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Rosneft Putins Schattenmann

Als künftiger Aufsichtsratschef von Rosneft muss Exkanzler Gerhard Schröder Vorstandsboss Igor Setschin kontrollieren – Russlands mächtigsten Manager mit eigenwilligen Methoden.

Gerhard Schröder und Igor Setschin
Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (r.) und Rosneft-Vorstandschef Igor Setschin 2012 bei einer Konferenz in Sankt Petersburg. Foto: dpa

Einmal, noch als Portugiesisch-Student, war Igor Setschin mit zwei Kommilitonen in der Sankt Petersburger S-Bahn unterwegs. Seine Freunde hatten getrunken, lärmten, ein Schaffner alarmierte die Miliz. Der junge Setschin aber war nüchtern. Als er bemerkte, dass an der nächsten Haltestelle Ordnungshüter zusteigen würden, streifte er die Armbinde eines Hilfspolizisten über, packte seine Kumpel und zerrte sie schimpfend aus dem Abteil. Er rettete sie mit dieser Scheinverhaftung vor echten Schwierigkeiten mit der Staatsgewalt. Einer, der die Seinen nicht im Stich lässt.

Der deutsche Exkanzler Gerhard Schröder (SPD) hat beste Aussichten, an diesem Freitag von der Aktionärsversammlung des russischen Ölkonzerns Rosneft zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats gewählt zu werden. Schröder steigt bei einem Konzern ein, der 280 000 Mitarbeiter hat – mehr als die Bundeswehr Soldaten. Und mehr Ölreserven als jede andere Firma der Welt – 37,7 Milliarden Barrel Öläquivalent, genug, um Deutschland 43 Jahre lang zu versorgen.

Der Generaldirektor des Giganten heißt Igor Setschin (57). Schröders Hauptaufgabe im Aufsichtsrat sollte es sein, ihn zu beaufsichtigen. Eine spannende Aufgabe. Setschin gilt als zweitmächtigster Mann Russlands und als Manager mit sehr eigenwilligem Geschäftsgebaren.

Im November lud Setschin Wirtschaftsminister Sergei Uljukajew in sein Büro ein, trank mit ihm Tee, drückte ihm einen Geschenkkorb mit Wurst und Wein sowie einen Aktenkoffer mit zwei Millionen Dollar in die Hand. Als der Minister wieder in seinen Dienstwagen stieg, wurde er von Beamten des Geheimdienstes FSB festgenommen. Zuvor soll Uljukajew sich gegen den Kauf der Ölfirma Baschneft durch Rosneft gesperrt haben. Jetzt steht er als Schmiergelderpresser vor Gericht, auf Grundlage von Aussagen Setschins, der es jedoch ablehnt, als Zeuge aufzutreten. Und der sich darüber empört, dass während des Prozesses ein Abhörprotokoll seines Geplauders mit dem Minister öffentlich verlesen wurde. „Das sind Informationen, die Staatsgeheimnisse beinhalten.“ 

Vielleicht meint er damit den Wurstkorb, vielleicht seine Äußerung gegenüber Uljukajew, Chinesen taugten nicht als Investoren bei Rosneft. Kurz danach wurde nämlich bekannt, dass der chinesische Konzern CEFC 14,16 Prozent der Rosneft-Aktien übernehmen wird. Die Chinesen kaufen diese Anteile einem Konsortium aus dem Schweizer Rohstoffhändler Glencore und dem Katarer Investmentfond QIA ab, für angeblich 9,1 Milliarden Dollar. Glencore und QIA wiederum hatten im Dezember 19,5 Prozent der Rosneft-Aktien erworben, ein fragwürdiger Deal. Experten sprachen von einem Hütchenspiel, einen Großteil der Kaufsumme von 10,5 Milliarden Dollar sollen die Russen damals selbst aufgebracht haben. 

Kritiker werfen Setschin Intransparenz, Misswirtschaft und Korruption vor. Die Gewinne seines Konzerns schrumpfen seit Jahren, im ersten Halbjahr 2017 wieder um 22 Prozent – obwohl der Ölpreis steigt. Wladimir Putin aber lobt Setschin. „Er hat sich als effektiver Manager erwiesen.“
Setschin stammt wie Putin aus Sankt Petersburg, ist wie er Arbeitersohn, machte wie er Karriere beim Geheimdienst KGB. Setschin diente vier Jahre als Militärübersetzer in Angola und Mosambik, wieder in Sankt Petersburg arbeitete er im Amt für Außenkontakte der Stadtverwaltung – unter Putin.

Putin war der Amtsleiter, Setschin sein Sekretär. „Überall Sekretärinnen“, staunte ein Besucher, „und plötzlich ein junger, durchtrainierter Mann.“ Setschin saß am Tisch vor Putins Büro, nahm dem Chef Kleinkram und unangenehme Gespräche ab. Iwan Petrow (Name von der Redaktion geändert), ein russischer Geschäftsmann, der inzwischen in Westeuropa lebt, erzählt, er wollte 1995 in Sankt Petersburg ein Joint Venture anmelden – dafür brauchte er Putins Unterschrift. Putin empfing ihn freundlich, und gab ihm zu verstehen, seine Frage werde wohl positiv entschieden. Aber draußen, im Vorzimmer, sei er von Setschin angesprochen worden: Man müsse noch bestimmte Kleinigkeiten klären. Setschin habe ihm einen neuen Termin gegeben und gesagt: „Und bringen Sie 10 000 Dollar mit.“ Ein Sekretär, der sich laut Petrow eher wie ein Kumpan benahm.

Der deutsche Unternehmer Franz Sedelmayer, der auch eine Firma in Putins Komitee registrierte, sagt hingegen, er habe dort keine Korruption erlebt. „Setschin war der Mann, der Putins Befehle zu Papier brachte“, sagt Sedelmayer: „Für Putin ist er bis heute ein wertvoller Assistent. Einer, der seine Aufgaben erledigt, keine Fragen stellt.“ Und auf den Verlass ist, auch privat. Als Putins Frau Ludmilla bei einem Autounfall verletzt wurde, bat sie, Setschin anzurufen, um ihre Tochter, die auch im Auto gesessen hatte, abzuholen.

Im Jahr 1996 wechselte Putin in die Präsidialverwaltung nach Moskau, Setschin folgte ihm. 1998 schrieb Setschin seine Doktorarbeit über Rohstoffwirtschaft, ein Jahr nach Putin. Putin wurde Premier, Setschin Leiter seines Sekretariats, Putin wurde Präsident, Setschin stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung. 

„Setschin ist ein Teil der Gehirnzellen Putins“, sagte ein Minister 2004 der Zeitschrift „Time“. Putin mag mit Schröder Schlitten fahren, seine Geheimnisse teilt er mit Setschin.

Mit Putin-Setschin im Kreml begann der Aufstieg Rosnefts. 2002 kaufte das eigentlich marode Staatsunternehmen die Ölfirma Sewernaja Neft – für 600 Millionen Dollar. „Ein überhöhter Preis, offenbar wurde bestochen, die Branche war empört“, sagt Wladimir Milow, damals Vize-Energieminister und heute einer der heftigsten Kritiker Setschins. Der soll hinter dem Deal gesteckt haben. Wie ein Jahr später hinter der Festnahme Michail Chodorkowskis, Chef des Ölkonzerns Jukos. Chodorkowski wurde erst als Steuerbetrüger, dann als Dieb verurteilt. Die Jukos-Filetstücke landeten zum Schnäppchenpreis bei Rosneft. Chodorkowski warf Setschin später vor, er habe ihn aus Gier und Feigheit ins Gefängnis gebracht.

Das Bild von der grauen Eminenz Setschin, der Putin Böses einflüstert, ist in Russland schon zum Stereotyp geronnen. Aber auch Setschins schlechter Ruf lässt den Chef besser aussehen. Putin seinerseits hat seinem Getreuen immer neue Schlüsselpositionen übergeben: verantwortlicher Sekretär der Präsidialkommission für die Entwicklung der Energiewirtschaft. Aufsichtsratschefs der Staatsholding Rosneftegas, die die Aktienmehrheit bei Rosneft hält. Und Rosneft-Direktor. Setschin gilt als Superfunktionär, ein menschliches Scharnier zwischen Staat und Ölwirtschaft.
Für Rosneft nicht unbedingt ein Segen. „Putin und seine Leute haben den Staat privatisiert“, sagt der Sankt Petersburger Wirtschaftswissenschaftler Dmitri Trawin. „Für sie ist es natürlich leichter, an das Geld einer Staatsfirma zu kommen, die Setschin kontrolliert.“ 

Milow bescheinigt Setschin „sowjetmafiöse Managermentalität“. Einerseits sei Setschin noch immer Sowjetmensch, praktiziere Superzentralismus, die Konzernspitze beschäftige sich mit Kleinkram. Andererseits dränge er auf Expansion. „Je mehr Aktiva du unter Kontrolle bringst, umso mehr überteuerte Aufträge kannst du an deine Freunde vergeben.“

Der Staatskonzern Rosneft hat außer Sewernaja Neft und Jukos inzwischen die Ölkonzerne TNK-BP und Baschneft geschluckt, insgesamt Aktiva im Wert von 88,5 Milliarden Dollar. Die 19,5 Prozent Aktien, die man im Dezember 2016 verkaufte, kosteten noch knapp 10,5 Milliarden Dollar. Hundert Prozent Rosneft waren damals also knapp 54 Milliarden Dollar wert – 40 Prozent der Aktiva haben sich in Luft aufgelöst. Dazu kommt eine Nettoschuld, die zur Jahresmitte die Rekordhöhe von 37,5 Milliarden Dollar erreichte. Außerdem schuldet Rosneft laut Milow China noch Öl im Wert von schon bezahlten 29 Milliarden Dollar.

Setschins Konzern funktioniert nach sehr eigenen Gesetzen – ein riesiger, löchriger Sparstrumpf, immer neue Dollarmilliarden werden hineingesteckt, fallen heraus und verschwinden – aber nicht alle spurlos. Im August schoss der Schuldenriese Rosneft selbst dem venezolanischen Staatskonzern PDVSA sechs Milliarden Euro für noch nicht geliefertes Öl vor. Experten sind sich einig, dass Russland so das fast bankrotte Regime Nicolás Maduros unterstützen will. Aber sie bezweifeln, dass Rosneft das Geld jemals wiedersehen wird.

Igor Setschin selbst betrachtet sich offenbar weder als Mafioso noch als Marktwirtschaftler: „Ich bin Soldat“, sagte er zu Minister Uljukajew, bevor er ihn festnehmen ließ. Soldaten machen gern Gefangene, Dividenden interessieren sie weniger.

Betriebswirtschaftlich schreit Rosneft nach einem Aufsichtsratschef, der bereit ist, dort auszumisten. „Aber Schröder ist nicht so naiv, dass er irgendetwas unternimmt, was Putin nicht gefällt“, sagt Trawin. Wahrscheinlich wird Schröder das tun, wofür ihm die Russen künftig wohl knapp 600 000 Dollar im Jahr zahlen werden: Er wird still sitzen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Russland

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