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Rezession Schatten über dem Aufschwung

Erstmals seit langem kommen hierzulande wieder Ängste vor einer Rezession auf.

Chemie
Die Chemie gehört zu den Schlüsselindustrien in Deutschland. Foto: Imago

Goldilocks-Economy nennen angelsächsische Banker ein konjunkturelles Umfeld voller Harmonie und Schönheit. Seit einigen Jahren sollten sie dafür besser die deutsche Übersetzung verwenden – Goldlöckchen. Die größte Volkswirtschaft der Europäischen Union wächst und wächst, die Beschäftigung legt einen Rekord nach dem anderen hin. Gleichzeitig steigen die Preise moderat, sodass nichts das wunderbare Gleichgewicht gefährdet. Oder doch?

Erstmals seit der Finanzkrise vor bald einem Jahrzehnt scheint der deutsche Daueraufschwung ernsthaft gefährdet. Das Wort Rezession taucht aus seiner tiefen Versenkung wieder auf. „Die Konjunktur-Ampel springt von Grün auf Gelb“, stellt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) fest. Die Gefahr einer Rezession sei spürbar gestiegen. Der Flirt von US-Präsident Donald Trump mit dem Protesktionismus sendet nach den Worten von IMK-Chef Gustav Horn „Schockwellen aus, die über die Finanzmärkte auch die deutsche Wirtschaft treffen.“ Noch bevor klar sei, ob die amerikanischen Zölle auch auf europäische Waren ausgedehnt würden, breite sich starke Verunsicherung aus.

Die konkrete Bedrohung bemisst das Institut anhand zahlreicher Konjunkturindikatoren, die sowohl die Stimmung in den Unternehmen als auch harte Fakten wie die Auftragseingänge erfassen. Die jüngsten Signale fielen unerwartet schlecht aus. Daher weist das Frühwarnsystem des IMK nun eine Rezessionswahrscheinlichkeit für den Zeitraum April bis Juni von 32,4 Prozent aus, nach nur 6,8 Prozent im März. Werte oberhalb von 30 Prozent deuten auf eine erhöhte Unsicherheit hin.

Gleich mehrere Belastungen kommen zusammen und stören gemeinsam den Glauben an die Unverwundbarkeit der deutschen Wirtschaft. Im Februar sank überraschend die Produktion der Industrie, also der Schlüsselbranchen hierzulande. Die gesamte Fertigung schrumpfte um 1,6 Prozent und setzt damit ihre schwache Entwicklung der Vormonate fort. Experten verwiesen auf der Suche nach Erklärungen auf die Grippewelle.

Schwerer wegdiskutieren ließ sich die Flaute bei den Aufträgen. Zudem brachen ebenfalls im Februar die Exporte um 3,2 Prozent ein – so stark wie in drei Jahren nicht. Auch der Ifo-Index, der die Lageeinschätzung und die Erwartungen der Firmen abbildet, trübte sich ein. Die zunehmende Skepsis zeigt sich an enormen Ausschlägen an den Finanzmärkten, die zwischen Ängsten vor einem Handelskrieg und Erleichterung über jede Friedensbotschaft aus Peking oder Washington schwanken. Die Hoffnung, dass die hiesigen Unternehmen komische bis irre Twitter-Botschaften aus dem Weißen Haus belustigt zur Kenntnis nehmen und ansonsten ignorieren können, schwindet zunehmend.

Dies sieht auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) so, das am Montag eine aktualisierte Konjunkturprognose auf Basis einer neuen Unternehmensumfrage vorlegte. „Hohe Zuversicht, hohe Risiken“, so fasst IW-Konjunkturexperte Michael Grömling seine Einschätzung zusammen. Einerseits rechnen inzwischen 52 Prozent der rund 2800 vom IW befragten Firmen mit einem Produktionsplus. Nur acht Prozent erwarten einen Rückgang. Auch Investitionen und Beschäftigung ziehen laut der Untersuchung weiter an.

Andererseits haben sich laut IW-Präsident Michael Hüther die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtert. Dank der robusten Binnenkonjunktur könne die deutsche Ökonomie dem aber bisher trotzen. In dieser gemischten Gemengelage halten sowohl das IW als auch das IMK im Saldo an ihren relativ optimistischen Konjunkturprognosen fest. Das IW sagt sowohl für 2018 als auch für 2019 ein Plus des Bruttoinlandsprodukts um zwei Prozent voraus, das IMK ist sogar noch etwas zuversichtlicher. „Unsere Bedenken wachsen“, so Horn. „Aber noch gehen wir von einem anhaltenden Aufschwung aus, der im Kern von der Binnenwirtschaft getragen wird.“

Dagegen hat die Commerzbank erstmals seit langem ihre Prognosen leicht nach unten geschraubt. Zwar bemühten sich die USA und China um Entspannung in ihrem Handelskonflikt. Aber die Gegensätze werden sich laut Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer „nicht in Luft auslösen“. Dies werde in beiden Ländern bremsen und in der Folge auch die deutsche Exportindustrie treffen, so die Einschätzung.

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