, die Statistiker könnten präzise 50 Jahre in die Zukunft schauen. „Langzeitprognosen sind moderne Kaffeesatzleserei“, rügt Bosbach. „Welche Zahlen des Jahres 2010 hätte Konrad Adenauer 1960 denn tatsächlich vorhersagen können? Höchstens die Jahreszahl.“

Ein Klassiker unter den Zahlentricks sind große absolute Beträge ohne Vergleichsmaßstab. Wie viel zahlte Deutschland in den Euro-Kreditfonds ESM? 21,7 Milliarden Euro, so viel wie kein anderes Land. Ist die Bundesrepublik also der „Zahlmeister Europas“? Keineswegs, meint Bosbach. „Deutschlands Scheinrolle als Zahlmeister kommt vor allem durch seine schiere Größe zustande.“ Sprich: Natürlich zahlt ein großes Land mehr als ein kleines. Aussagekräftiger ist der Vergleich auf Basis der Bevölkerung. Und da zeigt sich: Pro Kopf zahlen die Luxemburger am meisten, die Deutschen liegen an vierter Stelle. Und gemessen an der Wirtschaftsleistung steht Deutschland nur an zwölfter Stelle von 19 Staaten.

Tricksen kann man auch durch gezielte Weglassungen. Das reichste Zehntel der Bevölkerung zahlt über 50 Prozent der Steuern, hört man immer wieder. Tatsächlich handelt es sich bloß um die Einkommenssteuer. Der Anteil an Massensteuern wie der Mehrwertsteuer zahlen die Reichen nur zu einem Bruchteil. 2011 wies der Deutsche Städtetag darauf hin, dass 147.000 Rumänen und Bulgaren nach Deutschland gezogen waren. Das klingt nach viel – vor allem, wenn man die rund 90.000 Wegzüge verschweigt. „Die Staatsschulden steigen“, wird gewarnt – gleichzeitig aber steigen die privaten Geldvermögen weit höher.

Statistiken seien nicht immer gefälscht, erklärt Bosbach. „Passend ausgewählt sind sie fast immer.“ Denn wer eine Berechnung in Auftrag gebe, tue dies meist aus einem bestimmten Interesse. Dennoch hält der Statistiker nichts davon, jede Zahl als „Fake News“ abzutun. „Das allgemeine Misstrauen hilft denen, die sich davon leiten lassen, nicht weiter.“ Zudem werde das Misstrauen der Bevölkerung von Nationalisten und Verschwörungstheoretikern hemmungslos ausgenutzt. Es bleibe den Normalbürgern und Experten daher nichts übrig, als jede Berechnung auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. „Denn ohne Fakten und Zahlen geht nichts in dieser Welt.“

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