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Post Businessplan: Schrumpfen!

Bei Postwachstum denken viele an Jutetaschen und Selbstversorgerbauernhöfe. Dabei könnten gerade kleine und mittelständische Unternehmen Pioniere einer Gesellschaft ohne Wachstum sein.

Brauerei
Wachstum, nein danke: Gottfried Härle, Geschäftsführer der Brauerei Clemens Härle, könnte mehr Bier verkaufen. Doch das will er nicht. Foto: dpa

Die Brauerei Clemens Härle stellt möglichst umweltfreundlich Bier her. Und das recht erfolgreich. Mit seiner Entscheidung für mehr Nachhaltigkeit ist das Unternehmen nicht allein. Was die Allgäuer Brauerei allerdings besonders macht, ist, dass sie wohl mehr Bier verkaufen könnte. Die Inhaber allerdings haben sich vor über zehn Jahren dagegen entschieden – und das ganz bewusst.

Die Idee, dass Wirtschaftswachstum kein Selbstzweck sein sollte, ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Immer mehr Menschen ist bewusst, dass unser westlicher Lebensstil nicht nachhaltig ist, weil er mehr Ressourcen verbraucht, als wir zur Verfügung haben. Dass das Wirtschaftswachstum auf Kosten der Umwelt und der Lebensbedingungen unserer Enkel gehen könnte, leuchtet vielen ein.

Praktische Veränderung hingegen ist schwerer vorstellbar: Wer würde in einer Postwachstumswelt die Brötchen backen? Wer Smartphones entwickeln? Gäbe es überhaupt Smartphones? Und auch die Forscherinnen und Forscher der Degrowth-Bewegung beschäftigen sich viel öfter mit der Kritik an den politischen, sozialen und ökonomischen Strukturen der Gegenwart als mit der Frage, wie eigentlich Betriebe in einer Postwachstumsgesellschaft aussehen und arbeiten könnten.

Eine Ausnahme ist Jana Gebauer. Sie untersucht am Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin nichtwachsende Unternehmen. Solche Unternehmen sind eigentlich nichts Neues, nur wird wenig über sie gesprochen. „In unserer Gesellschaft ist Wachstum ein Zeichen von Erfolg. Von florierenden Unternehmen wird erwartet, dass sie eine Stufe weiter gehen: expandieren, mehr Menschen anstellen, Filialen eröffnen, den Umsatz steigern“, sagt Gebauer. „Aber nicht alle geben diesem Druck nach.“

Tatsächlich gibt es für Unternehmen viele gute Gründe, sich gegen Wachstum zu entscheiden. Oft ist es der Wunsch nach Unabhängigkeit, etwa von Kreditgebern, oder das Lösen von den Zwängen, die eine wachsende Zahl an Kunden und Aufträgen mit sich bringt. Wenn Unternehmen wachsen, wird der Verwaltungsaufwand größer, es braucht mehr Angestellte, die sich spezialisieren, und hierarchischere Strukturen müssen entstehen. Vor allem Unternehmen, denen enge Bindungen zu Kunden und Lieferanten wichtig sind, entscheiden sich oft gegen Expansion, um die persönliche Beziehung aufrechterhalten zu können. Auch eine hohe Produktqualität kann ein limitierender Faktor sein – wie im Fall des nachhaltig produzierten Biers: Lokal angebaute, ökologische Rohstoffe sind eben begrenzt.

Manche Unternehmen sehen sich darüber hinaus selbst als Pioniere des Wandels hin zu einer Postwachstumsgesellschaft. Sie beschränken sich bewusst auf ihre Nische und experimentieren mit demokratischer Mitbestimmung. Für sie ist Postwachstum Teil der Marke.

Aber ob sie nun radikal anders oder ziemlich konventionell sind: Nichtwachsende Unternehmen haben es schwerer als andere, denn es gibt kaum Beratungsangebote oder sichtbare Vorbilder. Die wären aber nötig, denn der Übergang von Wachstumsorientierung zu Selbstbeschränkung ist gar nicht so einfach. „Die Frage, welche Größe die richtige ist, kann man nur im Einzelfall entscheiden“, meint Expertin Gebauer. „Und in der Massenproduktion für Massenmärkte wird man auch vom Wachstumszwang nicht wegkommen.“

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