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Start-Ups Frankfurt hinkt Berlin hinterher

Die Fintech-Szene in Frankfurt sieht sich zwar im Aufbruch, klagt aber über das wenig coole Image der Stadt. Noch immer gilt Frankfurt als kühle, langweilige Bankenstadt.

Manchmal muss es in der Online-Only-Generation auch ein Schwarzes Brett sein: Das Fintech Headquarter im Bahnhofsviertel ist Treffpunkt und Veranstaltungsort der Szene. Foto: Peter Jülich

Frankfurt ist reich, die Wirtschaft floriert. 1,77 Milliarden Euro Gewerbesteuer hat die Stadt im vergangenen Jahr eingenommen, so viel wie nie. Keine andere deutsche Metropole dürfte vom Austritt der Briten aus der Europäischen Union so deutlich profitieren wie das von der Finanzwirtschaft geprägte Frankfurt, sagen Experten.

Berlin dagegen kokettiert damit, arm zu sein, arm aber sexy. Für die deutsche Hauptstadt haben die Hessen eigentlich höchstens Spott oder Mitleid übrig: Aber Berlin zieht weitaus erfolgreicher Start-Ups an, die mit Finanztechnologie die Bankenwelt aufmischen wollen, so genannte Fintechs. Und das wurmt die Politik in Frankfurt und Wiesbaden gewaltig.

Bald ein Jahr ist es her, dass der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir zur Aufholjagd blies. Frankfurt müsse das deutsche Zentrum der wachsenden Fintech-Branche werden, gab der Grünen-Politiker als Ziel aus. Die einzigartige Kombination aus internationalem Bankenplatz, forschungsstarken Hochschulen und innovativen IT-Firmen biete dafür beste Voraussetzungen. Auch Frankfurter Kommunalpolitiker preisen bei jeder Gelegenheit die aus ihrer Sicht hervorragenden Bedingungen für Fintechs am Main. Noch aber scheint die Botschaft nicht anzukommen.

Mag sein, dass Frankfurt ganz gut dasteht, wenn man auch die seit Jahren etablierte Unternehmen mitzählt. Doch eine von der Standortinitiative Frankfurt Main Finance in Auftrag gegebene Analyse der Beratungsgesellschaft EY kommt zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Berlin bei innovativen Finanz-Firmen klar die Nase vorn hat. 70 Fintech-Start-Ups zählte sie Ende 2015 in der Hauptstadt, nur 38 waren es in Frankfurt. Auch in der Großregion Rhein-Main-Neckar kamen nur 56 zusammen.

An harten Faktoren liegt das kaum. Frankfurt hat vor allem ein Imageproblem. Dass Frankfurt wächst und wächst, Touristen anzieht wie nie und auch bei Rankings zur Lebensqualität inzwischen auf guten Plätzen landet, wie der Frankfurter Wirtschaftsförderer Oliver Schwebel gern erwähnt, konnte das nicht entscheidend ändern.

Berlin glaubt man auch international, dass die Stadt sexy ist. Frankfurt dagegen gilt vielen immer noch als kühle, langweilige Bankenstadt. Mitarbeiter anzuwerben, die keinen Bezug zur Region haben, sei deshalb schwer, sagt etwa Oliver Vins, Vorstand und Gründer des Robo-Advisory-Start-Ups Vaamo. Frankfurt gelte nicht als cool, beobachtet auch Lars Reiner, Gründer und Chef von Ginmon, einem Anbieter automatisierter Strategien zur Geldanlage. Selbst Minister Al-Wazir räumt das ein. „Wir sind nicht arm. Jetzt müssen wir nur noch sexy werden“, sagte er jüngst.

Mit einiger Verspätung ist aber auch in Frankfurt Dynamik zu spüren in der Branche, ja sogar eine Aufbruchsstimmung. Neue Unternehmen versuchen am Main ihr Glück, finden Räume etwa im neuen Fintech-Hub der Deutschen Börse, im etablierten Main-inkubator der Commerzbank oder auch im Unibator, dem Gründerzentrum der Goethe-Universität.

Die Frankfurt School of Finance und die Fintech Group, zu der etwa der Online-Broker Flatex zählt, haben zum beginnenden Semester einen dualen Studiengang mit Fintech-Schwerpunkt ins Leben gerufen. Laut Fintech-Group-Chef Frank Niehage ist er europaweit der erste dieser Art. Die Uni will einen Master in Digitalisierung anbieten. Veranstaltungen und Stammtische speziell für Fintechs sind entstanden, langsam wächst so etwas wie eine Szene heran.

Große Hoffnung setzen viele auf das Tech Quartier, ein Gründerzentrum mit Unterstützung der öffentlichen Hand in einem Hochhaus nahe der Messe, wo Gründer, bereits aktive Start-Ups und Innovationsteams etablierter Unternehmen Arbeitsplätze anmieten können. Bei Workshops und Veranstaltungen sollen Wirtschaft und Wissenschaft zusammenfinden. Im Oktober zur geplanten Eröffnung will der Finanzplatz erstmals einen Fintech-Award verleihen.

Sebastian Schäfer, Geschäftsführer des Tech Quartiers und als bisheriger Chef des Unibators ein profunder Kenner der Szene, hofft auf eine Kultur des gemeinsamen Netzwerkens und Entwickelns. Das Tech Quartier werde dazu beitragen, dass sich eine Start-Up-Kultur entwickele, sagt er. Für Ginmon-Chef Reiner hat das Tech Quartier das Potenzial, der „Place to Be“ für die Szene zu werden, etwas wie das Londoner Level 39. Das angesagteste Fintech-Laboratorium Europas residiert im höchsten Gebäude des britischen Finanzdistrikts Canary Wharf – auf drei Etagen mittlerweile.

Beim Hub in Frankfurt ist auch die Goethe-Uni mit im Boot, Förderer sind mehrere Banken, darunter etwa die ING-Diba, die selbst mit Beschäftigten ins Gebäude umzieht. Von Skepsis und Ablehnung, mit denen viele Banken zunächst die Fintechs beobachteten, ist nicht mehr viel zu spüren. Sie sähen die innovativen Ansätze eher als Chance, sagt Frankfurt-Main-Finance-Geschäftsführer Hubertus Väth. Die Finanzindustrie müsse auf den steigenden Kostendruck reagieren, Fintech könnten da von eminenter Bedeutung sein, sagt Väth.

Sehr gut findet Yassin Hankir, Gründer und Chef des Spar-App-Anbieters Savedroid, die Gründung des Tech Quartiers. „Sie kommt aber ein Jahr zu spät“, kritisiert er: Jetzt, da Start-Ups schick geworden seien, hechelten Land und Stadt dem Trend hinterher. Nun gelte es, die Kräfte zu bündeln und ein sehr professionelles Standortmarketing für Fintechs aufziehen. „Wir müssen Leute dafür begeistern, dass sie nach Frankfurt kommen.“ Start-Ups hätten es noch immer schwer, an Büroraum zu kommen, weil Vermieter oft nur langfristige Verträge anböten.

Was das Image von Frankfurt angeht, sieht Hankir Chancen: Die Stadt sei viel aufregender als ihr Ruf.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Fintech

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