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Schuldenkrise Krise frisst sich zum Euro-Kern

In Folge der harschen Sparprogramme schrumpft die Produktion, die Arbeitslosigkeit steigt – nun auch in Deutschland.

Den italienische Premierminister Mario Monti plagt die Rezession in der Eurozone besonders. Foto: REUTERS

Die Rezession in der Euro-Zone ist stärker als erwartet und erfasst nun auch Deutschland. Die Sparprogramme in Europa haben die Stimmung in der Industrie deutlich gedämpft, nur noch in Österreich ging es im April aufwärts. Das schlägt auf den Arbeitsmarkt durch: Die Arbeitslosenquote in der Euro-Zone hat einen neuen Rekord erreicht. Im April verlor sogar Deutschland Jobs. „Die Krise ist nicht mehr auf die Peripherieländer begrenzt“, stellt das Marktforschungsinstitut Markit fest.

Unter dem Druck der Finanzmärkte haben die Regierungen Europas harsche Sparprogramme verabschiedet. Folge dieser Programme sind eine sinkende Nachfrage und eine schrumpfende Wirtschaftsleistung. „Nach einer Daumenregel kann eine offene Volkswirtschaft eine Senkung des Haushaltsdefizits in Höhe von zwei Prozent der Wirtschaftsleistung verkraften“, so Christian Schulz von der Berenberg Bank. Im laufenden Jahr lägen aber Spanien, Italien, Irland und Griechenland weit über dieser Schwelle. Europa drohe daher „eine Überdosis an Sparpolitik“, warnte Schulz.

Ein trostloses Bild

Die Folgen zeigen sich in der Industrie der Euro-Zone. Dort ist die Geschäftsaktivität im April noch etwas stärker gesunken als bereits erwartet. Mit einem Wert von 45,9 rutschte der viel beachtete Einkaufsmanager-Index (PMI) von Markit auf den niedrigsten Stand seit 34 Monaten. Bereits seit neun Monaten liegt der PMI nun unter der 50-Punkte-Schwelle, ab der ein Wachstum signalisiert wird. Nur in Österreich wurde im April mehr produziert als im Vormonat.

Das bedeutet, dass die Euro-Zone wohl tiefer in der Rezession steckt als ursprünglich erhofft. „Die jüngste Prognose der Europäischen Zentralbank eines nur leicht rückläufigen Bruttoinlandsprodukts im laufenden Jahr dürfte sich bereits überholt haben“, sagte Markit-Chefökonom Chris Williamson.

In Spanien und Griechenland verschärfte sich die Krise im April, teilte Markit mit. Besonders deutlich war der Rückgang in der drittgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone, Italien. Wegen der Nachfrageflaute verzeichnet dort die Industrie seit elf Monaten sinkende Auftragseingänge.

Die Markit-Daten basieren auf der Befragung von rund 3000 Industrieunternehmen aus acht Ländern, die etwa 90 Prozent der industriellen Kapazität der Euro-Zone repräsentieren.

„Die Zahlen zeichnen ein trostloses Bild der Euro-Wirtschaft“, kommentierte James Nixon von der Bank Société Générale. In Italien und Spanien bestünde nun das Risiko, dass die Rezession die Sparpläne der Regierungen zunichte mache.

Lesen Sie auf Seite 2: Die Talfahrt der Industrie kostet Jobs.

Deutlich ist auch, dass sich die Krise der Peripherieländer langsam zum Kern der Euro-Zone durchfrisst. „Da sich ein Großteil des Industriewaren-Verkehrs zwischen den Euro-Zonen-Ländern abspielt, haben die Nachfrageausfälle aus den mit harten Sparprogrammen kämpfenden Schuldenländern Südeuropas negative Auswirkungen auf die gesamte Euro-Zone – offensichtlich auch auf Deutschland“, so Williamson.

In Deutschland ging der PMI um 2,2 Punkte zurück. Damit steht er im krassen Gegensatz zum Ifo-Index, der einen weiteren Anstieg der Wirtschaftstätigkeit signalisiert. Dies stellt Ökonomen vor ein Rätsel. Die Differenz der beiden wichtigen Indizes könnte sich daraus erklären, dass der PMI stärker als der Ifo das internationale Umfeld gewichtet und weniger stark die Binnenwirtschaft.

Die Talfahrt der Industrie in Europa kostet auch Jobs. Angesichts zunehmender Auftragsverluste wurden so viele Stellen gestrichen wie seit über zwei Jahren nicht mehr, so Markit. Laut Eurostat erreichte die Arbeitslosenrate in der Euro-Zone im April mit 10,9 Prozent ein Rekordhoch. In Spanien kletterte sie über 24 Prozent.

Nur Sondereffekte?

Davon kann sich offensichtlich auch der deutsche Arbeitsmarkt nicht länger abkoppeln. Zwar sank die Zahl der Arbeitslosen im April wieder unter die Marke von drei Millionen, teilte die Bundesagentur für Arbeit (BA) mit. Rechnet man die jahreszeitlichen Schwankungen jedoch heraus, so stieg sie überraschend um 19000.

BA-Chef Jürgen Weise erklärte, er sehe hierin keinen Anlass zur Sorge. Grund für den Anstieg sei zum einen, dass der Zähltag in die Osterferien fiel und daher Einstellungen nach dem Urlaub nicht mehr berücksichtigt worden seien. Zudem befänden sich wesentlich weniger Menschen in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, denn diese würden seit ihrer Reform zum 1. April viel restriktiver eingesetzt. Ihre Zahl sei um 295.000 auf 997.000 gesunken. Allein die Zahl der Ein-Euro-Jobber habe sich um 64.000 auf 122.000 verringert, sagte Weise.

Trotz dieser Sonderfaktoren haben Ökonomen jedoch weiter Zweifel. „Die Anzeichen einer Verlangsamung am Arbeitsmarkt sind kaum zu übersehen“, kommentierte Carsten Brzeski von der Bank ING. Der Index der offenen gemeldeten Stellen sei seit seinem Hoch im Januar gesunken.

Die Sparpolitik in Europa lässt also auch das deutsche Job-Wunder verblassen. Das könnte jenen Kräften Auftrieb verleihen, die einen langsameren Sparkurs und eine Stärkung des Wachstums in Europa fordern.

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