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Ryanair „Wie im 19. Jahrhundert“

Arbeitsminister Heil und Gewerkschaftschef Bsirske besuchen die Mitarbeiter von Ryanair und sind entsetzt über das, was sie erzählen.

Streik bei Ryanair
Protest Mitte August: Ryanair-Mitarbeiter wagen Machtprobe. Foto: dpa

Hubertus Heil und Frank Bsirske sind gleichermaßen entsetzt. „Hier gibt es Arbeitsbedingungen wie ich sie nicht für möglich gehalten habe. Uns begegnet hier das 19. Jahrhundert“, sagt der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. „Hier werden elementare Arbeitnehmerrechte mit Füßen getreten und Globalisierung mit Ausbeutung gleichgesetzt“, ergänzt Bundesarbeitsminister Heil am Freitagvormittag am Frankfurter Flughafen. Intensiv haben sich beide davor mit mehreren, in Frankfurt stationierten Beschäftigten des irischen Billigfliegers Ryanair unterhalten. Und sind empört. Tatsächlich setze Ryanair-Chef Michael O’Leary sein Motto um, Beschäftigte auszupressen wie eine Zitrone.

Ein halbes Dutzend Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter nicken als Heil, Bsirske und Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel ihre Eindrücke beschreiben. Und halten Schilder hoch, auf der sie ihre Rechte einfordern. Und auch die Abschaffung des Paragraphen 117 des Betriebsverfassungsgesetzes. Der besagt, dass das Personal einer Airline in der Kabine wie auch im Cockpit einen Betriebsrat erst dann bilden kann, wenn es einen Tarifvertrag gibt. Weil das bei Ryanair nicht der Fall ist, können die Beschäftigten, die im Cockpit oder in der Kabine arbeiten, keine Vertretung wählen und damit auch ihre Rechte nur schwer geltend machen. „Wir werden diese Lücke bis zum Jahresende schließen“, verspricht Heil. Eine entsprechende Initiative habe er im Bundeskabinett auf den Weg gebracht. 

Nach den Worten von Bsirske arbeiten die Kabinen-Beschäftigten bei Ryanair am Rande des Existenzminimums und sehen sich Repression und Drohungen ausgesetzt. Die meist jungen Menschen arbeiteten beim irischen Billigflieger zu schlechteren Bedingungen als sie ihre Großeltern kannten. „Als ich vor einem Jahr meinen Job begonnen habe, hatte ich im Monat 900 Euro brutto“, sagt eine junge Flugbegleiterin. Davor habe sie schon 3000 Euro für ihre Ausbildung hingeblättert. 

Am Anfang sei sie über eine Agentur beschäftigt worden, heute habe sie einen Vertrag mit Ryanair. Und erhalte wenigstens 1200 Euro brutto. Wobei 600 Euro für die Miete fällig sind. Bezahlt werde sie aber nur, wenn sie im Flugzeug arbeite. Für die Vor- und Nachbereitung am Boden gebe es nichts, ebenso wenig ein Jobticket, so die Angestellte. Wer krank sei, erhalte kein Geld. Und an Bord müssten Lose, Essen und Getränke verkauft werden. Dafür gebe es eine geringe Provision. Wer nicht aktiv sei, müsse mit einer Rüge rechnen und werde schon mal nach Dublin in die Zentrale zitiert. Und versetzt werden könnten die Beschäftigten jederzeit. Wer streike, müsse mit Kündigung rechnen. 

Heil und Bsirske schütteln nur den Kopf. Das sei Ausbeutung in einem Unternehmen, das Milliarden verdiene, sagt der Arbeitsminister. „Aber Deutschland ist keine Bananenrepublik, sondern ein Rechtsstaat.“ In der Regel greife der Staat nicht in Tarifverhandlungen ein, schließlich gelte in Deutschland die Tarifautonomie, sagt Heil. „Aber hier geht es um mehr.“ Die gesamte Bundesregierung stehe auf der Seite der Ryanair-Beschäftigten. „Viele können kaum ihre Miete bezahlen“, sagt Bsirske.

Der Verdi-Chef ist skeptisch, dass es in den derzeit laufenden Verhandlungen schnell ein gutes Ergebnis für die Beschäftigten gibt, schließt weitere Streiks nicht aus. Ryanair sei mittlerweile zwar bereit, Arbeitsverträge nach deutschem Recht zu unterzeichnen. Sie wollten aber die Zustimmung der Gewerkschaft noch bevor die Bedingungen klar seien. 

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