Lade Inhalte...

Sarah Jochmann Voller Einsatz für Fahrradkuriere

Sie hetzte auf ihrem Rad von Haustür zu Haustür, lieferte Essen aus zum Hungerlohn. Dann war es genug. Nun kämpft Sarah Jochmann für die anständige Behandlung von Kurierfahrern.

Sarah Jochmann
„Wenn kein Kurier an die Öffentlichkeit gehen will, mache ich das eben“, sagte sich Sarah Jochmann. Foto: Thomas Banneyer

Der Zusammenbruch kam zwei Tage vor Heiligabend. Sarah Jochmann war seit einigen Wochen für den Lieferdienst Deliveroo in Köln unterwegs und fuhr Essen aus – in ihrer eigenen Winterjacke und mit ihrem eigenen Fahrrad, denn die Arbeitsmittel stellte Deliveroo ihr nicht. Trotzdem machte ihr der Job Spaß, sie mochte die Bewegung an der frischen Luft und den Kontakt mit den Kunden.

Ihr Gehalt aber hatte sie seit zwei Monaten nicht bekommen. Bei Deliveroo konnte ihr niemand weiterhelfen. Den ganzen Dezember über lebte sie von Trinkgeld. In den Restaurants, in denen sie das Essen für die Kunden abholte, bekam sie manchmal eine Pizza umsonst. Aber irgendwann war es zu viel. „Der Druck, kein Geld mehr zu haben, hat mich echt umgeworfen“, sagt die 34-Jährige rückblickend.

Heute arbeitet Jochmann nicht mehr bei Deliveroo, ihr Vertrag lief Ende April aus und wurde nicht verlängert. Das Unternehmen setzt in einigen Städten in Deutschland mittlerweile auf selbstständige statt auf angestellte Fahrer – mit ein Grund dafür, dass die Kölnerin nicht mehr durch die Straßen hetzt und sich nun für bessere Arbeitsbedingungen für die Kuriere einsetzt.

Ersatzteile selbst bezahlt

Das Geschäft mit dem gelieferten Essen machen hierzulande drei große Unternehmen fast alleine unter sich aus: Deliveroo, Foodora und Lieferando, alle mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen für die Kuriere. Bei Foodora und Lieferando sind die Fahrer angestellt und sozialversichert, Deliveroo arbeitet vermehrt mit Freelancern. Lieferando stellt den Fahrern teilweise E-Bikes zur Verfügung, bei Foodora und Deliveroo müssen die Kuriere ihr eigenes Rad benutzen. Verschleißpauschalen zahlen Deliveroo und Foodora, teilweise aber geknüpft an Bedingungen. Alle Unternehmen vergeben die Aufträge über Smartphone-Apps an die Kuriere. Handys und Verträge müssen die selbst zahlen. „Die Bedingungen sind prekär“, findet Jochmann.

Gemeinsam mit anderen Fahrern hat sie im Februar die Initiative „Liefern am Limit“ gestartet, um die Arbeitsbedingungen in der Branche zu verbessern. Während sich ihre beiden Kollegen um die Facebook-Seite und die Vernetzung der Kuriere kümmern, übernimmt Jochmann die Öffentlichkeitsarbeit, diskutiert auf Podien und bemüht sich um Kontakte zur Politik.

„Reden hilft“, sagt Jochmann. Die strukturierte Art und Weise, in der sie an diesem Nachmittag in einem Café in Köln von den Problemen der Kuriere erzählt, zeigt, dass sie das nicht zum ersten Mal macht – im Gegenteil. „Ich mache momentan nichts anderes mehr.“

Oft geht es dabei auch um Betriebsräte – ein heikles Thema in der Branche. Die Deliveroo-Fahrer in Köln hatten mit Unterstützung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) im Februar eine Vertretung gewählt. Weil Jochmann erst seit einigen Monaten für Deliveroo arbeitete, konnte sie sich noch nicht zur Wahl stellen, half aber bei der Organisation. Es war der erste Deliveroo-Betriebsrat in Deutschland – und der letzte. Deliveroo ließ im Frühjahr die Verträge der Betriebsräte auslaufen und setzt zunehmend auf Freelancer. Das Gremium schrumpfte, bis es irgendwann keinen Betriebsrat mehr gab.

Bereits im Vorfeld, so schildert es Jochmann, habe das Unternehmen versucht, die Wahl zu verhindern. So habe es im Büro von Deliveroo in Köln beispielsweise keine Pinnwand gegeben, an der der Vorstand die Wahl hätte bekanntmachen können. „Es hieß, die Kuriere könnten die Zettel ja an die gelagerten Thermorucksäcke im Office kleben.“ Zudem habe Deliveroo versucht, Vorbereitungstreffen so zu torpedieren, dass möglichst wenige Fahrer hätten kommen können.

Auch bei Foodora gibt es offenbar Probleme. Zwar sind in Köln und Hamburg Betriebsräte gewählt worden, aber die Fahrer beklagen öffentlich immer wieder Probleme. Foodora soll gezielt die Verträge von Beschäftigten auslaufen lassen, die sich für die Mitarbeitervertretung einsetzen.

Betriebsräte nicht zu behindern, sondern mit ihnen zu kooperieren ist deswegen eine der Forderungen, die Jochmann und ihre Mitstreiter an die Lieferunternehmen stellen. Zusätzlich wollen sie unter anderem auch eine Ausweitung des Kündigungsschutzes für Mitarbeiter erwirken, die sich um die Wahl eines Betriebsrats bemühen.

Auch deswegen knüpft Jochmann derzeit Kontakte im politischen Berlin. Die Linke hat sie naturgemäß auf ihrer Seite, mit der CDU ist sie ebenfalls im Gespräch und auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat sich die Sorgen der Fahrer schon angehört. Unter anderem in Köln, wo er sich Mitte Juni mit Betriebsräten von Foodora und ehemaligen Vertretern von Deliveroo unterhalten hat.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ideealisten

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen