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Reformation Nicht zum Wohle des Volkes

Die Reformation veränderte die Machtverteilung zwischen Kirche und weltlichen Herrschern – anders allerdings, als vom Volk erhofft.

Wittenberger Schlosskirche
Durch die Reformation kam es zu einer Umverteilung des Wohlstandes in den Jahren nach 1517, in dem Luther seine 95 Thesen veröffentlichte. Foto: epd

Die Reformation veränderte nicht nur die Art, wie die Gläubigen ihr Seelenheil erlangen konnten. Sie veränderte auch die Machtverteilung zwischen Kirche und weltlichen Herrschern – und sie führte zu einer massiven Umverteilung des Reichtums zu Lasten der Kirche. Möglich war dies, weil die Bewegung der Protestanten den Fürsten ein unschlagbares Angebot machte: eine Heiligung ihrer Herrschaft zu geringerem Preis. So sieht es zumindest der Wirtschaftshistoriker Davide Cantoni.

In einer neuen Studie konzipieren Cantoni und seine Kollegen das Verhältnis von Fürsten, Untertanen und Kirche als Markt. Hier bietet die Kirche den Gläubigen die Rettung ihrer Seele und den weltlichen Herrschern eine religiöse Legitimation ihrer Macht. Preis dafür sind politische Macht und ökonomische Vorteile wie Land, Steuerfreiheit, Abgaben, Arbeitskräfte.

Vor der Reformation fungierte laut Cantoni die katholische Kirche als Monopolist, konnte daher einen hohen Preis für ihre Leistungen verlangen, was ihre übergreifende Macht begründete. Das Kräfteverhältnis zwischen kirchlichen und weltlichen Herrschern änderte sich mit dem Aufkommen der Reformation. Auf einmal bekam die katholische Kirche Konkurrenz, die den Fürsten die Dienstleistung „Herrschaftslegitimation“ zu einem deutlich niedrigeren Preis bot.

So wandte sich Luther insbesondere gegen das Geschäft der katholischen Kirche mit Ablassbriefen. Die Zahl der Sakramente reduzierte er von sieben auf zwei. Mit seiner Kritik am Reichtum der katholischen Kirche stieß Luther auf offene Ohren der Fürsten, die diesen für sich reklamieren wollten.

Umverteilung des Wohlstands

Durch die Reformation kam es zu einer Umverteilung des Wohlstandes in den Jahren nach 1517, in dem Luther seine 95 Thesen veröffentlichte. Deutschsprachige Regionen des Heiligen Römischen Reiches erlebten ab 1520 in protestantischen Gegenden die massive Schließung von Klöstern, deren Ländereien sich die Fürsten aneigneten. Die Zahl der Klöster im Umkreis von 25 Kilometern einer Stadt sank bis 1600 von etwa sieben auf unter zwei. Die gesellschaftlichen Ressourcen wurden in jene Bereiche gelenkt, die den Bedarf der Herrscher decken sollten. Zum einen brauchten die Herrscher mehr Arbeits- und Fachkräfte. Laut Cantoni führte dies an den Universitäten dazu, dass die Zahl der Studenten der Theologie stark abnahm und weltliche Fächer wie Jura, Medizin, Verwaltung und Kunst Zulauf erhielten.

Der zweite Indikator des Machtwechsels ist die Bautätigkeit. So nahm mit der Reformation die Zahl der neu gebauten Kirchen überall deutlich ab, sehr viel stärker allerdings in protestantischen Gebieten. Gleichzeitig wuchs rasant die Zahl der weltlichen Bauten wie Markthallen oder Verwaltungsgebäude. All dies geschah laut Cantoni unabhängig von den grundlegenden ökonomischen Bedingungen in den einzelnen Regionen.

Enttäuscht wurde allerdings die Hoffnung vieler Protestanten, die von der katholischen Kirche akquirierten Reichtümer würden zum Wohle der Bevölkerung eingesetzt – zum Beispiel für den Bau von Kranken- oder Armenhäusern. „Die Säkularisierung wurde nicht durch Sozial- oder Militärbauten vorangetrieben“, so Cantoni. „Treiber des Baubooms waren Paläste und Verwaltungsgebäude, also genau die Kategorien, die die vergrößerte Macht der weltlichen Autoritäten reflektierten.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

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