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Rheinisches Revier Das Dorf, die Kohle und der Tod

Keyenberg soll dem Braunkohle-Abbau im rheinischen Revier weichen - doch seit dem Rodungsstopp für den Hambacher Forst schöpft mancher in der Gemeinde neue Hoffnung.

Ingo Bajerke
„Als würde ich einen Teil meines Lebens zurücklassen.“ Ingo Bajerke (45) ist in Keyenberg geboren und will sich nicht vertreiben lassen. Foto: Stefan Arend

Den Tod kann niemand zwingen, aber ersehnen kann man ihn, und wahrscheinlich tat der Vater von Ingo Bajerke genau das, als er sich im Januar des vergangenen Jahres zu seinem Sohn beugte und sagte: „Wenn wir hier wegmüssen, Jung, dann gehe ich nicht mit. Dann ziehe ich unter die Erde.“ Ein paar Wochen später, am 20. Februar 2017, war er tot. Ein Riss der Schlagader, sagten die Ärzte. Und so stand Ingo Bajerke dann bei der Beerdigung am Grab und dachte, dass sein Vater wohl etwas gründlich missverstanden hatte. „Nicht mal hier wirst du bleiben können“, sagte er in Gedanken zu ihm. „Nicht in dieser Erde.“

Gut eineinhalb Jahre später, an diesem grauen, früh dunklen Oktobernachmittag, steht Ingo Bajerke wieder an dieser Stelle, vor dem Grab, in dem sein Vater und seine Großeltern begraben sind. Ein paar hundert Meter von hier frisst sich der mächtige Bagger des Tagebaus Garzweiler immer weiter in die Erde, verwandelt dieses rheinische Flachland in ein gewaltiges Loch. Man kann diesen Bagger von hier aus nicht sehen. Aber er ist da. Er kommt näher. Und wenn alles so bleibt, wie es mal beschlossen wurde, dann müssen ihm bald alle weichen. Die Lebenden und die Toten.

Ingo Bajerke trägt einen braunen Pullover, blaue Jacke, sportlich-schlanke Statur, so steht er auf dem Friedhof von Keyenberg. Industriemechaniker, 45, und von diesen 45 Jahren hat er alle in diesem Ort verbracht. „Das kann ich doch nicht einfach aufgeben“, sagt Ingo Bajerke. „Das ist, als würde ich einen Teil meines Lebens hier zurücklassen.“ Deshalb kämpft er jetzt wieder. Auch wenn ihm das manche übel nehmen. Sogar hier im Ort.

In Keyenberg, 15 Kilometer südlich von Mönchengladbach, lebten mal knapp 900 Menschen. Jetzt sind es wohl noch rund 600. Die anderen sind schon weg, umgezogen ins Baugebiet „Keyenberg (neu)“, sieben Kilometer von hier, oder verstreut in alle Winde. Bis 2023, so ist der Plan, sollen hier alle fort sein. Umgesiedelt, wie es heißt, damit die Bagger die Braunkohle aus der Erde holen können. Die Keyenberger sind nicht die Ersten, die dieses Schicksal trifft. Zehntausende haben in den vergangenen Jahrzehnten für die Braunkohle ihren Heimatort verlassen müssen, in der Lausitz, im mitteldeutschen oder hier im rheinischen Revier.

Sie sind die Letzten. Zusammen mit ihren Nachbarorten, mit Kuckum, Beckerath, Unterwestrich und Oberwestrich, mit Proschim in der Lausitz und Pödelwitz und Obertitz nahe Leipzig.

Eine Zumutung war das schon immer. Nur stellt sich die Frage nach dem Sinn für viele jetzt wieder etwas dringlicher. Von Keyenberg zum Hambacher Wald sind es etwa 40 Kilometer. Der Wald darf jetzt erst einmal, zumindest für einige Jahre, stehen bleiben, so hat es ein Gericht entschieden. Dort geht es um alte Bäume und seltene Tiere, die Bechsteinfledermaus zum Beispiel. „Aber hier, hier geht es doch um Menschen“, schimpft Fritz Bremer, der 84-Jährige, während er an seinem Rollator durch den Ort geht. Wenn man die Wurzeln der Bäume schützt, fragt sich Bremer, muss man dann nicht erst recht die Wurzeln der Menschen schützen?

So fragen sich das jetzt viele. Am Hambacher Wald demonstrieren in diesen Tagen wieder Tausende gegen die Braunkohle. Vor zwei Wochen ist der erste Protestspaziergang nun durch Keyenberg gezogen. 900 Menschen kamen. Bei manchem keimt jetzt wieder Hoffnung. Aber taugen Keyenberg und Kuckum tatsächlich als neues Symbol des Protests?

Wem Ingo Bajerke vom Widerstand erzählen will, den führt er durch sein Dorf. Vorbei an Schuttcontainern, in die Umsiedler ihre alten Sachen werfen, „Heimatsärge“ nennt er sie. Vorbei am ersten der beiden Bäcker, der schon mal zugemacht hat. An den verlassenen Häusern, in deren Fenster RWE Kunstblumen stellen lässt, damit es nicht so tot aussieht. Vorbei an den alten Höfen und der Schule, Backsteingebäude aus dem 19. Jahrhundert. Bis hin zur Heilig-Kreuz-Kirche, Neogotik, mit dem goldverzierten Hochaltar darin, dem prächtigsten der Gegend.

Ingo Bajerke war hier Messdiener, Lektor. Er wurde hier getauft, ging hier zur Kommunion, die Urne seines Vaters war hier aufgebahrt. „Ich dachte immer: So eine Kirche ist was Ewiges“, sagt Bajerke. Er steht in der Kirche, schaut auf die Orgel, die bunten Fenster, die Taufsteine, die Bilder, für die in der Kapelle in „Keyenberg (neu)“ kein Platz sein wird, die sich in alle Winde verstreuen werden wie die Menschen. Wenn sie nicht mit abgerissen werden.

Die Kirche, der Ort, die Häuser, die Erinnerungen, die sich für ihn mit all den Straßen, den Gegenständen hier verbinden, alles das ist für Bajerke Heimat. Die einzige, die er hat. Und die soll er nun verlieren. Für eine Technik, die das Klima schädigt und von der klar ist, dass das Land aus ihr aussteigen wird. Das sieht Ingo Bajerke nicht ein.

Oder ist das vielleicht eine etwas selbstgerechte Sicht der Dinge?

Am Mittwoch haben in Bergheim, 30 Kilometer von hier, 30.000 Menschen gegen einen raschen Ausstieg aus der Braunkohle demonstriert. Viele von ihnen arbeiten bei RWE. „Wir sind laut für unsere Jobs“, hatten sie auf ihre Plakate geschrieben. Was Keyenberg retten würde, das würde ihre Existenz gefährden, das war ihre Botschaft.

Lässt sich das gegeneinander aufrechnen: Tausende Jobs gegen die Heimat von 1600 Menschen in den fünf Umsiedlungsorten am Tagebau Garzweiler? Kann nicht auch Arbeit, im besten Fall, eine Art von Heimat sein?

Und hatten die Keyenberger nicht genug Zeit, sich vorzubereiten? Haben sie nicht lange genug gekämpft und sind am Ende immer unterlegen gewesen? Schon mit zwölf stand Bajerke mit einer Fackel auf dem Feld und versuchte, sein Dorf zu schützen. Sie demonstrierten, charterten Protestschiffe auf dem Rhein und wählten kollektiv grün, ungewöhnlich für diese schwarze Gegend, aber am Ende haben sie immer verloren. 2013 billigte das Bundesverfassungsgericht den Tagebau. Im August wurde die Autobahn verlegt. Zeichen gab es genug.

Arbeitsplätze gegen Heimat, das ist ein Gegensatz, den Ingo Bajerke nicht akzeptiert. RWE gehe es nicht um Arbeitsplätze, sondern um Profit. Andere Jobs müssten geschaffen werden, so sehe es ja auch der Kompromiss vor, auf den sich die Kohlekommission in dieser Woche geeinigt hat. „Und es gibt doch auch ringsum noch genug Fläche, um weiterzubaggern“, sagt Bajerke.
Kann es zu spät sein, um für seine Heimat zu kämpfen? Das ist der Glaubenskrieg, der Keyenberg, dieses leise sterbende Dorf, spaltet.

Auf der einen Seite stehen Bajerke und seine 20 Mitstreiter. Die Küsterin, die sagt: „Vor dem Klima kannst du nicht wegziehen.“ Der Bauer, der im neuen Ort nicht genug Platz für seine Tiere hat. Die Großfamilie, die nicht genug Platz für die Menschen findet.

Auf der anderen Seite stehen die, die sich abgefunden haben. Und die sich von RWE abfinden ließen. Peter Zimmermanns steht vor seinem Haus in der Holzweiler Straße, ein 73-Jähriger mit Gladbach-Logo auf dem Pullover, früher Betriebsleiter in einer Papierfabrik. Das Haus haben seine Eltern nach dem Krieg gebaut. Wie viel er dafür bekommt, darf er nicht sagen. Auflage von RWE. Aber es reicht für ein kleineres neues Haus in „Keyenberg (neu)“. Umzug im Sommer. Er zuckt mit den Schultern. Was willste machen, soll das heißen. Dass es noch eine Chance gebe für den Ort, will er nicht glauben. „Die sollen mal niemanden verrückt machen“, sagt er. „Die Medien“ meint er und wohl auch Bajerke. Es muss eine schwer erträgliche Vorstellung sein: Sich auf den Abschied von der Heimat einzulassen. Wegzugehen. Und dann zu sehen, dass es nicht nötig war.

Ingo Bajerke ist zweiter Vorsitzender des Karnevalsclubs Grubenrand-Piraten. Er hat in diesem Jahr eine Büttenrede gehalten, die so begann: „Der Maibaum von der CDU, der ist mit RWE per Du. Und seine Frau, man glaubt es kaum, verkleinert uns den Kirchenraum.“ Gemeint ist der Kreistagsabgeordnete Franz Maibaum. Der sagt am Telefon: „Mancher klammert sich an jeden Strohhalm. Das ist auch nicht verkehrt. Aber irgendwann muss man in der Realität ankommen.“ Dann hat er keine Zeit mehr. Er muss zu seiner Baustelle in „Keyenberg (neu)“.

Es soll einen sehr guten Gemeinschaftsgeist in Keyenberg gegeben haben. Schwer vorstellbar, dass er in den neuen Ort mit umzieht.

Ist Keyenberg also noch zu retten? Nein, sagt der RWE-Sprecher. Es gehe um Strom für das Land, um Planungssicherheit für die Ortsbewohner, mehr als 45 Prozent hätten schon unterschrieben. Ja, sagt dagegen Antje Grothus, Vertreterin der Region in der Kohlekommission. Man müsse die Grenzen des Tagebaus verkleinern. Bis zu einer endgültigen Einigung in der Kommission brauche es ein Moratorium.

Ingo Bajerke sagt, er habe neulich einen Brief von RWE bekommen. Ob er nicht mal mit ihnen reden wolle, es hätten doch schon so viele unterschrieben. Der 45-Jährige steht in seiner Straße, schaut auf die Häuser, die Kirche, der vertraute Blick. Dann schüttelt er den Kopf. „Eigentlich müsste man Schmerzensgeld bekommen“, sagt er. „Aber wie viel bitte soll denn Heimat wert sein?“

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