Lade Inhalte...

Russland Rubel in der Identitätskrise

Sanktionen und außenpolitische Spannungen drücken auf den Kurs der russischen Währung.

Zum Jahreswechsel brachte die russische Zentralbank neue und ganz besondere Rubelnoten in Umlauf: Etwa einen 200-Rubelschein, der das Denkmal für gesunkene Schiffe im annektierten Sewastopol zeigt. Wer ein Smartphone mit der entsprechenden App darüber hält, sieht die Denkmalsäule in dem Schwarzmeerhafen dreidimensional aufragen, mit Möwen, die um sie herumfliegen.

Aber andere Wunder bewirkt das Hightech-Papiergeld nicht. Im Gegenteil, es ist sogar wertloser geworden. Lag der Kurs für einen Euro Silvester 2017 bei gut 69 Rubel, so wurde er gestern bei über 80 Rubel notiert. Allein im August verlor der Rubel gegenüber Dollar und Euro über zehn Prozent seines Wertes. Dabei sprechen die Zahlen zur Zeit eigentlich für Wladimir Putins Russland. Der Staatschef gewann die Präsidentschaftswahlen mit einem Rekordergebnis von 76,7 Prozent, der Ölpreis, der 2014 bis unter 30 Dollar pro Barrel gesunken war, ist wieder auf über 77 Dollar geklettert, auch das Bruttoinlandsprodukt zeigt dieses Jahr wieder ein Plus. Aber der russische Rubel steckt weiter in einer Identitätskrise.

Der sowjetische Rubel war einst ungeheuer kaufkräftig, ein Weißbrot in der UdSSR kostete 13 Kopeken. Aber der Rubel war damals nicht konvertierbar, wurde deshalb als „hölzern“ verspottet. Die postsowjetische Inflation hängte einige Nullen dran, die Boris Jelzin per Dekret wieder streichen ließ. Dann stabilisierten die steigenden Rohstoff-Exportpreise unter seinem Nachfolger Putin auch den Rubel -über zehn Jahre lang. Jetzt aber hilft auch der sich erholende Ölpreis nicht. „Zur Zeit hat der Rubel einige kurz- und mittelfristige Faktoren sowie sehr viel Stimmung gegen sich“, sagt Waleri Mironow, Finanzexperte der Moskauer Hochschule für Ökonomie der FR.

Besonders leidet der Kurs der vaterländischen Währung unter den US-Sanktionen gegen Russland – und zwar keineswegs nur unter jenen Strafmaßnahmen, die schon beschlossen sind, wie die Exportbeschränkungen vom 22. August im Giftgasfall Sergei Skripal. Sondern auch unter solchen, die noch kommen könnten. So stieg der Euro-Kurs nach den Neuigkeiten über die russischen Tatverdächtigen im Fall Skripal von Mittwoch auf Donnerstag um über eineinhalb Rubel.

Die russische Währung scheint zum Sündenbock für die außenpolitischen Probleme des Kremls geworden zu sein. Das gilt für die neue Eskalation des Syrienkrieges in der Region Idlib, für die Ermordung des Donezker Rebellenführers Alexei Sachartschenko. Aber auch Krisen, in die Russland eigentlich nicht verwickelt ist, drücken auf den Kurs, etwa der Absturz der türkischen Lira. Schon diskutieren russische Finanzkreise die Kongresswahlen in den USA Anfang November als neuen Schicksalstag auch für den Rubel.

Hinzu kommt: Russland findet seinen Rubel nur noch sehr bedingt attraktiv, das gilt noch mehr für das Ausland. Nur etwa ein Prozent der Geschäfte auf dem internationalen Devisenmarkt werden in Rubel abgewickelt, obwohl das Land 3,2 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts produziert. „Der Rubel wird überflüssig“, titelt das Fachportal Invest-Forsait unheilschwanger. Finanzepxerte Mironow allerdings glaubt, die Stimmung gegen den Rubel könne sich auch wieder drehen. „Die kurzfristigen Negativfaktoren können auch schnell wieder verschwinden.“ Vor allem, wenn die tatsächlichen Wirkungen der US-Sanktionen für den Markt einschätzbar seien.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen