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Start-ups Frankfurt wird zur Fintech-Stadt

In Bürogemeinschaften, Inkubatoren und Kooperationen entwickeln Gründer in Frankfurt das Werkzeug für die Geldgeschäfte von morgen.

Der Schriftzug im Fintech Hub der Deutschen Börse entstand aus der alten Dax-Kurstafel. Foto: peter-juelich.com

Lau kann man den Abend Ende Juli nicht mehr nennen, heiß ist trifft es eher. Und der Grill macht das nicht besser. Auf einer Dachterrasse in Frankfurt, auf der Grenze zwischen Nord- und Ostend, genießen rund 70 meist junge Menschen bei Würstchen, Wein und Bier den Ausblick, der vom EZB-Hochhaus bis zu den Bankentürmen reicht.

Der T-Shirt-Faktor ist recht hoch, viele tragen kurze Hosen und Schlappen. Man könnte meinen, sich auf einer Party zu befinden – sprächen nicht einige Faktoren dagegen: Es läuft keine Musik. Die Gäste wurden mit Namensaufklebern ausgestattet und sprechen über Finanzen. Frauen gibt es kaum. Hier wird nicht gefeiert, hier vernetzt sich die Zukunft der Finanzindustrie mit dem Ende der heutigen Bankenwelt.

Zum „Rooftop-Talk“ hat eine Tochter der Deutschen Börse eingeladen. Die hat im oberen Sandweg ihren Fintech Hub eingerichtet: eineinhalb Stockwerke, auf denen sie selbst mit vier Arbeitsplätzen vertreten ist und vier Start-ups kostenfreien Büroraum zur Verfügung stellt. Hier treffen die jungen Wilden, die die herkömmliche Bankenbranche disrupten – unterbrechen oder verdrängen – wollen, auf Menschen in Anzügen, mit Krawatten und Manschetten, die auf der Suche nach Innovation und neuen Möglichkeiten sind.

Der Fintech Hub symbolisiert diese Schnittstelle auch in der Kombination aus modernen Büroräumen – Glas, Stahl, Sichtbeton – mit einer Einrichtung, die aussehen soll, als wäre sie selbst gebastelt. Kombiniert mit Bürostühlen mit bunten Polstern und Bier- und Getränkekisten, sieht es hier eher aus wie im Jugendzentrum oder im Co-Working-Space als wie bei der Tochter einer der größten Börsengesellschaften der Welt. Die Gebäude beherbergten früher eine Arzneimittelfabrik, die nun im Neubau auf dem flachen Land in der Wetterau produziert. Der alte Schornstein steht noch.

Alt trifft jung auch gleich am Eingang des Fintech-Hub: Hier begrüßen den Besucher Schilder, auf denen aus den Magnetplättchen der früheren DAX-Kurstafel im alten Börsensaal die Begriffe „Fintech Hub“ und „Think Tank“ gebastelt wurden. „Jeden einzelnen Pixel haben die Kollegen mit einem Tropfen Sekundenkleber fixiert“, erinnert sich Börsen-Sprecher Patrick Kalbhenn.

An den Start ging der Inkubator im April dieses Jahres. 25 Firmen haben sich für einen Platz beworben, vier sind letztlich mietfrei auf den insgesamt 450 Quadratmetern untergekommen, 60 Arbeitsplätze stehen ihnen zur Verfügung plus zwölf auch öffentlich nutzbare Co-Working-Plätze. Alle vier Firmen sind in der Seed-Phase, also noch ganz am Anfang ihrer Unternehmensentwicklung, haben teils noch keine Produkte am Markt. Die Börse versteht den Hub als Teil der zum Jahresbeginn kommunizierten hessischen Fintech-Initiative. Sie verfolgt aber natürlich auch eigene Interessen damit. Mit dem Hub will sie Firmen von der ganz frühen Phase der Gründung bis zum Erfolg begleiten.

In dieser Aufbau-Phase kann man auch Yassin Hankir, Vollbart, Volkswirt und Ex-Unternehmensberater, verorten. Der Gründer von Savedroid spricht an diesem heißen Juli-Abend darüber, wie man als Gründer an seine erste Million kommt. Hankir hat das gerade geschafft. Mit dem Geld wird er nun versuchen, sein Produkt – eine App, die automatisiertes Sparen kleiner und kleinster Beträge ermöglicht – auf möglichst viele Smartphones zu bringen. Die App sieht er weniger als Finanzdienstleistung, denn als ein cooles Lifestyle-Produkt.

Mit der Million finanziert Hankir Entwickler, aber auch Marketing- und Marken-Manager, teils als Studentenjob. Besucht man das runde Dutzend Savedroiden an einem Dienstagmorgen im Büro, findet man sie beim Brunch. Verbrennen die gerade fröhlich ihre erste Million? Nein, die reden beim Brunchen über „User identification“ und andere Sicherheits-Themen. Die Wände der beiden kleinen Räume zieren Bilder von Parcours-Sportlern.

Nüchterner geht es im Main Incubator der Commerzbank in Bockenheim zu – abgesehen vom Billardtisch im Flur. Ordentlicher Büro-Standard beschreibt die Räume wohl am besten beim Branchenvorreiter – bereits im Frühjahr 2014 hatte die Bank ihren Inkubator gegründet. Inzwischen platzt er aus allen Nähten und wird wohl im Herbst ins Bankenviertel umziehen, in ein Gebäude der Bank an der Mainzer Landstraße, und sich dort auf mehrere Stockwerke ausbreiten.

Offiziell bestätigt wird das noch nicht, ist aber allenthalben Gesprächsstoff in der Fintech-Community. Investmentmanager Carsten Maybach vom Main Incubator, berufstypisch mit Anzug und Manschetten-Hemd gekleidet, hat früh hier angeheuert, weil er die Idee spannend fand, wie er sagt. Und er zieht eine positive Zwischenbilanz, sechs Investments binnen zwei Jahren, teilweise mit Folgefinanzierungen, das sei eine „gute Schlagzahl“, so Maybach.

Und tatsächlich hat die Commerzbank, verglichen mit anderen Großbanken, einen Vorsprung in Sachen Fintech. Auch dank ihrer Initiative „Between the Towers“, einer monatlichen Veranstaltungsreihe, gestartet im Oktober 2014. Anfangs noch im szenigen, ganz im Jeans-Look gestalteten 25 Hours Hotel im Frankfurter Bahnhofsviertel. Rasch wurde diese Location aber zu klein und die Reihe zog für ihre Frankfurter Veranstaltungen in oder, je nach Jahreszeit, auch vor das Casino auf dem Campus Westend der Goethe-Universität. Einzelne Veranstaltungen fanden in Berlin, Hamburg oder München statt. Hier ist der T-Shirt-Faktor zwar niedrig, aber die hinter mancher vorgehaltenen Hand gehörte Kritik, das sei vor allem ein netter Feierabend-Event für Banker, muss man relativieren. Schon die Tatsache, dass niemand sich mit solchen Aussagen zitieren lassen will – weil man irgendwann vielleicht von diesen Bankern seine erste Million möchte – stimmt skeptisch. Banker sehen nun mal aus wie Banker und um Treffen zwischen Community und Banken geht es früher oder später ja doch allen. Denn derzeit ist Kooperation das Schlagwort bei vielen Fintechs.

Maybach jedenfalls lenkt bei seiner Zwischenbilanz den Blick auch weg von der Finanzbranche. Eines der vom Main Incubator finanzierten Unternehmen, Gini aus München, ist in der semantischen Dokumentenbearbeitung tätig: Es macht Papierkram einfach, indem etwa Überweisungen einfach per Foto erledigt werden können. Diesen Service bieten mittlerweile Töchter wie Konkurrenten der Commerzbank mit Gini-Hilfe an. Derzeit also Fintech-Thema, aber künftig vielleicht auch für intelligente Archivierung zu nutzen, so Maybach.

„Wir agieren als Venture Capital-Finanzierer in der Seed- und Frühphase von Unternehmen. Ein Nutzen für die Bank ergibt sich über Kooperationen“, beschreibt Maybach den Ansatz des Main Incubator. Ein weiteres Beispiel sei das im Juni getätigte Investment in Retresco, eine Berliner Firma, mit deren Big-Data-Software automatisierte Texte entstehen. Das sind bislang Wetter- oder Sportberichte, aber künftig vielleicht auch Reports der Finanzindustrie.

Dass der Main Incubator zu klein ist, sieht man etwa bei Ginmon. 15 Köpfe groß ist das Team des als „Bester Robo Advisor 2016“ ausgezeichneten Unternehmens, das Kunden automatisierte Geldanlage mit günstigen Fonds (ETF) und hoher Sicherheit verspricht. Rund die Hälfte davon sitzt an einer großen Tischgruppe im Hauptbüro, außerdem belegt das Unternehmen weitere kleine Räume und nutzt die vorhandenen Co-Working-Flächen, so diese frei sind. Ende August hat Gründer Lars Reiner eine Millionen-Finanzierung erhalten und will nun weltweit wachsen. Das geht nicht in den kleinen Räumen, weshalb ein Umzug ansteht.

Das im Hochhaus Pollux geplante Fintech-Zentrum des Landes Hessen kommt dafür wohl nicht infrage – für schnell wachsende Unternehmen sind die Flächen zu klein und bis zur Eröffnung könne er nicht mehr warten, sagt Reiner. Er findet die Initiative von Stadt und Land aber trotzdem positiv, da sie dabei hilft, den Standort für Fintech-Startups attraktiver zu machen. Dass nun auch große Banken ETF-Suchmaschinen anbieten, schreckt ihn nicht. Eher „primitiv und nicht vergleichbar“ findet er diesen Ansatz,

Ginmon biete eben nicht nur ETFs an, sondern strukturiere individuelle Strategien, kontrolliere das Risiko laufend und optimiere die Portfolios auch steuerlich. Er sieht den wesentlichen Unterschied zwischen Fintechs und Banken aber in der dort viel zu lange vernachlässigten IT-Infrastruktur: „Die großen Banken bekommen ein riesiges Problem mit ihrer veralteten und ausgelagerten IT“, glaubt Reiner. Fintechs wie seines seien moderner, sicherer – bei Ginmon ist die gesamte IT im eigenen Haus – und lassen sich schneller skalieren. Natürlich weiß Reiner, dass die Banken eher die Fintechs schlucken, als dass diese die Banken zerstören werden, wie es immer wieder heißt. Aber er gibt zu bedenken, dass die Lage bei der IT mancher Großbank so schlecht sei, dass ein kompletter Neuaufbau nötig und es dafür teils wohl schon zu spät sei. Wer der Hase und wer der Igel ist in diesem Rennen, scheint längst noch nicht ausgemacht.

Dass es im Main Incubator durchaus auch locker zugeht, erkennt man nicht nur am Billard-Tisch. Sondern auch daran, dass die lässig auf eine Kreidetafel gemalte Tabelle in der Kaffee-Ecke keine Strategiebesprechung illustriert, sondern Überbleibsel eines Gin-Vergleichstests ist. Oder dass im Flur auch mal Platz ist für ein Weißwurst-Frühstück samt Bier.

Im Fintech-Hauptquartier von Frankfurt hingegen erkennt man auf den ersten Blick fast nichts, das mit der Revolutionierung der Bankenwelt zu tun hätte. In dem Haus in der quirligen Münchner Straße im Frankfurter Bahnhofsviertel finden sich ein Fotograf, die Gourmet Connection und tibetische Massagen. Das Fintech Headquarter steht nur klein auf einer Klingel, gemeinsam mit Blockchain Helix und Oliver Naegele. Betritt man die Loft-Etage im zweiten Stock des Hinterhauses, ändert sich die Perspektive sofort. An den Wänden Fotos von Groucho Marx, Arnold „Terminator“ Schwarzenegger oder von Lemmy, dem verstorbenen Motörhead-Sänger. Außerdem Bildschirme, Kunst – und Fahrpläne für das Firmenwachstum aus Klebeband. Zu den Hausregeln zählt „No Running in the House“ und „Be Real“. Besucher der regelmäßig dort stattfindenden Community-Treffen und Workshops nehmen auf locker im Raum verteilten Holzhockern mit Filzauflage Platz oder klettern via Trittleiter aus dem Fenster auf die Feuerleiter. Sie sollen „Happy“ und „Respectful“ sein, aber auch hungrig bleiben, so verlangen es die Hausregeln ebenfalls.

Das Logo des Fintech Headquarters soll ein zum Delfin mutiertes Euro-Zeichen sein. Es könnte auch als Hai durchgehen. Das nicht auf Frankfurt beschränkte Netzwerk umfasst mittlerweile rund 290 Firmen und etwa 600 Mitglieder, sagt sein Gründer Oliver Naegele. In Frankfurt gebe es aber nur vielleicht 30 bis 40 Leute, die sich wirklich auskennen im Bereich Fintech. Die Eventfläche in seinem Headquarter bietet knapp 50 Sitzplätze auf den Bänken – es dürfte also eng werden, wenn sich am Mittwoch die Mitglieder der über das Internet vernetzten Frankfurter Fintech-Meet-Up-Gruppe das nächste Mal treffen. Angemeldet sind bereits 140 Leute. Die Gruppe wird von Felix Scheffka und Yassin Hankir organisiert, über 1300 Menschen sind drin, zwischen 50 und 250 kommen zu den Treffen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Fintech

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