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Red Bull PR am Limit

Extremsportler sind auf das Geld von Red Bull angewiesen. Was das Unternehmen dafür verlangt, dazu schweigt es.

Red Bull Rampage 2015
Mountainbiken in der krassen Variante: Red Bull Rampage in Utah, USA. Foto: afp

Ein letzter Atemzug, dann stößt er sich ab. Die Skier an beiden Füßen, rast er auf die Klippe des schneebedeckten Felsens zu. Er springt ab, macht einen Salto, macht noch einen, löst seine Skier und stürzt in die Tiefe. Der Wingsuit – ein spezieller Anzug für Fallschirmspringer mit Stoff zwischen Armen und Beinen – verlängert die Zeit im freien Fall. 

Die Dokumentation „You have one life. Live it“ ist voller waghalsiger und spektakulärer Stunts wie diesem. Sie porträtiert Shane McConkey, einen der bekanntesten Extremsportler seiner Zeit. Produziert wurde der Film von der Red Bull Media House – einer Tochterfirma des Getränkekonzerns, der Shane McConkey sponserte. Im April 2013 hatte der Film Weltpremiere und wurde von den Fans weltweit gefeiert. 

Der Hauptdarsteller, Shane McConkey, hat das nicht mehr miterlebt. Er ist während der Dreharbeiten zu diesem Film im März 2009 in den Dolomiten zu Tode gestürzt. Einer seiner Stunts, ähnlich dem gerade beschriebenen, missglückte.

Welche Rolle hat Red Bull bei den Todesfällen gespielt?

Shane McConkey ist nicht der einzige von Red Bull unterstützte Extremsportler, der im Zusammenhang mit Werbeaktionen des Unternehmens gestorben ist. Sechs Athleten haben während der Dreharbeiten für Promofilme oder im Rahmen von Red-Bull-Events ihr Leben verloren. Vier weitere vom Konzern gesponserte Sportler starben bei Sportunfällen. Elf tote Athleten innerhalb von zehn Jahren. Alle standen in direkter Verbindung zu Red Bull. Aber gilt das auch für die Unfälle? Welche Rolle hat das Unternehmen bei den Todesfällen gespielt? Drängt Red Bull seine Sportler zu neuen, immer riskanteren Leistungen – bis es irgendwann zu viel ist?

Wer diese Fragen stellt, bekommt nur wenige Antworten. Das Unternehmen selbst hat sich zu keiner einzigen der ihm gestellten Fragen geäußert und lediglich mitgeteilt, es sei die „Rolle von Red Bull“, die Träume dieser herausragenden Athleten zu erfüllen. Auch die meisten anderen Anfragen im Rahmen dieser Recherche sind über Wochen hinweg unbeantwortet geblieben. Gesponserte Sportler, Kollegen, Angehörige der Toten – nur sehr wenige sind offenbar bereit, über Red Bull zu sprechen. Eine endgültige Antwort auf die Frage nach der Verantwortung des Unternehmens bekommt man auch dann nicht. Aber man kommt ihr näher.

Rund 600 Athleten sind derzeit bei Red Bull unter Vertrag, darunter bekannte Stars wie Formel-1-Fahrer Max Verstappen oder Skifahrerin Viktoria Rebensburg. Den bislang vielleicht größten Marketingcoup landete das Unternehmen aber mit einem Sportler, der vielen Menschen bis dato unbekannt war. Am 14. Oktober 2012 sprang der österreichische Basejumper Felix Baumgartner aus der Stratosphäre auf die Erde – aus einer Höhe von knapp 40 Kilometern. „Red Bull Stratos“, wie das Projekt hieß, passte perfekt zu dem Image, das das Unternehmen von sich verbreiten will: Wer Red Bull trinkt, ist verwegen, kann alles schaffen und bis ins Unermessliche über sich hinauswachsen. 

Partnerschaft mit Red Bull

Genau dieses Bild verkörpern auch die Sportler, die von dem Getränkekonzern gesponsert werden: Männer und Frauen, die sich von Klippen stürzen, auf Skiern senkrechte Hänge runterbrettern oder waghalsige Motorradstunts machen. So wie Luc Ackermann. Der 20-Jährige gilt als eines der größten Talente im Freestyle-Motocross, seit er im Alter von zwölf Jahren als jüngster Fahrer mit seinem Motorrad einen Backflip, also einen Rückwärtssalto, schaffte.

Seit rund dreieinhalb Jahren wird Ackermann von Red Bull unterstützt. Über die Details seines Vertrags mit dem Unternehmen schweigt er sich aus, wie alle gesponserten Sportler. „Wir stellen gemeinsam Ziele auf und schauen, was ich brauche, um sie verwirklichen zu können“, sagt er. Durch die Zusammenarbeit mit Red Bull habe er einige Annehmlichkeiten, könne etwa im Leistungszentrum des Unternehmens in Fuschl trainieren und auf Physiotherapeuten zurückgreifen. Konkrete Leistungsvorgaben gebe das Unternehmen aber „absolut nicht“. 

Ähnlich äußert sich auch Marco Waltenspiel, 34 Jahre alt, Stuntman. Waltenspiel ist Mitglied im „Red Bull Skydive Team“, einer Gruppe von vier Basejumpern, die im Rahmen von Promoaktionen mit Wingsuits aus Hubschraubern springen. Durch die Partnerschaft mit Red Bull habe er den Vorteil, dass er sich voll und ganz seinem Sport widmen könne, sagt Waltenspiel. „Es hat aber auch Zeiten gegeben, in denen ich nebenbei in einer Bar gearbeitet habe, um mir die Springerei leisten zu können.“ Dass das Unternehmen immer neue Höchstleistungen fordere, verneint aber auch er und betont: „Wenn ich mich nicht wohlfühle oder die Bedingungen nicht in Ordnung sind, gibt es für mich auch keinen Sprung.“

Im April 2013 zeigte die ARD eine Dokumentation, die ein etwas anderes Bild zeichnet. Sie trägt den Titel „Die dunkle Seite von Red Bull“ und arbeitet besonders detailliert den Fall von Ueli Gegenschatz auf: einem Basejumper, der bei einem Sprung von einem Hochhaus in Zürich im Rahmen einer Promoaktion von Red Bull gestorben ist. In dem Film kommen Freunde und Bekannte von Gegenschatz zu Wort, unter anderem Christopher McDougall. Der Australier, selbst Basejumper, äußert damals offen den Verdacht, dass Red Bull Gegenschatz zu dem Sprung gedrängt haben könnte.

„Er ist bei schlechtem Wetter gesprungen“, sagt McDougall und erwähnt Gerüchte, denen zufolge Gegenschatz wegen seines Sponsors gesprungen sein soll. „Wir werden es nie genau wissen, aber es muss irgendeinen Druck von außen gegeben haben, ganz sicher. Denn er war ein sehr guter und sehr sicherer Springer.“

Auf Nachfrage der Frankfurter Rundschau änderte McDougall seine Einschätzung: „Letztendlich war es Ueli, der sich entschieden hat zu springen, unabhängig davon welchen Druck es möglicherweise von außen gegeben hat.“ Ueli habe sich entschieden zu springen und den Preis dafür bezahlt.

Die meisten Athleten brauchen Red Bull

Welchen Preis Red Bull wiederum Gegenschatz für dessen Sprung gezahlt hat, ist nicht bekannt. Über die Honorare, die das Unternehmen seinen Sportlern zahlt, dringt nichts an die Öffentlichkeit. Fest steht allerdings: Die meisten Athleten brauchen Red Bull. Extrem- und Actionsportler bekommen in der Regel keine Unterstützung, etwa von der Deutschen Sporthilfe. Wollen sie ihren Sport auf einem gewissen Niveau ausüben, sind sie meist auf finanzkräftige Unternehmen wie Red Bull angewiesen. 

Wie viel Geld Red Bull insgesamt in Marketing inklusive des Sponsorings von Sportlern und Vereinen steckt, bleibt ebenfalls geheim. Branchenexperten halten rund 30 Prozent des weltweiten Gesamtumsatzes für möglich. Legt man die von Red Bull veröffentlichten Zahlen zugrunde, wären das gut 1,8 Milliarden Euro.

Das Geld investiert das österreichische Unternehmen nicht nur in einzelne Athleten, sondern auch in eigene Wettbewerbe wie etwa die „Red Bull Rampage“ in den USA. Der Getränkekonzern bewirbt sie als „weltweit prestigeträchtigstes Big Mountain Freeride Event“. Die 21 besten Mountainbiker jagen einen steilen Abhang hinunter, inklusive waghalsiger Sprünge und Salti. Teilnehmen darf nicht jeder – sondern nur derjenige, der von Red Bull dazu eingeladen wurde. 

2015 war auch Paul Basagoitia bei der „Rampage“ dabei, allerdings zum vorerst letzten Mal. Der Amerikaner stürzte bei seiner Abfahrt so schwer, dass er sich den zwölften Brustwirbel brach. Ihm drohte eine Querschnittslähmung. Damit Basagoitia die Rehamaßnahmen bezahlen konnte, mussten Spenden gesammelt werden. Auch andere Sportler hatten sich bei der „Rampage“ verletzt und die Branche diskutierte, ob Red Bull es mit dem Spektakel zu weit getrieben habe. Den Wettbewerb gibt es allerdings immer noch.

Von einem schlechten Umgang Red Bulls mit seinen Sportlern will Sherry McConkey, die Frau des in den Dolomiten verunglückten Basejumpers, nichts wissen. „Red Bull hat Shane niemals vorgeschrieben, was er tun sollte“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. „Er wurde von Red Bull ausgewählt wegen der Dinge, die er bis dahin erreicht hatte. Das war die größte Ehre überhaupt. Ohne Red Bull hätte Shane nicht die Dinge machen können, von denen er geträumt hat.“

Red Bull feiert Shane McConkey als Legende

Shane McConkey wird noch heute, mehr als neun Jahre nach seinem Tod, von Red Bull als „Freeski-Legende“ gefeiert. Im Gegensatz zu den meisten anderen Verunglückten ist er auf der Webseite des Konzerns nach wie vor präsent. Auch der Film, bei dessen Dreharbeiten McConkey gestorben ist, ist dort zu sehen. Die Einnahmen, die Red Bull mit der Doku erzielte, kamen Sherry McConkey und ihrer Tochter zugute. Sie sei immer noch begeistert von allem, was Red Bull für sie und ihre Tochter getan habe. „Das ist mit Abstand das loyalste Unternehmen, das ich kenne.“

Was sagt all das über das Unternehmen aus? „Red Bull hat das Extreme und das Wagnis zu einem Lebensstil erhoben“, stellt Volker Schürmann fest. Er leitet die Abteilung Philosophie im Institut für Pädagogik und Philosophie an der Deutschen Sporthochschule in Köln und forscht unter anderem zu Ethik und Moral. Der Sportphilosoph meint, es brauche „eine größere gesellschaftliche Debatte darüber, ob wir generell so etwas wollen. Wollen wir, dass jemand als Versager dargestellt wird, weil er sich nicht von einem Berg stürzen will?“ Die Debatten über die Frage, wer die Verantwortung für die Todesfälle trägt, leiden seiner Einschätzung nach darunter, dass solch grundsätzliche Fragen nicht länger diskutiert werden. 

„Natürlich muss man jedem Menschen zugestehen, dass er sich von einem Berg stürzen kann, wenn er das möchte“, sagt Schürmann. Aber man müsse eine Grenze ziehen, ab der das Unternehmen die Verantwortung trage. „Red Bull spielt damit, dass wir diese Grenze nicht festlegen.“

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