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Portugal Lethargischer Musterschüler

Portugal wählt am Sonntag ein neues Parlament. Die Portugiesen haben harte Jahre hinter sich, sie sind heute ärmer als vor vier Jahren. Aber sie begehren nicht auf gegen die Verhältnisse. Warum eigentlich?

Alles geht so seinen Alltag: In Portugal gibt es keine Kultur der politischen Teilhabe. Foto: Martin Dahms

Und wie sind Sie durch die Krise gekommen? „Ich habe die Hälfte meines Vermögens verloren“, antwortet Karl Heinz Stock wie einer, dem das nichts ausmacht. Er überlegt einen Moment. „Sagen wir es anders: Ich habe die Hälfte meines Vermögens in die Unternehmen investieren müssen, um sie am Laufen zu halten und weiterzuentwickeln.“ Nein, Karl Heinz Stock macht nicht den Eindruck eines Mannes, der sich eine Zigarre mit einer 100-Euro-Note anstecken würde, weil Kapital dazu da ist, verbrannt zu werden. Stock ist einer, der weiß, wie man Geschäfte macht, und dabei kein Detail aus den Augen verliert. Auch nicht die Zigarettenstummel im Kies auf dem Vorplatz seines Weingutes, nach denen er sich unzufrieden umblickt. „Gestern hatten wir hier eine irische Hochzeit“, sagt er erklärend. „Die Iren trinken wie nichts Gutes.“

Karl Heinz Stock ist ein deutscher Unternehmer, 63 Jahre alt, gebürtig aus Aschaffenburg, der sich vor knapp 20 Jahren an der portugiesischen Algarve niedergelassen hat. Er selbst stellt sich als „Developer“ vor. „Ich entwickele Dinge. Und Wein ist eines der Dinge, die ich entwickelt habe.“ Im Jahr 2007 übernahm er das Weingut Quinta dos Vales in Estômbar, nicht weit von Portimão im Südwesten Portugals. Er verkaufte die vorhandenen Lagerbestände an einen Essigproduzenten, erneuerte 80 Prozent der Weinstöcke, entließ das alte Management und fing ganz von vorne an. „Tabula rasa“, nennt er das. Es war ein erfolgreicher Neustart. Sein „Marquês dos Vales“ wurde in den vergangenen drei Jahren jeweils zum besten Wein der Algarve gekürt. „Wir haben über hundert internationale Medaillen bekommen, wir sind eines der höchstprämierten Güter Portugals“, sagt Stock. Er sagt das fast beiläufig, als habe er von sich selbst nichts anderes erwartet. „Ich mache das nicht wegen des Geldes“, beteuert er. „Für mich war das eine Herausforderung. Ein Naturprodukt zu machen, ist schwierig.“

In jüngeren Jahren hat Stock sein Geld erst als Banker, dann als Ölmanager und immer als einer gemacht, der Geschäftsideen anschiebt. Er hatte Büros in Berlin, in Moskau und in New York. Dann entdeckte er die Algarve für sich. „Ich habe mich vor allem in die Menschen verliebt. Und natürlich in die Sonne.“ Er gebe jetzt das Geld aus, das er früher verdient habe, sagt er. Aber er gibt es so aus, dass auch wieder was reinkommt. Er ist an einer Maschinenfabrik im Norden Portugals beteiligt und an einem Zeitschriftenverlag der Algarve. Eine seiner Firmen kümmert sich um Poolreinigung, eine andere um Klimaanlagen. In der Quinta dos Vales entwirft er steinerne Skulpturen, er organisiert Feste und Hochzeiten wie die irische und betreibt vier Unterkünfte mit 44 Betten. Und natürlich baut er Wein an. Stock ist ein vielbeschäftigter Unternehmer. „Im Prinzip arbeite ich jedes Jahr in einer anderen Industrie“, sagt er.

Stocks größte Herausforderung ist es, ausgerechnet in Portugal Geschäfte zu machen. Portugal hat gerade die schlimmste Wirtschaftskrise seit den Jahren nach der Revolution von 1974 hinter sich, als das Land fast 50 Jahre Diktatur abschüttelte. Vor vier Jahren, im Frühjahr 2011, stand Portugal so schlecht da, dass es bei den europäischen Partnern und beim Internationalen Währungsfonds um Hilfe anklopfen musste. Nach drei Jahren unterm Rettungsschirm, nach drei Jahren unter Troika-Aufsicht, konnte sich das 10,5-Millionen-Einwohner-Land wieder selbst finanzieren. Seitdem kommt es langsam zurück auf die Beine. Den Erfolg schreibt sich die konservative Regierung von Ministerpräsident Pedro Passos Coelho zu. An diesem Sonntag, bei den Wahlen zum portugiesischen Parlament, wollen die bürgerlichen Koalitionsparteien PSD und CDS den Lohn dafür einfahren. Doch die Portugiesen sind noch unentschieden, ob sie über deren Politik so glücklich sind wie die Koalition selbst.

Dass es wieder aufwärts geht, merkt Karl Heinz Stock an seiner Maschinenfabrik. Während der Krise brachen die Verkäufe ein, jetzt brummt, beflügelt vom schwachen Euro, auf einmal der Export. „Noch so ein Jahr wie dieses, und wir haben die Verluste der letzten Jahre weitgehend kompensiert“, sagt Stock. Es sind etliche äußere Faktoren, die Portugals Wirtschaft wieder in Schwung gebracht haben, neben dem Wechselkurs auch der niedrige Ölpreis und die Rückkehr der Touristen. Kaum eine Weltgegend hängt so sehr am Tropf des Fremdenverkehrs wie die Algarve: Er trägt 60 Prozent zu ihrer Wirtschaftsleistung bei, erklärt Luís Coelho, Wirtschaftsdozent der Universidade do Algarve in Faro. 2010 brach das Touristengeschäft ein und erholte sich bis zum vergangenen Jahr nicht wieder. „Wir Portugiesen sind glückliche Leute“, sagt Coelho, „wir sind gern auf der Straße, gehen essen, unterhalten uns. Und auf einmal wurden wir deprimiert.“

Für ein paar Jahre, während die Touristen ausblieben, während die Regierung in Lissabon die Steuern erhöhte und die Renten und die Gehälter im öffentlichten Dienst kürzte, während die Arbeitslosigkeit im ganzen Land auf über 17 Prozent in die Höhe schoss, blieben die Restaurants halb leer, die Kinos auch, und selbst in den großen, bei den Portugiesen so beliebten Shoppingmalls machte ein Laden nach dem anderen dicht. Fast niemand entging der Depression. „Vor der Krise verdiente ich monatlich 2200 Euro netto und bekam 14 Gehälter im Jahr, jetzt erhalte ich 1800 Euro 13 Mal im Jahr.“ Das soll keine Klage sein: Coelho weiß, dass er zu den Gutverdienern im Land gehört. „Der Durchschnittslohn sind 650 Euro netto im Monat.“

Jetzt wächst die Wirtschaft wieder, die Arbeitslosigkeit geht zurück, und auch die Touristen sind wieder da. Wenn es so weiter geht wie in den ersten Monaten, kommen dieses Jahr so viele Gäste an die Algarve wie noch nie. Ist also alles wieder gut? Ist die Krise überwunden? Hat Portugals Rettung funktioniert? „Die kurze Antwort ist: nein“, sagt Luís Coelho mit einem Lächeln. „Wir kaufen wieder Autos wie verrückt. Wir geben wieder Geld für Urlaub und Wohnungen aus.“ Für Coelho heißt das: „Lektion nicht gelernt.“ Mit Konsum allein lässt sich keine nachhaltige Entwicklung in Gang bringen. Portugal habe „ein gewisses Maß“ an Austerität gebraucht, findet der Wirtschaftsdozent, doch hinter den von der Troika und der Passos-Coelho-Regierung betriebenen Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen habe ein „Masterplan“ gefehlt. Besonders betrüben ihn die Kürzungen im Bildungssystem, die er hautnah an seiner Universität zu spüren bekam. Und Portugals Forschungszentren seien „ein komplettes Desaster“. Die hätten manchmal noch nicht mal Geld, die Stromrechnungen zu bezahlen. So könne das Land seine Zukunft nicht bestehen.

Dass sich Portugal in den vergangenen Jahren ganz auf die Haushaltskonsolidierung konzentriert hat, koste es, was es wolle, ist angesichts einer angesammelten Staatsschuld von 130 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung nicht abwegig. Aber bitter. Ja, das Land sei wirklich ein europäischer „Musterschüler“ gewesen, findet Karl Heinz Stock. „Portugal setzt all das um, was von Brüssel gefordert wird.“ Nur sei das leider die falsche Politik. Er als Unternehmer bekomme die Folgen zu spüren: die „extremen Belastungen“ durch höhere Steuern, die sinkende Kaufkraft. Doch während Stock ein Vermögen im Rücken hatte, um die schwierigen Jahre zu überstehen, haben die portugiesischen Rentner und Arbeiter in dieser Zeit in den Abgrund geblickt. Viele von ihnen sind wütend.

„Unsere Regierenden sind troikistischer als die Troika“, sagt die 27-jährige Sara Simões aus Lissabon, Aktivistin der Precários Inflexíveis, der „Unnachgiebigen Prekären“, die sich seit 2007 für die Rechte der Hunderttausenden einsetzen, die in Portugal nur mit Zeitarbeitsverträgen oder als Scheinselbstständige über die Runden kommen. „Die Troika ist immer ein Problem, weil sie nur ein Programm hat, das sie überall gleich durchzieht. Aber hier in Portugal hat die Troika auch als Entschuldigung hergehalten für Entscheidungen, die die Parteien sowieso in ihren Programmen stehen hatten.“ Simões unterscheidet nicht zwischen der regierenden konservativen Koalition und den Sozialisten, die bis 2011 an der Macht waren. Ob die einen oder die anderen bei den Wahlen am Sonntag gewinnen, einen grundlegenden Politikwandel wird es nach Simões‘ Überzeugung nicht geben.

Bei aller Wut bleiben die Portugiesen erstaunlich still. „Es gibt in Portugal unglücklicherweise keine Kultur der politischen Teilnahme“, sagt Simões. Das bekümmert auch den Wirtschaftsdozenten Luís Coelho. „Warum haben wir nicht sowas wie Podemos in Spanien oder Syriza in Griechenland? Hier gibt es alle Zutaten, die diese Bewegungen dort erschaffen haben, und wahrscheinlich noch mehr. Aber wenn ich meine Landsleute frage: Was sollen wir tun? Dann antworten sie: Hmmm... nun... Ich gehe shoppen. Ich schau mir eine Telenovela an.“

Es gibt keine guten Erklärungen für diese Lethargie. Die langjährige Diktatur? Hat auch Spanien erlebt. Der Katholizismus? Herrscht in halb Europa. Das Bildungssystem, das nicht zum zivilen Engagement erzieht? Vielleicht. Am Ende kann man nur, so wie Karl Heinz Stock, konstatieren: „Die Portugiesen sind unglaublich stur.“ Er hat versucht, die Weinbauern der Region zu einer gemeinsamen Marketingstrategie zu überreden. Vergeblich. „Jeder will seine eigenen Weg gehen.“ Vor zwei Jahren startete er einen öffentlichen Kampf gegen die „erdrückende“ und „sehr verkrustete“ portugiesische Bürokratie, deren Reform er für eine „Überlebensfrage“ hält, ein „absolutes Muss“. Er sprach mit vielen Leuten, saß an Runden Tischen, wurde ins Fernsehen eingeladen. Doch er fürchtet, dass er nicht viel mehr erreicht hat, als „einige Leute zum Nachdenken zu bringen“. Er erinnert sich an ein Mittagessen mit einem ehemaligen Wirtschaftsminister, der ihm in allem zustimmte. „Als wir rausgingen, sagte er mir: Weißt du, Karl, wir warten seit der Revolution auf Veränderungen.“ Stock war fassungslos. „Wir müssen nicht warten, wir müssen was tun!“, antwortete er dem Exminister. Er selbst tut was. Das geht auch unter portugiesischer Sonne.

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