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Reisebranche Notretter gesucht

Weil die Reisebüros um ihr Überleben kämpfen, tobt in der Tourismusbranche nun ein heftiger Personalstreit. Zwei ehemalige Unternehmenschefs werden als Kandidaten für die Spitze des Deutschen Reiseverbandes (DRV) gehandelt.

Angebotsschilder für Urlaubsreisen: Touristikkonzerne, Internetanbieter und Reisebüros streiten um den künftigen Präsidenten des Deutschen Reiseverbandes. Foto: dpa

Wer an die Spitze des Deutschen Reiseverbandes (DRV) will, braucht eine wichtige Fähigkeit: Er muss von Amtes wegen zwischen allen Stühlen sitzen können. Zwei ehemalige Unternehmenschefs werden als Kandidaten gehandelt, die dieses wichtige Amt in einer schwierigen Zeit für die Reisebüros übernehmen könnten: Norbert Fiebig, der einmal DER-Touristik geführt hat, und Michael Frenzel, der alte Boss von Tui. Dabei geht es um mehr als eine Personalie, es geht letztlich um die Zukunft der Reisebüros in Deutschland.

Die Neuwahl nötig gemacht hat DRV-Präsident Jürgen Büchy. Er trat Mitte Mai überraschend zurück, führt die Geschäfte aber kommissarisch weiter, bis ein Nachfolger gefunden ist. Seither wird heftig gestritten, wer den Job machen soll. Denn der neue Verbandschef muss einerseits die Interessen der großen Reisekonzerne TUI, Thomas Cook und DER vertreten. Gleichzeitig muss er sich um die Sorgen und Nöte der kleinen Reisebüros kümmern. Jahrzehntelang war das kein Problem, da die Kleinen und die ganz Großen an einem Strang zogen. Die Reisebüros waren praktisch die Außenstellen der Veranstalter.
„Mit dem Internet wurde vieles anders“, sagt der Tourismuswissenschaftler und Ex-TUI-Manager Karl Born. Etwa drei Dutzend Reiseportale sind hierzulande online, sie nehmen den Reisebüros einen immer größeren Teil ihres Standardgeschäfts mit Pauschal-reisen weg. So teilte Peter Long, Chef von Europas größtem Veranstalter TUI Travel, kürzlich mit, dass auf den Plattformen seines Unternehmens die Zahl der Online-Buchungen für die Sommersaison in Deutschland um 22 Prozent nach oben geschnellt sei.

Neben reinen Internet-Anbietern wie Expedia oder Ab in den Urlaub haben auch die Konzerne eigene Plattformen entwickelt, die weit mehr als nur Buchungsmaschinen sind. Die Webseiten vermitteln direkt den Kontakt zu Fachleuten, die auch bei spezielleren Wünschen weiterhelfen. Das konnten früher nur Reisebüros. Doch schon in den vergangenen zehn Jahren ist deren Zahl um ein Drittel auf gut 9700 geschrumpft. Das Internet habe aber noch längst nicht all seine Möglichkeiten entfaltet, sagt Born. Deshalb: „Die Konsolidierung wird weitergehen. Aber gute Reisebüros, die diese Chancen nutzen, werden trotzdem überleben.

Dabei wird gleichwohl mit immer härteren Bandagen gekämpft. So gilt es als offenes Geheimnis in der Branche, dass die Konzerne ihre eigenen Reisebüros und Internet-Plattformen mit umfangreicheren und aktuelleren Informationen füttern als die unabhängigen Agenturen – es geht um Preise oder um Ausstattungsmerkmale von Hotels. Den unabhängigen Reisebüros setzt zudem zu, dass im Internet inzwischen auch viele unseriöse Reisevermittler unterwegs sind und dass immer mehr Nebenjobber mit teils fragwürdiger Sachkenntnis Reisen am Wohnzimmertisch verkaufen. Deshalb wird in der Branche über eine Art Reise-TÜV und über Qualitätsstandards diskutiert.

Der künftige DRV-Präsident spielt dabei eine wichtige Rolle. Zwei Favoriten werden gehandelt. Der eine ist Ex-Tui-Chef Michael Frenzel. Gegen ihn gibt es heftige Widerstände. Er gilt als einer, der die integrierten Konzerne stärken will und sich eher gegen als für die Interessen der Reisebüros einsetzt. Der andere ist Norbert Fiebig, der Favorit der Reisebüros. „Der DRV braucht einen Präsidenten, der konsensorientiert agiert. Fiebig wäre der richtige Mann“, sagt Marija Linnhoff, Reisebürobetreiberin aus Iserlohn. Ihre Stimme hat Gewicht. Sie gilt als eine der entschiedensten Kämpferinnen für den stationären Handel und hat unter anderem die Kampagne „Ja. Ich buche im Reisebüro“ mitgegründet. In Fiebig sieht sie einen Bundesgenossen, der die Kooperation auch mit den unabhängigen Agenturen intensivieren will.

Der 55-Jährige war bis Ende April Chef der DER-Touristik. Die Rewe-Tochter ist die Nummer drei der Reiseveranstalter hierzulande, zu ihr gehören auch mehr als 2100 Reisebüros. Fiebig wird ein Faible für Reisebüros nachgesagt, mit dem Rewe-Chef Caparros dem Vernehmen nach allerdings nichts anfangen konnte. Genau deshalb soll dieser sich auch gegen eine Kandidatur von Fiebig stemmen. Rewe nimmt dazu keine Stellung.

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