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Sprudler gegen Abfüller Krieg der Flaschen

Ein Sodastream-Werbespot parodiert Cersei Lennisters Schande-Lauf aus der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ und provoziert heftige Reaktionen von Coca Cola & Co.

Hanna Waddingham, die die Schande-Nonne in der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ verkörpert, ächtet den plastikflaschenkaufenden Assistenten. Foto: sodastream

"The Mountain“ nimmt sich den armen Crew-Mitarbeiter zur Brust. Der hat gerade im Supermarkt zwei eingeschweißte Sixpacks mit Wasserplastikflaschen gekauft und sie herbeigeschleppt, damit die Figur aus der „Game-of Thrones“-Fernsehserie am Mittelalter-Filmset endlich was zu trinken kriegt. Doch der TV-Hüne blafft ihn an: „Warum bist Du nur so blöd? Wieso bringst Du schändliche Plastikflaschen?“ Der Helfer schaut zerknirscht unter sich. Er beginnt zu weinen. Und „The Mountain“, verkörpert vom isländischen Schauspieler und Ex-Basketball-Star Thor Bjornsson, setzt nach: „Weißt Du nicht, dass Du Mutter Erde damit verletzt?“ Sein letztes Wort im Spot lautet: „Fuck plastic bottles.“

Der Drei-Minuten-Spot ist international bereits weit über zwei Millionen mal auf Youtube angeklickt worden. Dass mit Bjornsson und Hanna Waddingham als „Schande-Nonne“ Septa Unella zwei Originalschauspieler der Fantasy-Serie in der Parodie mitmachen, dürfte nicht wenig zu deren Popularität beigetragen haben.

Die Kommentare der User zu dem gefilmten „Walk of Shame“ gegen die Plastikmüllflut sind fast durchweg positiv. „Werbung, wie sie sein muss“, „lustig“, „quitt pissing off mother earth“, heißt es dort zum Beispiel. Kein Wunder also, dass der internationale Verband der Branche, die Wasser in Flaschen verkauft, die „International Water Bottle Association“ (IWBA), knallhart reagierte.

Die im US-Bundesstaat Virginia ansässige IBWA hat die Firma „Sodastream“, die hinter dem Video steht, jüngst aufgefordert, den Spot wegen falscher Aussagen zu stoppen. Verbandspräsident Joseph K. Doss drohte dem Unternehmen, das in 46 Ländern „Trinkwasser-Sprudler“ verkauft, die Leitungswasser mit Kohlensäure anreichern, weitere Schritte an, wenn es dem nicht nachkomme.

Doch Sodastream-Chef Daniel Birnbaum will hart bleiben. „Wir lassen uns von der Lobby der großen PET-Hersteller nicht einschüchtern“, ließ er wissen. Plastikflaschen seien eine große Gefahr, da sie die Umwelt zerstörten. Daher zeige man dem Konsumenten auf, dass es Alternativen dazu gebe.

Für Sodastream ist nicht nur der clevere Spot ein Marketingclou, die harsche Reaktion der Plastikflaschen-Lobby dürfte zusätzlich werbewirksam sein. Die Sprudlerfirma, Weltmarktführer mit Hauptsitz in der Nähe von Tel Aviv, hat 1500 Mitarbeiter an 22 Standorten, die Deutschlandzentrale befindet sich in Bad Soden bei Frankfurt. Das bereits 1903 gegründete Unternehmen wirbt nicht nur damit, dass sein System für den Kunden bequemer und billiger sei, als Mineralwasser in Flaschen zu kaufen – Motto: „Nie mehr Kisten schleppen, dabei auch noch Geld sparen und leckeres, frisches Blubberwasser genießen.“ Es stellt auch besonders den Ökoaspekt seiner Produkte heraus. Sodastream sei die „umweltfreundlichste Art zu trinken“, man kämpfe dafür, „die Welt von überflüssigem PET zu befreien“, heißt es markig.

PET – die Kurzform für Polyethylenterephthalat – ist ein im Prinzip sehr gut recyclingfähiger Polyesterkunststoff, der sich weltweit zunehmend als Standardmaterial für Getränkeflaschen durchsetzt. Seit zwei Jahrzehnten boomt der Verbrauch von Flaschenwasser; heute werden weltweit jährlich rund 90 Milliarden Liter Wasser in Plastikflaschen abgefüllt. Vor allem vier multinationale Konzerne sind weltweit in dem Geschäft tätig: Nestlé, Danone, Coca-Cola und Pepsi.

Sodastream zufolge liegt die globale Tagesproduktion von Plastikflaschen bei 200 Millionen Stück, wovon der überwiegende Teil nach kurzem Gebrauch auf Deponien, in der Landschaft oder im Meer lande. Tatsächlich gehen so große Mengen Rohstoffe und Energie verloren, zudem finden sich die Plastikflaschen wie anderer Kunststoffmüll auch in den fünf riesigen Müllstrudeln, die sich in auf den Ozeanen gebildet haben.

Der Branchenverband IBWA, in dem Konzerne wie Nestlé und Danone vertreten sind, attackiert die Sprudlerfirma wegen des mit „Shame or Glory“ betitelten Videos heftig. In seinem Brief, der der FR vorliegt, schreibt Doss, der Spot enthalte „falsche, missverständliche und abschätzige Aussagen über Flaschenwasser“. Tatsächlich habe dieses Produkt doch den „geringsten ökologischen Fußabdruck“ aller abgefüllten Getränke. Zudem seien alle dafür benutzten Flaschen und Dosen zu „100 Prozent recyclingfähig“. Es sei infam, den Kunden ein schlechtes Gewissen einzureden, die doch „eine kluge und gesunde Getränke-Wahl“ träfen, empört sich der Branchenfunktionär.

Doch Doss greift nicht nur das „Shame“-Video von Sodastream an. Er wirft der Sprudlerfirma indirekt vor, dafür verantwortlich zu sein, dass deren Kunden qualitativ schlechteres Wasser tränken. Doss argumentiert, während das Flaschenwasser aus geschützten tiefen Erdschichten stamme, handele es sich bei Sodastream ja nur um Leitungswasser, „das normalerweise Chlor enthält und auch Blei, Ammoniak, Quecksilber und andere gefährliche Substanzen enthalten kann“. Dagegen verwehrt sich wiederum Sodastream. Es sei verstörend, „dass die IBWA die Verbraucher davon überzeugen will, dass etwas nicht stimmt mit dem hochwertigen, köstlichen Leitungswasser“, wie es – Bezug waren die USA – in den meisten Häusern verfügbar sei. Es ist also absehbar: Der Streit wird in die zweite Runde gehen. IBWA-Sprecherin Sabrina Hicks teilte der FR auf Anfrage mit: „Wir prüfen derzeit alle Optionen.“

Bisher gibt sich die israelische Sprudlerfirma unbeugsam. Sie setzt auf das Image von „David gegen Goliath: „Plastik-Lobby will Umweltkampagne von Sodastream verbieten“, so lautet zumindest der Titel der jüngsten Pressemitteilung von Sodastream Deutschland. Geschäftsführer Ferdinand Barckhahn kritisiert darin, die mächtige Flaschenlobby wehre sich „erneut mit unfairen Mitteln gegen den Umweltschutz“.

Schon seit Jahren gehöre es „zur Geschäftsstrategie der großen Umweltverschmutzer, Kritiker und kleine Unternehmen wie Sodastream konsequent mundtot zu machen.“ Aber man werde den „Maulkorb nicht akzeptieren“. Das Unternehmen will es auf eine Klage ankommen lassen. Sodastream hatte in den USA bereits wegen seiner Werbespots für die Football-Superbowls 2013 und 2014 Ärger mit den übertragenden TV-Sendern bekommen. Die Sodastream-Aktie hat im vergangenen Jahr satte 150 Prozent zugelegt.

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