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Rezension Unvollkommener Finanzmarktkapitalismus

Ein Sammelband untersucht den Einfluss von Investoren auf Arbeit, Wachstum und Innovation.

In Zeiten, in denen die City von London den Brexit nicht verhindern konnte und die Wall Street mit Trump fremdelt, scheint der Finanzsektor nicht mehr der allmächtige Akteur zu sein, als den man ihn jahrelang gesehen hat. Dies gilt besonders für Deutschland, wo die traditionell bedeutenden Industriesektoren nach der letzten Finanzkrise zu neuer Stärke gefunden haben.

Ein neuer Sammelband (M. Faust, H. Wolf, J. Kädtler: Finanzmarktkapitalismus? Campus Verlag. 412 Seiten, 39,95 Euro) aus dem Umkreis des Göttinger Soziologischen Forschungsinstituts überprüft nun die These, nach der das Wirtschaftssystem in den westlichen Industriestaaten vor allem durch Finanzakteure dominiert wird.

Dabei haben die Beiträge vor allem die Kontrolle produzierender Unternehmen in Deutschland durch Finanzakteure im Blick. Sie zeigen einerseits einen kritischen Einfluss der Finanzialisierung, etwa bei Innovationsprozessen in der Automobilindustrie. Hier werden langwierige Forschungs- und Entwicklungsarbeiten auf externe Entwicklungsdienstleister ausgelagert, um flexibler auf die Erfordernisse am Markt reagieren zu können. Zum anderen werden jedoch viele Hindernisse für die Finanzakteure benannt. Wenn sie ihre Interessen durchsetzen möchten, müssen sie selbst Wissen erwerben über die jeweiligen Firmen, aber auch über die Marktsituation. Dieser Weg ist kostspielig und birgt angesichts der Konkurrenz der professionellen Finanzakteure um ihre privaten Kapitalanleger viele Risiken. Im Ergebnis beschränken sich viele Finanzakteure eher darauf, opportunistisch Gelegenheiten auszunutzen, als selbst in den Unternehmenssektor zu intervenieren.

Insgesamt verbreitet sich in dem Sammelband die Erkenntnis, dass der Finanzsektor an seine eigenen Grenzen gestoßen zu sein scheint. Zwar können aktivistische Investoren noch immer kurzfristige und außergewöhnliche Gewinne an einzelnen Stellen aus dem produktiven Unternehmenssektor ziehen. Die allgemeine Orientierung von Unternehmensstrategien an kurzen Fristen und an einer Mindestrendite, wie sie sich seit den 1990er Jahren verbreitete, führt aber inzwischen zu paradoxen Effekten. Je stärker der Finanzsektor wächst und je mehr er die Investitionen in die Unternehmen beherrscht, desto stärker steht er selbst in der Verantwortung für ein nachhaltiges Unternehmenswachstum. Aus einem anfangs parasitären Verhalten wird so gezwungenermaßen die Sorge um die Zukunft des Kapitalismus.

Dies wird sehr passend anhand eines Briefes von Laurence D. Fink, dem Chef der weltgrößten Investmentgesellschaft Blackrock, illustriert. Darin ermahnt Fink die Unternehmensvorstände, nicht den kurzfristigen Anforderungen des Kapitalmarktes nachzugeben, sondern sich auf das langfristige Wachstum ihrer Unternehmen zu konzentrieren. Und in der Tat, wer rund fünf Billionen US-Dollar an Anlagekapital verwaltet, der kann nicht bloß auf das nächste Quartalsende schielen. Aus diesen Beobachtungen stricken die Autoren des Sammelbandes keineswegs eine Story über eine neue Harmonie zwischen Finanz- und Unternehmenssektor, sondern eine über ihre vielfachen Verstrickungen und Reibungen. Der Finanzmarktkapitalismus ist nicht beendet, sondern er scheint eingeholt worden zu sein von der Unvollkommenheit des Kapitalismus.

Der Autor forscht am Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule.

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