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South Carolina Die Bösen im Bibelgürtel

Deutsche Autos sind „furchtbar“, findet US-Präsident Trump. Doch mitten im konservativen South Carolina steht das größte BMW-Werk der Welt. Ein Besuch.

Fertigung BMW X3
Der BMW X3 in der Fertigung. Foto: dpa

Für den Flughafen zweier Provinzstädte mit zusammen gerade einmal 100 000 Einwohnern scheint der Greenville-Spartanburg Airport ein paar Nummern zu groß geraten zu sein. Auf der 3300 Meter langen Landebahn im Nordwesten des US-Bundesstaates South Carolina kann problemlos ein voll beladener Jumbojet aufsetzen. Das weitläufige Terminal mit deckenhohen Glasfronten wurde vor ein paar Jahren rundum modernisiert. Ein Bauzaun kündigt die Eröffnung eines neuen Restaurants des Austro-Kaliforniers Wolfgang Puck an. Statt der landesüblichen Spare Ribs wird es hier Trüffelchips mit Blaukäse-Soße, Pad-Thai-Nudeln und Wiener Schnitzel geben.

Noch ungewöhnlicher ist das Ausstellungsstück, das ein paar Schritte weiter mitten in der Ankunftshalle parkt: ein metallicblauer BMW X4 M40i mit einer Dreilitermaschine und einem dezenten Preisschild über 59 095 Dollar (rund 53 000 Euro). Ein Nummernschild besitzt das fabrikneue Fahrzeug noch nicht. An seiner Stelle prangt eine Plakette mit dem weißblauen Signet des Münchner Konzerns: „Proud To Call South Carolina Home“ (Ich bin stolz, South Carolina mein Zuhause zu nennen) steht darauf.

Ein Bayer – stolz auf den tiefsten Süden der USA? Eine deutsche Luxuskarosse als Markenzeichen einer streng konservativen Region, in der Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen im November mehr als 60 Prozent der Stimmen holte? Wer nach einer Auflösung dieser vermeintlichen Widersprüche sucht, muss auf der Interstate 85, an der es mehr Kirchen als Tankstellen zu geben scheint, ein paar Meilen nach Osten fahren. Auf einem 460 Hektar weiten Gelände links der Straße breitet sich da inmitten grüner Felder ein gigantisches Ensemble strahlendweißer Fabrikgebäude aus – das größte BMW-Werk der Welt.

Vor genau 25 Jahren fiel die Standortentscheidung des Münchner Konzerns für Spartanburg. Am Montag wird gefeiert. Vorstandschef Harald Krüger kommt und selbstverständlich auch der Gouverneur von South Carolina, Henry McMaster. „Die Partnerschaft mit Deutschland macht einen großen Teil unserer ökonomischen Stärke aus“, lobt der Republikaner bei jeder Gelegenheit. Sicher wird er applaudieren, wenn zur Feier des Tages der weltweit erste Kompakt-SUV der neuen X3-Generation vom Band läuft – ausgerechnet in einem Stammland seines Parteifreundes Donald Trump. „Die Deutschen sind böse, sehr böse. Schauen Sie sich die Millionen von Autos an, die sie in den USA verkaufen. Furchtbar“, hatte der Präsident vor einem Monat in Brüssel gewettert.

Die Deutschen – böse? Vielleicht sollte US-Präsident Trump einmal ein Wochenende nicht auf dem Golfplatz, sondern in Spartanburgs elegantem Nachbarort Greenville verbringen. Seit der Gründung der ersten Baumwollspinnereien Ende des 19. Jahrhunderts schlug in dieser Ecke des von Evangelikalen geprägten Bibelgürtels das Herz der amerikanischen Textilindustrie. Mit dem Exodus der Branche nach Asien setzte in den 1960er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein dramatischer Niedergang ein. Zehntausende Jobs in der Region gingen verloren. Geschäfte machten Pleite. Das Zentrum von Greenville verödete. „Hier war tote Hose“, erinnert sich der deutsche Honorarkonsul Clemens Schmitz-Justen an seinen ersten Besuch in Greenville 1993: „An der Main Street gab es ein Hotel und sonst nichts.“

Heute empfängt den Besucher eine angenehme, europäisch anmutende Innenstadt mit Parks und vielen Bäumen entlang einer Flanierstraße. Die Arbeitslosenquote liegt unter dem US-weiten Wert von 4,3 Prozent. Viele junge Berufstätige sind aus dem Umland in schicke ehemalige Fabrikgebäude gezogen. Die Mieten steigen. Es gibt kleine Geschäfte und gute Restaurants, in denen man bisweilen mit „Gutten Tack“ begrüßt und mit „Dankie“ verabschiedet wird.

Schon frühzeitig hatten sich einige Maschinenbauer und der Reifenhersteller Michelin in der Region angesiedelt. Doch erst die Ankunft des Autoriesen BMW vor 25 Jahren brachte den echten Umschwung. „BMW hat uns gerettet“, urteilt David Britt. Der Verkaufsmanager eines amerikanischen Zementteileherstellers weiß, wovon er spricht: Er sitzt seit 1991 im Bezirksparlament von Spartanburg. Der deutsche Autokonzern habe mit Investitionen von insgesamt 7,8 Milliarden Dollar die „Region zu einem industriellen Mekka gemacht“, schwärmt der Republikaner.

Knudt Flor ist kein Freund von großem Getue. Im offenen weißen Hemd mit einem weiß-blauen Firmen-Emblem über der linken Brust und seinem eingestickten Vornamen auf der rechten Seite könnte man den Leiter des BMW-Werkes in Spartanburg für einen gewöhnlichen Angestellten halten. Vor dem Rundgang durch die hochtechnisierten Fertigungshallen, in denen die Karossen aller weltweit verkaufter SUV-Fahrzeuge des Konzerns zusammengesetzt und lackiert werden, zählt der Manager mit professionellem Understatement die Eckdaten des Unternehmens auf: 411 000 Fahrzeuge liefen hier im vorigen Jahr vom Band. Bald soll die Jahresproduktion auf 450 000 steigen. Mehr als zwei Drittel davon werden ins Ausland verkauft. Damit ist BMW der größte Autoexporteur der USA.

Fast 9000 Männer und Frauen arbeiten im Werk Spartanburg. Doch das Unternehmen hat auch zahlreiche Zulieferer nachgezogen. Insgesamt, so Flor, sichere der bayerische Konzern damit etwa 30 000 Jobs in der Region und 70 000 in den ganzen USA. „BMW wird längst als lokale Marke gesehen“, berichtet der Manager stolz.

Das sieht Henry McMaster, der Gouverneur von South Carolina, genauso. Äußerlich könnte der Kontrast zwischen dem konservativen Südstaatler im dunkelblauen Nadelstreifenanzug mit weißem Einstecktuch und dem nüchternen Nordfriesen Flor kaum größer sein. Doch als beide Ende Mai die deutsche Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) in Spartanburg begrüßen, klingt der Politiker wie Flors Firmensprecher.

Anders als Trump, den er im Wahlkampf leidenschaftlich unterstützte, kommt dem Gouverneur kein böses Wort über die Deutschen über die Lippen: „Die Anwesenheit der Ministerin unterstreicht, dass South Carolina in der globalen Wirtschaft mitmischt“, sagt er: „Das ist gut für die Menschen in South Carolina. Und das ist gut für die Menschen in Deutschland.“

Zum Minister-Termin ist McMaster mit einem Team von Trumps Lieblingssender Fox im Schlepptau angereist. Nicht ganz formvollendet begrüßt er vor laufender Kamera die SPD-Politikerin in französischer Aussprache als Brigitte „Surprise“ (zu Deutsch: Überraschung). Für Erstaunen unter den deutschen Journalisten sorgt aber dann der Gouverneur selbst, als er die Beziehung seines Landes zu BMW beschreibt: „In der Sprache von Präsident Trump verdienen die eine Eins plus.“

So kann man an diesem Tag die ganze Widersprüchlichkeit der republikanischen Politik zwischen wirtschaftsliberaler Überzeugung und isolationistischer Rhetorik erspüren. Auch im Weißen Haus tobt ein Glaubenskrieg zwischen den Anhängern des Freihandels und nationalistischen Ideologen. Noch ist unklar, wer gewinnt. Das neue Werk, das BMW derzeit – zusätzlich zu Spartanburg – in Mexiko errichtet, ist Trump ein Dorn im Auge. Er hat dem deutschen Konzern offen mit einer Importsteuer von 35 Prozent gedroht.

Senator twittert nach Trumps Drohungen

„Wir spekulieren nicht“, wehrt Flor darauf bezogene Fragen ab. Aber so viel sagt der Manager dann doch: „Sollte es wirklich so weit kommen, könnten wir leicht umschalten.“ Dann würde BMW in South Carolina wohl auch die 3er- oder die 5er-Reihe für den US-Markt fertigen und dafür weniger Geländewagen bauen und exportieren. Das wäre unschön für die Handelsbilanz der USA, die ohnehin zu wenig Ausfuhren vorweisen kann. Aber: „Glauben Sie mir, wir können damit umgehen“, versichert der Werksleiter.

Sehr beunruhigt klingt das nicht. Warum auch? Seit den 1990er Jahren haben die Amerikaner fast alles getan, um BMW nach South Carolina zu locken und dort zu halten: Das Bauland stellten sie extrem günstig zur Verfügung, bauten die Straßen aus, stellten 55 Appartements zur Verfügung und gewährten massive Steuervorteile. US-Medien schätzten den Wert dieser Subventionen auf 130 bis 145 Millionen Dollar. Lästige Gewerkschaften spielen hier im Süden ohnehin kaum eine Rolle. Hauptsächlich für BMW wurde die Landebahn des Flughafens verlängert, und als die Deutschen reklamierten, sie bräuchten größere Frachtschiffe, ließ ein Vorgänger von Gouverneur McMaster kurzerhand den Hafen von Charleston ausbaggern. 800 bis 1000 BMW-Geländewagen werden dort nun jede Nacht verschifft.

„South Carolina ist stolz, ein Teil der BMW-Familie zu sein“, hatte der republikanische Senator Lindsey Graham, ein innerparteilicher Kritiker des Präsidenten, unmittelbar nach dessen ersten Drohungen im Januar demonstrativ getwittert. Ob das Trump beeindruckt, ist fraglich. Allerdings ist der Milliardär persönlich gegen die Faszination der „bösen“ deutschen Autos keineswegs gefeit: Für schlappe 455 000 Dollar legte er sich 2003 einen silbernen Mercedes-Benz SLR McLaren zu, und nach seiner Hochzeit mit Melania zwei Jahre später sprang er in einen Mercedes Maybach.

Am effektivsten wäre es daher, Trump einmal zum BMW-Werk nach Spartanburg zu locken. Dort könnte er in einen jener schnittigen Sportwagen steigen, die in der großen Eingangshalle aufgestellt sind. Vor allem der weiße Hybridflitzer BMW i8 mit Flügeltüren und 362 PS unter der Haube fasziniert regelmäßig die amerikanischen Besucher. Viele wollen einmal Probe sitzen. Nicht alle kommen freilich ohne fremde Hilfe wieder heraus.

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