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Sarrazin-Buch Keinen Euro-Cent für dieses Buch!

Thilo Sarrazin schürt mit seinem neuen Buch „Europa braucht den Euro nicht“ wieder Ressentiments und täuscht mit Argumenten und Statistiken. Unsere Zusammenfassung: Das Buch ist widerlich, mit falschen Argumenten behaftet und irreführend. Ein Kommentar.

Die Thesen von Sarrazin sind erschreckenderweise Mainstream. Foto: dpa

Kann man nach „Deutschland schafft sich ab“ das neue Buch von Thilo Sarrazin unbefangen lesen? Es ist sein Beitrag zur Renationalisierung der Geldpolitik in Europa: „Europa braucht den Euro nicht“. Ein Thema immerhin, bei dem man dem Autor, der bereits in den 1970ern beim Internationalen Währungsfonds gearbeitet hat, danach im Finanzministerium, als Berliner Finanzsenator und zum Schluss bei der Bundesbank, zubilligen darf, dass er sich auskennt. Soll Sarrazin doch zeigen, dass er ein aufklärerisches Buch schreiben kann. Um es vorweg zu nehmen: Er kann es nicht. Da ist wieder der hässliche nationalistische Ton, der das Buch einrahmt. Es ist keine rationale Abwägung der wirtschaftlichen Vor- und Nachteile des Euro, sondern ein ganz klar auf die These „Zurück zur D-Mark“ hingeschriebenes Buch. Dafür ist Sarrazin alles recht: Auslassen, weglassen, umdeuten, bewusst falsch interpretieren.

Ein widerliches Buch

Es ist ein widerliches Buch, möge es in den Buchhandlungen vergammeln! Denn dem ökonomisch unbedarften Bürger wird es mit „Europa braucht den Euro nicht“ gehen wie mit dem Vorgängerbuch: Er wird beeindruckt sein, von der angeblichen Detailtreue, von dem auf 380 von 417 Seiten sehr sachlichen Ton, den kleinen Anekdoten aus dem Leben des großen Thilo Sarrazins. Er wird einen Autor entdecken, der zugibt, dass „auch ich am Ende des Buches die absolute Wahrheit nicht entdeckt haben werde“. Die absolute Wahrheit!

Beispiele gefällig, wo das Buch nationalistisch ist, wo es lügt, ausblendet und täuscht? Schon auf der ersten Seite heißt es: „Für jene Europäer, die die Zufälle des Schicksals dazu verdammt hatten, ihr Geld in Drachmen, Lire oder Escudos zu verdienen, … , sah die Betrachtung natürlich anders aus. Sie neigten dazu, den Glanz deutscher Ingenieurprodukte, den Lebensstandard in Deutschland ... und vieles mehr, um das man Deutschland beneidete, mit dem Umstand zu verwechseln, dass man in Deutschland in D-Mark bezahlte.“ Da ist sie, die Überhöhung des Deutschen, die Herabsetzung der anderen.

Sarrazin konstruiert den Gegensatz zwischen dem effizientem Nordeuropa und dem schludrigen Süden ? fleißig gegen faul, weiß gegen braun. Club Med nennt er die Staaten, denen er unsolides Verhalten unterstellt. Wo verortet Sarrazin Frankreich? Im Club Med!

Klar, hier schreibt ein Eurogegner, der zu wissen glaubt, warum Deutschland bislang so europafreundlich agiert hat. Die anhaltende Begeisterung für Europa sei nicht zu erklären „ohne die moralische Last der Nazizeit“.

Das Buch lügt

Wo lügt das Buch? Gleich zu Beginn, denn die Portugiesen und Italiener wollten nie die D-Mark haben. Wenn ihre Regierungen etwas wollten, dann eine Geldpolitik für Europa, die sich nicht nur an den Belangen Deutschlands ausrichtet. Richtig krass wird es, wenn er sich mit dem Phänomen der Ansteckung befasst. Spätestens seit der Lehman-Pleite 2008 gehört dieses Phänomen zur Allgemeinbildung. Der Fall einer kleinen, vernetzten US-Bank hat die Wirtschaft weltweit abstürzen lassen und Billionen Euro an Rettungsgeldern gekostet. Doch was behauptet Sarrazin? „Diese Theorie der Ansteckung hat allerdings keinen ökonomischen Gehalt, sie ist vielmehr im Kern eine politische Theorie.“ Es gibt keine Ansteckungsgefahren? Ja, dann brauchte und braucht man sich um den Austritt Griechenlands keine Sorgen machen. Und weil das so einfach ist, ist auch das Sarrazins Rezept zur Lösung der Euro-Krise einfach: Lasst sie doch alle in die Insolvenz gehen! Nur so bliebe das No-Bail-Out-Prinzip glaubwürdig, dass kein Land je für ein anderes hafte.

+++ Seite 2: Sarrazin argumentiert falsch und liefert erschütternde Erkenntnisse +++

Wie unredlich Sarrazin argumentiert, zeigt sich an einer anderen Stelle. Dort räumt er ein, dass die Deutschen beim Durchsetzen des No-Bail-Out-Prinzips Mitte der 1990er Jahre die Banken vergessen hätten. Das Prinzip sei nur glaubwürdig, so Sarrazin, wenn eine Bankenkrise als Folge einer staatlichen Insolvenz ausgeschlossen werden könne. Damit hat er ja so recht! Aber warum plädiert er dann nicht für einen europäischen Bankenrettungsfonds? Stattdessen lautet die einzige in die Zukunft gerichtete Forderung ganz populistisch: Keinen Cent mehr für die Euro-Rettung!

Wo blendet das Buch bewusst Tatsachen aus? Kein anderes großes Industrieland ist derart gut durch die Finanzkrise gekommen wie Deutschland, in keinem anderen befindet sich die Arbeitslosigkeit auf einem 20-Jahrestief. Diese Betrachtung fehlt ganz, genau wie die Frage nach dem Warum? Etwa, weil es den Euro gibt?

Sarrazin belegt Thesen mit falschen Argumenten

Den Tiefpunkt erreicht das Buch indes, wenn Sarrazin mit Statistiken zu belegen versucht, warum der Euro nichts bringt. Eine zentrale Aussage lautet: „Gemessen am Wohlstandsindikator BIP brachte die Währungsunion für viele Länder schwere Nachteile, für Deutschland hingegen keine Vorteile.“ Dazu gibt es eine Tabelle, die die Entwicklung des Brutto-Inlandsprodukt pro Kopf in Kaufkraftparitäten abbildet. Der Indikator ist okay. Was aber macht Sarrazin? Er schaut sich an, wie sich anhand dieses Indikators der Wohlstand Eurolands und anderer ausgewählter Länder relativ zur EU, also allen 27 Staaten der Union entwickelt hat. Und siehe da: Der Wohlstand in der EU der 27 hat sich zwischen 1998 und 2010 rascher erhöht als fast in jedem anderen Land. Ausnahme: die Schweiz, Spanien und Griechenland! Warum? Weil die osteuropäischen Staaten in diesen zwölf Jahren einen enormen Aufholprozess hingelegt haben. Das heißt aber weder, dass der Euro den Wohlstand in den Euroländern gesenkt hat, geschweige denn behindert.

Letzteres wird deutlich, wenn man selber rechnet. Dann zeigt dieselbe Tabelle, dass der Reichtum in Deutschland sich gegenüber der EU in den vergangenen 12 Jahren um 2,1 Prozent langsamer zugenommen hat, in der Eurozone insgesamt um 4,2 Prozent. Doch auch Länder ohne Euro sind langsamer wohlhabend geworden. Großbritannien hinkt gegenüber dem Wohlstandsanstieg in der EU um fünf hinterher, die USA gar um 8,6 und Japan um zehn Prozent. Die Tabelle zeugt also allein vom Aufholprozess Polens, Tschechiens und Ungarns. Erwähnt Sarrazin Osteuropa? Natürlich nicht!

Fazit

Kurzum: Das Buch leitet in die Irre und liefert Eurofeinden und Euroskeptikern starke, aber falsche Argumente. Eines tut es indes nicht: Es bricht keine Tabus. Sarrazins Thesen liegen voll im bundesdeutschen Mainstream. Das ist die eigentlich erschütternde Erkenntnis nach 417 Seiten.

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