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Rente Sieben Renten-Mythen

Die Diskussion hat begonnen: Was man nun über die Altersvorsorge wissen muss. Was ist dran an den sieben gängigsten Behauptungen?

Was bleibt: Über die Rente wird aktuell wieder heiß diskutiert. Foto: imago

Ein Wort, fünf Buchstaben, viele Meinungen: Seit über drei Wochen diskutiert die Nation – mal wieder – über die Rente. Die Sozialdemokraten und die bayerischen Christsozialen betrachten die Riester-Rente als gescheitert und suchen nach neuen Modellen. Christdemokraten wie Finanzminister Wolfgang Schäuble wiederum verlangen die Flexibilisierung des Renteneintrittsalters, was im Klartext bedeutet, dass zumindest ein Teil der Menschen länger arbeiten soll als bisher. Bis zum 70. Geburtstag, wenn es nach dem Willen des Vorsitzenden der Jungen Union, Paul Ziemiak, geht. Und FDP-Chef Christian Lindner forderte eine Grundsicherung im Alter. Flankiert wird die Rentendebatte von Äußerungen der Arbeitgeber und der Gewerkschaften. Es sieht ganz danach aus, als ob die Rente zu einem großen Thema im aufziehenden Bundestagswahlkampf werden könnte. Zeit, dass die Fakten auf den Tisch kommen. Sieben Behauptungen und ihr Wahrheitsgehalt.

1. „Die Rente wird immer teurer.“

In absoluten Zahlen stimmt das. Seit 1991 sind die Ausgaben von Jahr zu Jahr gestiegen, nur 2006 lagen sie leicht niedriger als im Vorjahr. Bis 2014 haben sie sich insgesamt verdoppelt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn die Zahlen sagen nichts darüber aus, ob wir uns die gesetzliche Rente leisten können oder nicht. Um das zu beurteilen, muss man auch die Wirtschaftsleistung betrachten. Die ist im gleichen Zeitraum gestiegen, und zwar ganz erheblich. „Das Bruttoinlandsprodukt hat sich ebenfalls fast verdoppelt“, sagt der Kölner Statistiker Gerd Bosbach. Die Folge: „Der Anteil der gesetzlichen Rentenversicherung am Bruttoinlandsprodukt war 2014 so niedrig wie seit 1992 nicht mehr.“ Den Berechnungen von Bosbach zufolge lag er bei 9,28 Prozent. Den höchsten Anteil hatten die Rentenausgaben 2003 mit 10,73 Prozent erreicht, seither ging es um 1,45 Punkte runter.

Diese Zahlen sind nicht nur mit Blick auf die Vergangenheit wichtig, sondern auch für die Zukunft. Denn sie erschüttern eine der gängigsten Behauptungen in der Sozialpolitik, mit der seit vielen Jahren erklärt werden soll, warum der demografische Wandel zu Einschnitten in die Sozialsysteme führen muss. Siehe dazu die Behauptung 2.

2. „Wir werden immer älter, deshalb müssen wir länger arbeiten.“

Zwar ist es richtig, dass es im Verhältnis immer weniger Junge und immer mehr Ältere gibt, aber die simple Schlussfolgerung, dass deshalb automatisch länger gearbeitet werden muss, ist zu simpel. Was bei dieser Argumentation völlig außer Acht gelassen wird, ist die wirtschaftliche Entwicklung. Sie ist es, die entscheidend ist für die Finanzierbarkeit der Sozialsysteme (siehe Behauptung 1).

Dabei gilt, dass das Wirtschaftswachstum weniger stark von der Zahl der Arbeitnehmer abhängt, als bisweilen angenommen wird. Schlagendes Beispiel: 2014 haben die Bundesbürger in Stunden gemessen nur 0,6 Prozent mehr gearbeitet als noch 1995. Und das, obwohl das Bruttoinlandsprodukt enorm gestiegen ist. Das zeigt, wie wichtig die steigende Produktivität ist. Sie erklärt mit Blick in die Vergangenheit auch, warum die Sozialsysteme sogar ausgebaut werden konnten, obwohl im Jahr 1900 noch 12,4 Erwerbsfähige für eine alte Person gearbeitet haben, während es im Jahr 2000 schon so viele Alte gab, dass nur noch 4,1 Erwerbsfähige auf einen Rentner kamen.

Im Moment nimmt die Produktivität zwar weniger schnell zu als früher, jedoch versprechen sich Experten von der Digitalisierung der Wirtschaft in den kommenden Jahren enorme Produktivitätssprünge. Und sollte es doch mehr Personal brauchen, so sei an dieser Stelle daran erinnert, dass sich das Land noch immer Millionen unterbeschäftigte Menschen leistet und dass weiterhin sehr viele Jugendliche nicht bestmöglich ausgebildet werden.

3.„Wir müssen bis 70 arbeiten.“

Für viele Menschen wäre das heute gar nicht zu machen. Einer Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen zufolge, hat im Alter von etwa 61 Jahren bereits die Hälfte aller Arbeitnehmer den gelernten Beruf aufgegeben. Viele, weil es einfach nicht mehr ging. Sie mussten im Alter entweder umsatteln, was ein hohes Arbeitslosigkeitsrisiko birgt und die Gefahr deutlicher Einkommensverluste, oder sie wurden Bezieher einer Erwerbsunfähigkeitsrente. Für diese Menschen würde die Rente mit 70 Jahren nichts anderes als eine Rentenkürzung bedeuten.

Wirtschaftlich notwendig ist ein späteres Renteneintrittsalter nicht, wenn man voraussetzt, dass die Entwicklungen der Vergangenheit auch in der Zukunft gültig sind (siehe Behauptungen 1 und 2). Selbst wenn die Produktivität nicht mehr ganz so schnell wachsen sollte wie früher, wäre die Rente laut Bosbach noch finanzierbar. „Meine Modellrechnungen belegen, dass auch in Zukunft ausreichend steigende Rentenbeiträge leicht möglich sind, selbst wenn die Produktivitätssteigerungen auf 0,75 Prozent zurückgingen“, so Bosbach.

Die dramatischen Zahlen über den Rückgang der Erwerbstätigen hatte Bosbach schon vergangenes Jahr entlarvt: Selbst wenn das negativste Szenario des Statistischen Bundesamtes zur Bevölkerungsentwicklung eintreffen sollte, müsste jährlich nur einer von 100 Erwerbstätigen ersetzt werden. „Anders ausgedrückt: Nächstes Jahr müssen 99 das schaffen, was heute 100 schaffen“, so Bosbach. „Also ökonomisch kein Problem.“

4. „Die Jungen werden gegen immer höhere Lasten rebellieren.“

Wenn die Lasten immer größer werden sollten, lässt sich das natürlich nicht ausschließen. Die Frage wäre dann allerdings, warum die Lasten immer größer geworden sind. Rein ökonomisch ist das ja, wie in den ersten beiden Punkten dargelegt, keine Zwangsläufigkeit.

Allerdings hat es schon in den vergangenen Jahren Entwicklungen gegeben, die zulasten der Arbeitnehmer gingen. Ein Beispiel ist, dass der Anteil der Beschäftigten am Volkseinkommen kleiner wurde, während Unternehmen und Kapitaleigner mehr bekamen. Die Lohnquote sank von 71,9 Prozent im Jahr 2000 auf 68,1 Prozent im vergangenen Jahr, wobei sie zwischenzeitlich sogar bei nur noch 63,6 Prozent gelegen hatte.

Diese Entwicklung hat die Finanzierung der Sozialsysteme geschwächt. Das Perfide: Je kleiner die Einnahmebasis wird, desto größer wird der Druck auf die Sozialversicherungen, ihre Beitragssätze zu erhöhen. Der beste Weg, um die Arbeitnehmer vor Überforderung zu schützen, ist deshalb, sie an der wirtschaftlichen Entwicklung angemessen zu beteiligen. Sonst kommt es in der Tat zum Konflikt.

5. „Die kapitalgedeckte Vorsorge ist generationengerecht.“

„Das Sparschwein Ihres Kindes würden Sie doch auch nicht plündern“ – mit diesem Werbespruch hatte die private Versicherungswirtschaft vor einigen Jahren auf der Klaviatur der Ausbeutung der jüngeren Generationen durch die Älteren gespielt. Die Botschaft: Wer sein Geld für die Absicherung im Alter bei den Versicherungsunternehmen anlegt, der liegt im Alter nicht den Arbeitnehmern auf der Tasche – anders als mit einer gesetzlichen Rente.

Doch das ist eine wirtschaftspolitische Verdummung. Das hat in den 50-Jahren schon der Soziologe Gerhard Mackenroth festgestellt. Das Geld fließt, egal ob in der gesetzlichen Rentenversicherung oder im kapitalgedeckten System, immer von der arbeitenden Bevölkerung zu den Ruheständlern.

Denn sowohl in der gesetzlichen Rente als auch im kapitalgedeckten System erwerben die Versicherten Ansprüche auf Teilhabe an der künftigen Wirtschaftsleistung. Im gesetzlichen System passiert das, indem sie Rentenpunkte sammeln. Im kapitalgedeckten System, indem die Assekuranzen Aktien, Immobilienfonds oder Staatsanleihen erwerben. Im gesetzlichen Rentensystem werden die Ruheständler an Arbeitseinkommen und Steuereinnahmen beteiligt, im kapitalgedeckten System an Unternehmensgewinnen, Zinsen auf Staatsanleihen oder Mietzahlungen. Immer aber kommen dafür die wirtschaftlich aktiven Generationen auf. Im Übrigen ist es so, dass auch private Versicherungen nicht alle Beitragseinnahmen zunächst mal am Kapitalmarkt anlegen. Natürlich leiten auch sie einen Teil direkt an die Ruheständler weiter.

Die Kapitaldeckung hat allerdings durchaus einen Vorteil. Denn während sich die gesetzliche Rentenversicherung fast ausschließlich aus zwei Töpfen finanziert – Rentenbeiträge und Steuergelder – ist die Versicherungswirtschaft breiter aufgestellt. Ihre Einnahmequellen sind über viele Anlageklassen und Länder gestreut. Diese Optionen auch der gesetzlichen Rentenversicherung einzuräumen, ist eine Überlegung wert. Sie könnte damit finanziell breiter abgestützt werden, etwa für den Fall, dass die Arbeitseinkommen weiter unter Druck geraten.

Allerdings müsste die Einbeziehung der Kapitalmärkte sehr vorsichtig erfolgen, denn die kapitalgedeckte Altersvorsorge ist keineswegs so demografiefest, wie häufig behauptet wird. Sollten die Versicherungen – nicht nur in Deutschland – in einigen Jahren, wenn viele Menschen in den Ruhestand gehen, Anlagen im großen Stil auflösen, um ihr Versicherungsversprechen zu erfüllen, besteht die Gefahr eines Preissturzes und damit einer großen Wertvernichtung. Wie groß diese Gefahr ist, darüber streiten die Ökonomen. Nicholas Barr von der London School of Economics aber meint: „Aus wirtschaftlicher Sicht ist der demografische Wandel kein gutes Argument zugunsten kapitalgedeckter Systeme.“

6. „Heute schon hat Deutschland eine der höchsten Abgabenquoten in Europa.“

Das stimmt nicht. Zwar hat die OECD gerade Zahlen vorgelegt, die das nahelegen. Doch dafür hat sie die Steuer- und Abgabenquote alleinstehender Durchschnittsverdiener berechnet. Die ist mit 49,4 Prozent zwar in der Tat hoch, aber nicht repräsentativ. Der Anteil aller Steuer- und Sozialabgaben gemessen an der Wirtschaftsleistung liegt bei 36,7 Prozent und damit im Mittelfeld der Mitgliedsstaaten der OECD. Das Problem: Es werden die Falschen belastet. Die Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen haben es besonders schwer.

7. „Höhere Lohnnebenkosten schaden dem Standort Deutschland.“

Erstens: Lohnnebenkosten sind Lohnkosten. Ein Unternehmen interessiert nicht, wie das Geld ausgegeben wird, das es einem Arbeitnehmer bezahlt, damit dieser für ihn arbeitet. Es wägt nur ab, ob der Arbeitnehmer diesen Lohn auch wert ist. In Tarifverhandlungen wird immer über die gesamten Lohnkosten verhandelt: Steigen die Sozialabgaben, wird es bei den direkt ausgezahlten Löhnen ein geringeres Plus geben. Macht man das Spiel trotzdem mit, und schaut sich die Höhe der sogenannten Lohnnebenkosten an, dann stellt man fest: Sie sind in Deutschland gar nicht so hoch. Mit 28 Euro auf 100 Euro Bruttoverdienst lagen sie in Deutschland 2014 laut dem Statistischen Bundesamt sogar leicht unter dem EU-Durchschnitt.

Zweitens: Im Standortwettbewerb maßgeblich sind die Lohnstückkosten. Die hängen davon ab, wie viel ein Arbeitnehmer in einer Arbeitsstunde schafft. Bei dieser Kennziffer ist Deutschland ausgesprochen wettbewerbsfähig. Steigt die Produktivität, dürfen auch die Lohnkosten steigen. Damit das gelingt, müssen Innovationen, Bildung und Infrastruktur vorangebracht werden.

Drittens: Die „Lohnnebenkosten“ sind die Ausgaben der Rentner, Arbeitslosen und Krankenkassen. Das heißt, dieses Geld wird nachfragewirksam. Die Beschäftigung von Millionen Bürgern und die Existenz von zehntausenden Firmen hängt davon ab – und damit auch deren Steuerzahlungen und Sozialabgaben. Deshalb kam der Sachverständigenrat für die Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2003 zu dem Ergebnis, dass die Behauptung, steigende Beitragssätze („Lohnnebenkosten“) hätten einen negativen Beschäftigungseffekt, nicht belegt sei.

Selbst wenn man an negative Effekte glaubt, wären diese überschaubar: Aktuell kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in einer Studie im Auftrag der Grünen zu dem Ergebnis, dass – je nach Szenario – ein um einen Punkt höherer Rentenbeitrag zwischen 31 000 und 160 000 Arbeitsplätze gefährden würde.

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