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Spielothek Merkur-Gründer "Die Parteien rufen an und wollen Geld"

Paul Gauselmann hat es als „Automatenkönig“ zum Milliardär gebracht. Im Interview spricht er über seinen Aufstieg, Spielsucht und das Verhältnis zu Justiz und Politik.

01.06.2012 20:43
Paul Gauselmann ist der "Automatenkönig". Foto: ddp

Ausgesprochen höflich, exzellent in Samt und Seide gekleidet: Ein sehr feiner älterer Herr ist Paul Gauselmann, der Automatenkönig. Vielleicht hat das kompensatorische Gründe, schließlich steht das Gewerbe, mit dem er es zum Milliardär brachte, nicht im besten Ruf. Trotz der harten Kritik, die ihm so oft entgegenschlägt, scheint er mit sich im Reinen zu sein. Und der 77-Jährige möchte, dass die Welt das weiß. „Ich bin nicht schlechter als andere“, sagt er im Interview. Bevor der Fotograf Bilder macht, steckt er sich den kleinen Pin seines Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse an, das ihm 2003 auf Vorschlag des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement für sein soziales Engagement verliehen wurde. Seine Gegner, die Geldspielautomaten für hochgradig spielsüchtig machend halten, sind mit dieser Auszeichnung natürlich überhaupt nicht einverstanden.

Herr Gauselmann, eines Ihrer Lieblingsspiele ist Schach. Da ist das Glück außen vor. Misstrauen Sie dem Glück?
Ach wo. Ich schätze das Spiel, das stimmt. Aber ich mag Zufallsspiele auch. Jeden Abend spiele ich ein paar Runden Backgammon gegen den Computer. Da vergisst man den ganzen Quatsch um sich herum und kann abschalten.

Wer gewinnt bei Ihren einsamen Duellen?
Ich, meistens jedenfalls.

Sie sind bekannt als der Automatenkönig Deutschlands, wahlweise auch Automatenpapst oder Daddelkönig. Wie sind Sie zum Geschäft mit Spielautomaten gekommen?
Durch, Sie ahnen es, das Glück oder den Zufall, wie man es sieht. 1956 bin ich als Techniker zu einer Firma gewechselt, die amerikanische Wurlitzer-Musikboxen importierte. Die haben mir das doppelte Gehalt geboten, ich war 22 und hatte zwei Kinder. Spiele habe ich schon immer geliebt.

Schließlich haben Sie sich selbstständig gemacht und eigene Automaten entwickelt.
Ich habe so ein Anführer-Gen. Vielleicht, weil ich bei meiner Tante und meinem Onkel groß geworden bin, als einziger unter meinen Geschwistern. Ich hatte deshalb immer den Wunsch zu beweisen, was in mir steckt. Meine Tante hat gesagt: Du musst der Beste sein. Daran habe ich mich gehalten. Der eigene Geldspielautomat ist eigentlich nur aus der Not heraus entstanden. Ich habe 1972 etwas gegen einen Hersteller gesagt, der einen sehr erfolgreichen Automaten im Programm hatte, den ich unbedingt auch haben wollte. Da hat er mich als Kunden gesperrt, das war ein schwerer Schlag. Ich habe mir geschworen: Das passiert mir nie wieder. Und so habe ich mich entschieden, meine eigenen Spielautomaten zu entwickeln. 1976 ist der Merkur B erschienen, das war der Durchbruch.

Der Staat bestimmt, welche Glücksspiele erlaubt sind. Und damit auch, ob und wie viel Sie verdienen können. Haben Sie auch in diesem Fall entschieden, mit Lobby-Arbeit Ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen?
Da muss ich ein bisschen zurückgreifen. 1953 gab es auch schon Gewinnspielautomaten. Die beliebtesten hießen damals Lohntütenschlucker. Ein Spiel kostete einen Groschen, der Gewinn war eine Mark. Das klingt nach wenig. Aber man verlor im Schnitt acht Stundenlöhne in einer Stunde – das ist viel! Heute liegt der Aufwand bei einem halben durchschnittlichen Stundenlohn pro Stunde. Also: Damals wollte der Innenminister das ganze Automatenspiel wieder abzuschaffen. Und die Branche sagte ob der Bedrängnis: Wir machen ein Angebot und beschränken uns auf zwei Geräte pro Raum. Damit war die Spielhalle tot. Automaten gab es nur noch in Kneipen.

Sie haben die Spielhalle mehr als 20 Jahre später wiederbelebt.
Ich dachte mir: Wenn man das fein macht, auf dem Niveau eines Drei- bis Vier-Sterne-Hotels, dann wird das auch akzeptiert. Juristisch möglich gemacht hat es der Kniff, einfach Trennwände zwischen den Geräten aufzustellen, so entstanden mehrere juristische Räume in einem tatsächlich vorhandenen. Zwischen 1974 und 1984 haben wir deshalb unendlich viel prozessiert. Schließlich wurden die Räume mit zehn Geräten vom Bundesverwaltungsgericht erlaubt, weil die sich die staatlichen Spielkasinos angeschaut haben und feststellten: Dort gibt es Säle mit über 100 Automaten, das ist Ungleichbehandlung.

Trennwände, Prozesse und juristische Finten: Das hat Ihnen immer wieder den Vorwurf eingebracht, ein Trickser zu sein, der sein Geschäft ohne große Rücksicht verfolgt.
Die ganze Evolution funktioniert so. Neue Ideen haben immer viele Gegner, bevor sie zur Normalität werden. Ja, ich habe darauf hingearbeitet, dass Gesetze geändert wurden. Das stimmt. Aber ich stehe zum Zufallsspiel und halte es nicht für etwas Schlechtes, sondern für ein Vergnügen. Fast alle unsere Kunden haben nichts mit Spielsucht zu tun, sondern unterhalten sich gut bei uns.

Die Zahl der Spielsüchtigen in Deutschland reicht Schätzungen zufolge von 100.000 bis zum Vielfachen. Automaten gelten als Suchtrisiko Nummer eins. Basiert Ihr Geschäft auf dem Schaden Ihrer Kunden?
Wir bezweifeln, dass das Automatenspiel das Hauptproblem ist. Bleiben wir mal bei den staatlichen Studien, die nicht von uns in Auftrag gegeben wurden. 2007 kam eine vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebene Studie auf gut 100000 Spielsüchtige, davon 30 Prozent bei uns, 13 Prozent bei Lotto, der Rest bei den anderen. Lotto und wir machen aber 80 Prozent des Umsatzes. Pro umgesetztem Euro verursachen wir nach Lotto die geringsten Probleme.

Andere Studien kommen zu dramatischeren Ergebnissen. Die Uniklinik Würzburg behauptet, dass die Glücksspielindustrie 56 Prozent ihrer Umsätze mit Suchtkranken mache. Fakt bleibt in jedem Fall: Sie leben auch von Spielsüchtigen, die ebenso in ihrem Umfeld hohe soziale Schäden anrichten.
Aber das Ausmaß ist nur sehr gering. Der Schaden durch Alkohol ist jährlich etwa 100 Mal so hoch. Was ich ja zugebe: Es gibt einige erwachsene Menschen, die dauerhaft die Kontrolle verlieren. Aber die machen nur einen Bruchteil unserer Kunden aus. Glauben Sie mir: Uns ist daran gelegen, pathologisches Spielen zu reduzieren, weil es auch nicht gut für unser Ansehen ist. Und wir tun auch viel dagegen.

Was denn?
Ich habe schon in den 80er-Jahren freiwillig Alkohol aus unseren Spielstätten verbannt, lange bevor das Gesetz wurde. Und wir haben schon seit 1989 eine Hilfsrufnummer auf den Automaten angebracht. Ganze 45 Anrufe im Vierteljahr sind heute effektive Hilferufe. Und das bei 240000 Automaten in Deutschland.

Das zeigt doch eher, dass das Hilfsangebot überhaupt nicht funktioniert.
Dann lassen wir es doch, wenn Sie das so sehen! Es ist ja auch nicht die einzige Maßnahme. Wir haben zusätzlich unsere Mitarbeiter bei der Caritas Berlin geschult, die Suchtkranke nun besser erkennen können. Wir könnten noch lange über weitere Details diskutieren. Aber letztlich geht es doch um die Frage: Was wollen wir erwachsenen Menschen verbieten? Manche essen zu viel Kuchen, andere zu viel Fleisch. Andere verhalten sich im Verkehr riskant. Von Alkohol und Zigaretten ganz zu schweigen.

Die Merkur-Sonne ist das Symbol ihrer Firma. Merkur, der römische Götterbote, ist der Gott der Händler, aber auch der Diebe. Wussten Sie das?
Das mit Merkur ist reiner Zufall. 1976 war das Merkur-Jahr. Aber, worauf Sie anspielen: Ich bin nicht besser als andere, aber auch nicht schlechter. Ich habe in all den Jahren viermal die Staatsanwaltschaft im Haus gehabt. Einmal die Steuerfahndung, die hat mir ein Konkurrent ins Haus geschickt. Herausgekommen ist eine minimale Nachzahlung, keine Verurteilung. Zweites Mal: das Kartellamt, das hat aber die ganze Branche untersucht. Auch das blieb ohne Ergebnis. Das dritte Mal war eine Anzeige aus der Branche, ich würde illegale Spiele anbieten. Die ist eingestellt worden, ein Mitarbeiter musste ein kleines Bußgeld zahlen. Ein Service-Element war nicht richtig genehmigt worden, eine Nachlässigkeit.

Und die vierte Durchsuchung, voriges Jahr? Weil Sie Parteispenden aus Ihrem Konzern verschleiert haben, indem sie in kleine Tranchen gestückelt wurden. So haben Sie die Veröffentlichungsgrenze von 10000 Euro umgangen. Es waren über die Jahre mehr als eine Million Euro.
Verschleiert, so ein Unsinn! Die Hausdurchsuchung blieb juristisch folgenlos. Und mit Parteispenden haben wir doch auch sonst überhaupt keine Probleme. Natürlich hat mir das gestunken, dass darüber so viel und falsch berichtet wurde. Also, ich erkläre Ihnen das. Es ging um Steuerersparnis. Als Firma kann man Parteispenden ja nicht absetzen. Also haben wir das auf Familienmitglieder verteilt, denn einzelne Personen können bei Spenden bis 3300 Euro so sehr wohl Steuern sparen.

Manager aus dem Unternehmen haben auch gespendet.
Ich habe meinen Spitzenleuten, die sehr gut verdienen, tatsächlich gesagt: Unser Geschäft ist abhängig von den Gesetzen der Politik. Deshalb erwarte ich von Euch, dass ihr etwas spendet. Da ist nichts falsch dran. Wenn jemand verschleiert hat, dann die Parteien. Die hätten die Spenden von uns aus gerne transparent machen können.

Und jetzt? Spendet Gauselmann noch an die Parteien?
Ja, was denken Sie denn? Die rufen doch andauernd bei uns an und wollen Geld. Gerade jetzt wo viele Wahlen vor der Tür standen. Und wir geben auch weiterhin, wegen der unnötigen Aufregung jetzt eben in größeren Beträgen. Jede Partei bekommt mindestens einmal pro Jahr 12.000 Euro.

Jede Partei?
Nein. Wir haben immer nur denen, die darum gebeten haben, gespendet. Die Linke hat noch nie gefragt, die Grünen fragen inzwischen nicht mehr.

Also bekommen CDU, CSU, FDP und SPD Geld.
Genau. Manchmal kommen auch Anrufe: Mensch, Herr Gauselmann, können Sie da nicht noch was drauflegen? Schwierig ist für uns, dass seit der Föderalismusreform 2005 die Glücksspielgesetze von den Ländern gemacht werden, nicht mehr vom Bund. Bislang bekommen wir den Kontakt mit den einzelnen Landesregierungen und -parlamenten noch nicht so gut hin, wie wir uns das vorstellen und wie wir das im Bund geschafft haben, zum Beispiel in Hamburg, wo uns viele Konzessionen weggenommen werden sollen.

In Berlin prozessieren Sie ja schon gegen das neue Spielhallengesetz.
Da mache ich mir gar nicht so viel Sorgen. Da sind die neuen Regeln so schlimm, dass wir beste Aussichten haben, die Prozesse zu gewinnen. Die Vergnügungssteuer steigt um das Zweieinhalbfache, die Öffnungszeiten werden um ein Drittel gekürzt, die Personalkosten steigen um 50 Prozent wegen neuer Auflagen und es darf keinen Service mehr für die Gäste geben, zum Beispiel Getränke. Obendrauf kommt noch das totale Rauchverbot. In Berlin habe ich acht Spielstätten. Da drohen enorme Verluste aufgrund dieser krassen Ungleichbehandlung. Damit kommt der Berliner Senat nicht durch.

Gerade in Berlin, aber auch in anderen Städten gibt es einen Wildwuchs an Kasinos und Spielautomaten. Die Politik weiß viele Bürger auf ihrer Seite.
Aber das ist ja der große Irrtum! Daran würde das Gesetz fast nichts ändern. Die meisten Automaten stehen nämlich nicht in gut regulierten Spielstätten, die durch die Politik nun quasi dichtgemacht werden sollen. 1100 Automaten stehen in Neukölln und Kreuzberg. Davon befinden sich nur 350 in Spielhallen, der Rest in Gaststätten, Imbissbuden und Cafés, oft, ohne dass dort die Regeln eingehalten werden. Das ist eine krasse Ungerechtigkeit.

Der Umsatz der Gauselmann AG lag voriges Jahr bei 1,7 Milliarden Euro. Wie viel Gewinn bleibt übrig?
Gar nicht so viel, wie manche denken. Ich habe nie zehn Prozent Gewinnanteil am Umsatz geschafft. Und ich habe das Geld immer wieder in den Betrieb gesteckt. Das Eigenkapital der Gauselmann AG beträgt nach 55 Jahren Selbstständigkeit inzwischen 600 Millionen Euro.

Zum Milliardär haben Sie es inzwischen geschafft.
Ist sogar noch ein bisschen mehr. Aber das kann sich jederzeit ändern, wenn uns die Politik einen Strich durch die Rechnung macht und ich es nicht schaffe, das mit dem Auslandsgeschäft zu kompensieren.
Das Mitleid hält sich bei uns in Grenzen.
Es ist doch aber eine derartige Ungerechtigkeit, wie das gewerbliche Spiel im Vergleich zum staatlichen gehandhabt wird. Und keiner schreibt das mal auf. Ich habe schon viele Interviews gegeben, die nie erschienen sind.

Dieses wird erscheinen.
Ich bin gespannt. Jedenfalls ist es so, dass jede Kommune lange Zeit frei entscheiden konnte, wie viele Automatenhallen sie erlauben wollte. In meiner Heimatgemeinde Espelkamp zum Beispiel, da ist nur eine Spielhalle. Das ist doch in Ordnung! Aber was nicht geht, ist, die Genehmigungen im Nachhinein wieder zu entziehen. Das ist das, was uns an den Glücksspielstaatsverträgen der Länder und den jeweiligen Landesgesetzen derzeit am meisten ärgert: Dass die Konzessionen zum Beispiel nur noch fünf Jahr gelten sollen. Das geht weit über das hinaus, was dem Staat an Eingriffen erlaubt ist. Wir gehen dagegen mit den besten Anwälten Deutschlands vor. Und wir werden in jedem einzelnen Land unfaire Gesetze angreifen.

Am 1. Juli soll der neue Glücksspielstaatsvertrag von 15 Bundesländern in Kraft treten, der zum Beispiel Online-Glücksspiel weiter stark einschränkt. Nur Schleswig-Holstein ist ausgeschert und hat deutlich mehr privates Glücksspiel neben dem staatlichen zugelassen.
Der letzte Staatsvertrag von 2008 ist gekippt und auch dieser wird kippen. Das ist absolut sicher. Einer der beteiligten Politiker hat mir gesagt: Herr Gauselmann, das wissen wir doch, aber jetzt haben wir erstmal Lotto für zwei Jahre gerettet. Nur darum geht es doch: Um die 1,5 Milliarden Euro, die die Politiker jedes Jahr verteilen können.

Besser das Geld geht an Sportvereine und Bibliotheken als an Ihr Unternehmen.
Wir sind auch bereit zu teilen. Ich mache der Politik ein Angebot: Wir sind bereit, einen erheblichen Anteil unseres Umsatzes wie Lotto und Spielbanken direkt für Förderzwecke der Politik zur Verfügung zu stellen. Da könnten aus der Automatenbranche über eine Milliarde Euro pro Jahr zusammenkommen. Aber nur, wenn wir wie Lotto von sonstigen Steuern und Abgaben verschont werden und eine Garantie auf unser bestehendes Geschäft bekommen.

Herr Gauselmann, Sie werden dieses Jahr 78, wann ziehen Sie sich zurück?
Meine Söhne übernehmen schon ganz viele Aufgaben. Ich bin glücklich, dass meine Familie den Betrieb fortführt. Die Firma braucht meine Erfahrung noch. Aber ich wäre schon froh, morgen die ständige Belastung los zu sein.

Leisten könnten Sie sich den Ruhestand doch vermutlich allemal, oder?
Entschuldigen Sie mal, da kennen Sie uns Westfalen aber schlecht. Wir hauen nicht einfach ab, wenn es brennt. Außer, ich werde von ganz oben abberufen. Aber gestern habe ich noch drei Stunden Tennis gespielt.

Das Gespräch führte Jakob Schlandt.

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